Sucht: Die große Suchtgefahr beim Glücksspiel

Sebastian
Wie Glücksspiel zur Sucht wird
Oft beginnt die Spielsucht am Spielautomaten in der Kneipe, bei anderen führt der Besuch eines Spielcasinos zur Glücksspielabhängigkeit. Die Betroffenen verspielen nicht selten ihr gesamtes Vermögen, machen Schulden und betrügen ihre Angehörigen. Die Nachrichtenagentur „dpa“ sprach mit dem Sucht- und Sozialtherapeut Ulf Weidig über die Sucht des Glücksspiels und ihre fatalen Folgen.

Glücksspiel kann in kurzer Zeit zur Sucht werden
Als Robert Fuchs (Name geändert) mit gut 20 Jahren nach einer Trennung Ablenkung suchte, spielte er das erste Mal am Geldautomaten in der Kneipe. Es war nur wenig Geld und ums Gewinnen sei es ihm damals nicht gegangen, berichtet er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur. Durch das Glücksspiel kam er auf andere Gedanken, wurde vom Trennungsschmerz abgelenkt. „Ich habe mich dort beschäftigt gefühlt. Ob ich Geld gewonnen habe, weiß ich nicht mehr“, so Fuchs. Damals absolvierte er eine Ausbildung zum Industriekaufmann.

Die große Sucht beim Glücksspiel wird oft verharmlost. Dabei ist das Leiden sehr groß. (Bild imagesetc - fotolia)
Die große Sucht beim Glücksspiel wird oft verharmlost. Dabei ist das Leiden sehr groß. (Bild imagesetc – fotolia)

Für ihn war die Entscheidung, Ablenkung im Glücksspiel zu suchen, fatal, wie er zugibt. „Ich wurde fast sofort süchtig danach.“ Mittlerweile hat der inzwischen 40-Jährige drei Therapien hinter sich. Mehrere Beziehungen gingen durch das Glücksspiel in die Brüche. „Über die Jahre habe ich geschätzt 200.000 Euro verspielt“, erzählt Fuchs. Er konnte einfach nicht mehr aufhören zu spielen. „Ich habe erst aufgehört, wenn das Geld aus war oder der Laden zugemacht hat.“ Trotz eines guten Gehalts von rund 2.500 Euro im Monat, war er ständig in Geldnot. So beklaute er sogar seine Lebensgefährtin und seinen Arbeitgeber. „Nach außen war ich ein vertrauenswürdiger Mensch.“

Glücksspielsüchtigen geht es nicht in erster Linie um Geld
Aber warum verspielt jemand so viel Geld? Glücksspielsüchtigen gehe es nicht um das Geld, sondern vielmehr um das Erleben, berichtet Weidig. „Sie wollen das Glücksgefühl und die Kontrollillusion beim Gewinnen erleben. Sie suchen die Dopamin-Ausschüttung, die das mit sich bringt.“ Der Sucht- und Sozialtherapeut arbeitet im Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen der Alexianer Bürgerhaushütte in Duisburg. „Glücksspielsüchtige glauben, dass sie nach ihren ersten Erfolgen nur häufig genug spielen müssen, bis ihnen wieder ein großer Wurf gelingt und eventuelle Schulden wieder beglichen werden können.“ Auf diese Weise steigern die Betroffenen ihr Selbstwertgefühl und unterdrücken negative Gefühle.

Häufig zeige sich bei den Süchtigen ein akuter Zeit- und Geldmangel, berichtet Weidig. „Oft trotz gutem Einkommen und geregelter Arbeitszeit.“ Er rät Angehörigen dazu, denjenigen direkt anzusprechen, wenn er trotz eines guten Gehalts immerzu Geld leihen will, kaum zu Hause ist oder sich nicht an Absprachen hält. „Dabei darf man nicht vergessen: Spielsüchtige sind immer auch charmante Schauspieler, die gut lügen können.“ Stimmungsschwankungen gehörten ebenfalls zu den typischen Anzeichen. „Das kann man durchaus mit Drogensüchtigen vergleichen: Wenn Spieler nicht spielen können, werden sie unruhig.“

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Glücksspielsucht wird von Betroffenen häufig verharmlost
Viele Glücksspielsüchtige verharmlosen oder verdrängen ihre Probleme. „Das Suchtverhalten dominiert in aller Regel die Vernunft, was als wesentliches Merkmal aller Suchterkrankungen gilt“, erläutert Weidig. Häufig führe erst eine persönliche Krise wie etwa eine Trennung oder der Jobverlust dazu, dass die Süchtigen den Handlungsbedarf erkennen. Deshalb ist es wichtig, dass Freunde, Familie oder Partner auf negative Veränderungen achten und Stellung dazu beziehen. „Nahe stehende Personen sollten Spielsüchtigen klar die Konsequenzen aufzeigen“, weiß auch Fuchs. „Konkret bedeutet das etwa: Zugang zu gemeinsamen Geldern sperren, mit dem Auszug drohen – und das im Zweifel auch in die Tat umsetzen.“ Die Angehörigen sollten den Spielsüchtigen aber nicht fallen lassen. Aber der Spieler muss spüren, dass sein Verhalten Folgen hat. „Wenn Androhungen folgenlos bleiben, macht ein Glücksspielsüchtiger einfach weiter. Es gibt dann ja für ihn keinen echten Grund aufzuhören.“

Nicht selten geraten auch Angehörige durch die Spielsucht in die Schuldenfalle, weil sie Kredite übernehmen müssen. Sie hoffen, dass der Spielsüchtige nicht mehr spielt, wenn die Kredite abbezahlt sind. „Mit dem Geld unterstützen Angehörige in der Regel allerdings nicht die geliebte Person, sondern den glücksspielsüchtigen Anteil des Menschen“, heißt es im Buch „Pathologisches Glücksspielen“ von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS).

Bei Glücksspielsucht kann eine Therapie helfen
Den Betroffenen könne eine Therapie mit psychotherapeutischen Gesprächen und Gruppenarbeit helfen, betont Weidig. „Im Gespräch mit anderen Betroffenen und spielfreien Menschen reifen die Erkenntnisse über das eigene Problem oft am besten“, so der Sucht- und Sozialtherapeut. Etwa 60 Prozent der Spielsüchtigen, die bei ihm eine solche Therapie machten, hätten gute Chancen, ihre Sucht nachhaltig zu überwinden. Von Heilung kann dabei jedoch nicht gesprochen werden, da Glücksspielsucht eine chronische Erkrankung ist. „Realistisches Therapieziel ist eine zufriedene und stabile Abstinenz“, so Weidig.

Die DHS fordert eine konsequente Umsetzung von Spielsperren zum Schutz von Spielsüchtigen. „Studien im In- und Ausland belegen, dass Spielersperren pathologische Glücksspieler wirksam schützen können. Diese schätzen die Möglichkeit der Selbstsperre als einen erfolgversprechenden Schritt auf dem Weg ihrer Genesung. Leider kommen die Spielbanken ihrer Verpflichtung zur Sperre von Spielsuchtgefährdeten (Fremdsperre) bisher nur sehr zögerlich nach“, berichten die Experten in einer Mitteilung.

Rund 500.000 Glücksspielsüchtige in Deutschland
Fuchs ist mittlerweile spielfrei. Bis dahin hat er jedoch mehrere Rückfälle erlebt. Eine Rückkehr in den Arbeitsalltag als Industriekaufmann schließt er aus. „Geld ist für mich gefährlich, ich kann es für andere nicht verwalten.“ Deshalb macht Fuchs nun eine Umschulung im sozialen Bereich. Dass er derzeit über kein Vermögen verfüge, sei für ihn nicht schlimm. „Alle Schulden sind bezahlt, es fehlt an nichts.“ Dennoch wird seine Spielsucht auch weithin Teil seines Lebens sein. Zwar geht er seit vier Jahren zur Therapie und ist abstinent, geheilt wird er aber nie sein.

In Deutschland sind rund 500.000 Menschen von einer Spielsucht betroffen, wie eine Studie zu Pathologischen Glücksspielen und Epidemiologie (PAGE) im Jahr 2011 zeigte. Die Sucht gilt als psychische Störung. Der Studie zufolge haben weitere rund 3,5 Millionen Menschen mindestens Probleme mit Glücksspiel. Die größte Suchtgefahr geht laut Untersuchung von Spielautomaten aus. Zudem besteht aber auch bei Roulette, Black Jack, Poker und Sport-Wetten ein Risiko. (ag)