Suchtanfällig durch Stress in der Schwangerschaft

Fabian Peters

Schwangerschaftsstress macht Kinder suchtanfällig

02.11.2011

Stress während der Schwangerschaft hat nicht nur auf den Körper der Mütter sondern auch den Organismus der Kinder erhebliche Auswirkungen. Nun haben portugiesische Forscher im Tierversuch nachgewiesen, dass bei den ungeborenen Kindern durch den vorgeburtlichen Stress Gehirnanomalien ähnlich denen bei Drogensüchtigen ausgelöst werden können.

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Inwieweit die im Fachmagazin „Molecular Psychiatry“ veröffentlichten Ergebnisse der Wissenschaftler von der Universität Minho in Braga auch auf Menschen übertragbar sind, bleibt bisher unklar. Doch in Quebec besteht schon bald die Möglichkeit langfristige Auswirkungen von Stress in der Schwangerschaft auf die ungeborenen Kinder genauer zu untersuchen. Denn hier war im Januar 1998 während eines Eissturms über Wochen der Strom ausgefallen und seither beobachten Forscher in dem „Project Ice Storm“ die Entwicklung der Kinder, die während des Stromausfalls geboren wurden.

Die portugiesischen Wissenschaftler Ana João Rodrigues und Nuno Sousa von der Universität Minho haben im Rahmen ihrer aktuellen Untersuchungen festgestellt, dass der Nachwuchs von Ratten erhebliche Anomalien im Gehirn aufwies, wenn die Mütter während der Schwangerschaft einem erhöhten Stresshormonspiegel unterlagen. Die veränderten Muster im Gehirn ähneln denen von Drogensüchtigen und sprechen dafür, dass auch bei Menschen Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft erhöhtem Stress ausgesetzt sind, eine gesteigerte Suchtanfälligkeit aufweisen, berichten die Wissenschaftler im Fachjournal „Molecular Psychiatry“. Allerdings konnten die Auswirkungen der Stresshormone bei den Tierversuchen auch wieder rückgängig gemacht werden, betonten Rodrigues und Sousa. Mit dem sogenannten Glückshormon Dopamin ließen sich die Muster im Gehirn der Ratten wieder normalisieren.

Stresshormone verursachen Gehirnanomalien
Die Forscher hatten bei ihren Untersuchungen schwangeren Rattenweibchen vor der Geburt des Nachwuchs spezielle Stresshormone injiziert, die sogenannten Glukokortikoide, und anschließend beobachtet, welche Auswirkungen dies auf die Gehirnstruktur der Jungtiere mit sich brachte. Dabei stellten Rodrigues und Sousa fest, dass der Nachwuchs der Rattenweibchen, die einen erhöhten Stresshormonspiegel aufwiesen, als erwachsene Tiere vermehrt unter Gehirnanomalien litten. Diese Anomalien ähnelten verblüffend denen von Drogensüchtigen und die Tiere zeigten sich außerdem suchtanfälliger gegenüber Opiaten und Alkohol, schreiben die portugiesischen Forscher. Allerdings ließ sich die Auswirkung der Stresshormone auf das Gehirn auch im späteren Lebensverlauf noch revidieren, mit Hilfe von Injektionen des Neurotransmitters Dopamin, so die Aussage von Rodrigues und Sousa. Die Gehirnanomalien waren demnach ebenso reversibel wie die Suchtanfälligkeit.

Wiederherstellung des Dopamin-Niveaus zur Suchtbehandlung
Dies sei „ein erstaunliches Ergebnis, weil es darauf schließen lässt, dass mit einem relativ einfachen pharmakologischen Ansatz, der Wiederherstellung des Dopamin-Niveaus“ Drogensüchte möglicherweise behandelt werden können, erklärte Ana João Rodrigues. „Wichtiger noch“, ist laut Aussage der Expertin, dass auf Basis der aktuellen Erkenntnisse möglicherweise auch „der potenziellen Drogensucht bei anfälligen Menschen“ vorgebeugt werden kann. Allerdings betonten die portugiesischen Forscher gleichzeitig, dass noch ein weiter Weg zu gehen sei, bis die Methode der Wiederherstellung des Dopamin-Niveaus auch als reguläre therapeutische Behandlung zum Einsatz kommen kann. Zwar wurde das Verfahren laut Aussage der Forscher bereits probeweise bei der Behandlung von Kokain-Abhängigkeit eingesetzt, die Ergebnisse blieben jedoch äußerst unklar, weshalb dringend weitere Forschungen erforderlich seien, erklärten Rodrigues und Sousa. Die Wissenschaftler vermuten, dass der bisher wenig erfolgreiche Einsatz der Wiederherstellung des Dopamin-Niveaus möglicherweise auf die Dauer der Behandlung oder die Dosierung der Glückshormone zurückzuführen sei. Denn auch bei den Tierversuchen habe sich gezeigt, dass eine dreitägige Behandlung bei den Tieren, deren Mütter in der Schwangerschaft erhöhtem Stress ausgesetzt waren, nur einen kurzfristigen Effekt zeigte und die Ratten bereits nach drei Wochen wieder die Anomalien im Gehirn und eine erhöhte Suchtanfälligkeit aufwiesen. Bei einer Wiederherstellung des Dopamin-Niveaus über einen Zeitraum von drei Wochen seien die Tiere jedoch nicht wieder in ihr ursprüngliches Suchtverhalten zurückgefallen, erläuterten Rodrigues und Sousa.

Langzeitstudie zu den Auswirkungen von vorgeburtlichem Stress
Um den Effekt von Stress in der Schwangerschaft auf den Organismus der ungeborenen Kinder besser zu verstehen und auch langfristige Auswirkungen zu erfassen, hoffen die Forscher weltweit auf die Daten des sogenannten „Project Ice Storm“. Bei diesem Projekt erfassen kanadische Forscher seit dem Stromausfall im Jahr 1998 in Quebec die Daten der damals geborenen Kinder, denn die Mütter waren in den Wochen ohne Strom deutlich erhöhtem Stress ausgesetzt, so die Grundannahme der Wissenschaftler. Die Forscher beobachten die Entwicklung der Kindern und versuchen herauszufinden, wie sich der vorgeburtliche Stress langfristig auf deren Organismus auswirkt. Dabei haben die kanadischen Wissenschaftler bei den heute 13-jährigen Kindern bereits deutliche Gehirnanomalien festgestellt und in den kommenden Jahren werde sich auch der Zusammenhang mit der Suchtanfälligkeit überprüfen lassen, erläuterten Ana João Rodrigues und Nuno Sousa. Parallel sollten jedoch schon heute neue Ansätze zur Behandlung von Drogenabhängigen auf Basis der Wiederherstellung des Dopamin-Niveaus entwickelt und getestet werden, so die Aussage der portugiesischen Wissenschaftler. (fp)

Bild: JMG / pixelio.de