Suchtfaktor bei Onlinespielen und Cybersex

Alfred Domke

Suchtfaktor Internet: Süchtig nach Onlinespielen und Cybersex

06.07.2013

Das Internet birgt Suchtgefahren, von denen sowohl Männer, als auch Frauen betroffen sind. Bei den männlichen Nutzern finden sich mehr Abhängige von Onlinespielen und Cybersex und junge Frauen zeigten manchmal sogar Entzugserscheinungen, wenn sie Soziale Netzwerke nicht nutzen können.

Ambulanz für Internetabhängige
So neu, wie vor kurzem eine deutsche Politikerin meinte, ist das Internet gar nicht mehr. Für den Großteil der Bevölkerung gehört es seit langem zum Alltag. Immer mehr Menschen verbringen ihre Zeit im Netz, spielen Onlinespiele und kommunizieren nur noch über soziale Netzwerke. Und mittlerweile ist auch die Internetsucht kein Randphänomen einer Generation mehr. So erhält etwa die Ambulanz für Internetabhängige in Bochum Zugang von vier bis fünf neuen Patienten pro Woche. Die Ambulanz wurde im letzten Jahr eröffnet und inzwischen gibt es in vielen anderen Städten solche Hilfsangebote. Am Rande der Tagung „Modediagnosen in der Psychiatrie“ im sauerländischen Hemer sagte der Arzt und Psychotherapeut Bert te Wildt von der Bochumer Ambulanz: „Die mit Abstand größte Gruppe kommt aus dem Bereich der Online-Spiele.“ Danach folgen mit Abstand die Cybersexsüchtigen und bei jungen Frauen führen am ehesten Soziale Netzwerke zu Problemen.

Über eine halbe Million abhängig
In Deutschland sind Studien zufolge mehr als eine halbe Million Menschen internetabhängig. Männliche Jugendliche und junge Männer verfallen meist Onlinespielen und sind bedroht, dadurch im realen Leben, in der Schule oder im Job zu scheitern. „Die Betroffenen ziehen sich ins Internet zurück und finden in manchen Fällen von selbst nicht mehr heraus“, so te Wildt, Mediziner an der Bochumer Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Dabei werden reale Erfahrungen immer weniger und Kontakte würden sich weitgehend auf Mitspieler im Internet beschränken. „Das Internet ist dann der einzige Ort, in dem sie dann noch etwas Positives erleben können.“ Die in der realen Welt gemachten Erfahrungen seien dann eher kränkend und beängstigend.

Anerkennung als Held durch Onlinespiele

Eine Abhängigkeit entstehe vor allem, da man online auch Kontakt zu Mitspielern hat und die Hersteller der Spiele es verstehen, immer neue virtuelle Welten und Spiellevel zu bieten. „Man kann dort unendlich lange spielen und Anerkennung als Held finden.“ Nach Erfahrung der Bochumer Ambulanz sind Depression und Soziophobie (Angst vor sozialen Kontakten) die häufigsten Begleiterscheinungen der Internetsucht.

Cybersex und Soziale Netzwerke
Von Cybersex seien vor allem Männer eher mittleren Alters besessen. Dabei werden ständig pornografische Bilder und Videos im Netz angesehen und gesammelt. In der Regel gehe es gar nicht um die Anbahnung von Kontakten, sondern im Gegenteil um eine Art Ersatzsuche, wenn bestimmte sexuelle Neigungen nicht ausgelebt werden können, da diese eine Beziehung gefährden könnten oder illegal sind. Junge Frauen haben eher unter einer Abhängigkeit von Sozialen Netzwerken zu leiden. Laut te Wildt könnten sich bei ihnen sogar leichte psychische Entzugserscheinungen entwickeln, wenn sie nicht online sein können.

Internetsucht genetisch beeinflusst?
Bislang ist über die Sucht noch wenig geforscht worden, aber deutsche Wissenschaftler fanden heraus, dass eine Genmutation Internetsucht begünstigen könnte. Demnach bewirkt die Mutation eine Veränderung des Stoffwechsels wichtiger Signalstoffe im Gehirn und macht dadurch anfälliger für suchttypisches Verhalten. Zu diesem Ergebnis kamen im letzten Jahr Wissenschaftler der Universität Bonn und des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim, die im Fachmagazin „Journal of Addiction Medicine" schrieben, dass die Mutation zukünftig als Marker dienen könne, um Internetsucht zu diagnostizieren, sofern sich die Ergebnisse in weiteren Studien bestätigen. Die Forscher fanden heraus, dass die Mutation häufiger bei Süchtigen auftritt als bei Menschen mit normalem Internetnutzungsverhalten. „Es zeigt sich, dass Internetsucht kein Hirngespinst ist", erklärte Christian Montag von der Abteilung für Differentielle und Biologische Psychologie der Universität Bonn. „Sie rückt zunehmend in den Fokus der Wissenschaftler und Therapeuten.“ Dabei gebe es ähnlich wie bei Nikotin- oder Alkoholabhängigkeit molekulargenetische Zusammenhänge. (ad)

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