Süchtig: Hypersexualität: Leiden statt Lust

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Sebastian
Prominente wie der Rolling Stones Musiker Ron Wood oder der Schauspieler Michael Douglas haben sich in der Vergangenheit wegen Sexsucht behandeln lassen. Manche Menschen meinen, diese Sucht gäbe es nicht und sei eine Art Ausrede für das ausschweifende Leben. Experten wissen aber: Bei Hypersexualität ist die schönste Sache der Welt nicht lust-, sondern leidvoll.
Experten sprechen von Hypersexualität
Golf-Profi Tiger Woods, US-Schauspieler Michael Douglas oder „Akte X“-Darsteller David Duchovny: Sie und viele andere Prominente sollen sexsüchtig sein und sich deshalb schon mal in Behandlung befunden haben. Viele Menschen bezweifeln, dass es die Krankheit Sexsucht wirklich gibt. Psychologen und Therapeuten wissen jedoch, dass sie existiert, sprechen in diesem Zusammenhang allerdings von einer sogenannten „Hypersexualität“. Diese belastet Menschen so stark wie Drogensucht, berichteten britische Forscher vor kurzem. Besonders belastend für Betroffene: Es gibt keine Befriedigung für Sexsüchtige. Bei Hypersexualität wird die Lust zur Qual.

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Verschiedene Aspekte von Suchterkrankungen
Wie die Wiener Psychologin Dr. Christina Raviola beim Interdisziplinären Symposium zur Suchterkrankung in Grundlsee (Steiermark) erklärte, ist Sex, der in Sucht umschlägt, nicht mehr lustvoll, sondern belastend und schädigend. Einer Meldung der Nachrichtenagentur APA zufolge widmete sich die Tagung medizinischen, psychologischen, psychosozialen und juristischen Aspekten der Suchterkrankungen. Diese bilden eine ausgesprochen breite Palette an Störungen, von der sogenannten substanzgebundenen Abhängigkeit (Alkohol, illegale Drogen) bis hin zur Glücksspielsucht, Internetsucht, Kauf- und schließlich zur Sexsucht.

Drei bis sechs Prozent der Bevölkerung betroffen
Neu ist solches exzessive Sexualverhalten nicht. Wie die APA schreibt, sind Don Juan mit seinen allein in Spanien 1.003 Affären sowie die Schilderungen Casanovas vor Jahrhunderten in die (Opern-)Literatur eingegangen. Der Psychiater Richard Kraft-Ebing definierte die Störung bereits 1886 als „Geschlechtstrieb, der das ganze Denken und Fühlen in Beschlag nimmt“. Was in der Phase der Verliebtheit „normal“ sei, werde im Rahmen der Störung zur leidvoll erlebten Obsession. „In Ländern wie Deutschland und Österreich leiden an „Sexsucht“ (laut verschiedenen Studien; Anm.) etwa drei bis sechs Prozent der Gesamtbevölkerung, also um die fünf Prozent. Das Verhältnis von Männern zu Frauen beträgt fünf zu eins“, erläuterte die klinische Psychologin aus Wien, die sich der Behandlung Betroffener widmet.

Sexsüchtigen fällt es schwer, Beziehungen zu halten
Der US-amerikanische Sexualforscher Alfred Kinsey definierte Hypersexualität 1948 als eine Störung, bei der zwanghaft mindestens sieben Orgasmen pro Woche über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten erreicht werden. Dies wird in der Regel als wenig oder gar nicht befriedigend empfunden. Nach einem Höhepunkt kommt es zu depressiver Stimmung. Für Betroffene besteht ein Leidensdruck. „Wer mehrmals pro Tag masturbiert und ständig auf der Suche nach sexuellen Reizen ist, ist schon mitten drin im Suchtverhalten. Hypersexuelle Menschen haben Schwierigkeiten, Kontakte anzubahnen und Beziehungen zu halten“, erklärte Dr. Raviola.

Darstellungen rund um die Uhr verfügbar
Hinzu kommt der Zwang, ständig sexuelle Darstellungen zu betrachten. Im Internet ist dies 24 Stunden am Tag möglich. Bei Betroffenen kann das zur Vereinsamung, der Vernachlässigung jedweder Sozialkontakte, von Schule und Beruf führen. „Inzwischen kommen schon Jugendliche ab der siebenten Schulstufe zur Therapie“, sagte die Psychologin. Das hänge womöglich auch mit der wachsenden Häufigkeit von Hyperaktivitätsstörungen in dieser Altersklasse zusammen. Cybersex ist immer verfügbar. „60 bis 70 Prozent der 13-Jährigen sind regelmäßig via Internet mit pornografischen Inhalten konfrontiert“, erklärte die Expertin.

Hilfe für Betroffene
Allerdings fand „Sexsucht“ trotz der Häufigkeit bislang nicht Eingang in die internationalen Krankheitsregister. Wie es in der APA-Meldung heißt, ist es nicht ganz klar, ob es sich um Sucht, eine Zwangsstörung oder um eine nicht ausreichende Impulskontrolle von Trieben handelt. Den Angaben zufolge sind biologisch Verbindungen mit dem Dopamin- und/oder dem Serotoninsystem und eventuell auch mit ADHS gegeben. Der Weg aus dieser Sucht ist meist lange und komplex. „Totalabstinenz über drei bis sechs Monate ist auf jeden Fall notwendig. Es geht um das Erlernen von Kontrollmechanismen“, erläuterte Dr. Raviola.

Wichtig ist, eventuelle psychische Grunderkrankungen anzugehen, um der Sucht nach Sex zu begegnen. Bei Therapiebeginn kommen zunächst oft auch selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) zum Einsatz, die auch in der Behandlung von Depressionen verwendet werden. In den USA existieren schon seit langem Fachkliniken, die sich auf die Behandlung von Hypersexualität spezialisiert haben. In Deutschland bieten Selbsthilfegruppen wie etwa die „Anonymen Sexaholiker“ oder „Anonyme Liebessüchtige“ Betroffenen eine erste Anlaufstelle.(ad)

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