Superverbreiter übertragen trotz Antibiotika

Heilpraxisnet

Großteil von Krankheitsübertragungen durch „Superverbreiter“

21.10.2014

Eine Minderheit von Menschen, sogenannte „Superverbreiter“, können ihre Mitmenschen auch mit Krankheiten anstecken, obwohl sie selbst völlig gesund wirken. Wie eine neue Studie nun zeigt, ist dies scheinbar auch durch die Behandlung mit Antibiotika nicht zu verhindern.

Antibiotika-Behandlung stoppt Verbreitung von Krankheitserregern nicht
Es gibt Menschen und Tiere, die selbst nach einer Behandlung mit Antibiotika noch weiter Krankheitserreger verbreiten können. Wie nun eine Studie an Mäusen zeigte, vertragen diese sogenannten Superverbreiter („Superspreader“) den Medikamenteneinsatz offenbar besser als eine Vergleichsgruppe. Die US-Forscher um Denise M. Monack von der Stanford Universität veröffentlichten ihre Ergebnisse vor kurzem im Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“.

Minderheit verbreitet Mehrheit von Erregern
Sowohl bei Menschen als auch bei Tieren kommen Superverbeiter vor. Wie der „Spiegel“ berichtet wurden etwa Lebensmittelvergiftungen mit Salmonellen und Kolibakterien auf „Superspreader“ in Viehherden zurückgeführt. Zudem haben in den vergangenen Jahren immer mehr Studien gezeigt, dass eine Minderheit von Superverbreitern für die Mehrheit von Krankheitsübertragungen verantwortlich ist. Im Allgemeinen wird auf die 80/20-Regel von Mark Woolhouse zurückgegriffen, der zufolge 20 Prozent der infizierten Träger 80 Prozent der Infektionen verantworten. Bislang war jedoch nur wenig darüber bekannt, was die Superverbreiter von anderen Infizierten unterscheidet. Monack erläuterte dazu in einer Pressemitteilung ihrer Forschungseinrichtung: „Zu wissen, wie man Superspreaders schnell und einfach identifiziert, könnte helfen, Epidemien einzugrenzen oder sie gar zu verhindern.“

Immunsystem zerstört Bakterien nicht
Für ihre Studie infizierten die Mediziner der Universität Stanford Mäuse mit Salmonellen (Salmonella typhimurium) und bestimmten danach das Level der fäkal ausgeschiedenen Bakterien. Es zeigte sich, dass 30 Prozent der Tiere zu den Superverbeitern gehörten. Diese Mäuse schieden hohe Mengen Bakterien aus, hatten jedoch keine Symptome, ihr Immunsystem zerstörte die Bakterien nicht. Sie hatten ein heruntergeregeltes Immunsystem und statt die Bakterien zu bekämpfen, lebten die Superverbeiter damit. Sowohl die Superverbeiter als auch die übrigen infizierten Mäuse zeigten nach einer Behandlung mit bestimmten Antibiotika Störungen des Darmtrakts. Doch während die normal infizierten Mäuse eine erhöhte Bakterienausscheidung, Entzündungsreaktionen und eine hohe Morbidität aufwiesen, waren bei den Superverbreitern keine Symptome zu erkennen.

Abgeschwächtes Immunsystem hilft Superverbreitern
Zudem wurde beobachtet, dass die Mäuse, die nicht zu den Superverbreitern gehörten, im Durchschnitt 15 Prozent ihres Körpergewichts verloren, die Superspreaders hingegen nur zwei Prozent. Den Angaben der Wissenschaftler zufolge könnte das ein Hinweis darauf sein, dass diese durch ihre Eigenschaft als Superverbreiter auch eine Toleranz gegenüber den antibiotisch begründeten Darmschädigungen und Entzündungsreaktionen haben. Auch hier könne ihnen ihr abgeschwächtes Immunsystem helfen. Laut Monack seien sie weiterhin gesund genug gewesen, um Erreger zu verbreiten.

Unklar ob Ergebnisse auf Menschen übertragbar sind
Die Gabe von Antibiotika habe demnach in diesem Fall genau das Gegenteil des gewünschten Effekts erzielt. „Die Superverbreiter scheiden zwar nach der Behandlung mit Antibiotika weniger Bakterien aus als die anderen Mäuse. Diese sind allerdings zu schwach, um die Krankheit wirklich weiterzuverbreiten – im Gegensatz zu den Superspreaders“, so Monack. Die Medizinerin erklärte weiter, dass es noch nicht klar sei, inwiefern die Ergebnisse auf den Menschen übertragen werden könnten. Es könne auch bei der Entwicklung von Therapien chronischer Darmentzündungen wie Morbus Chron helfen, wenn weiter erforscht werde, wie das Immunsystem von Superverbreitern abgeschwächt wird.

Tausende Ansteckungen auf chinesischen Arzt zurückzuführen
Eines der Beispiele, die zeigen, wie wichtig die Erforschung der Superverbreiter insgesamt ist, ist die erste weltumspannende Epidemie dieses Jahrtausends: Ein chinesischer Arzt steckte 2003 etwa ein Dutzend Menschen mit dem Schweren Akuten Respiratorischen Syndrom (Sars) an. Später errechnete die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass etwa die Hälfte der weltweit insgesamt rund 8.000 registrierten Fälle der Viruserkrankung auf den Mann zurückging. Das andere Beispiel, auf das Monack verweist, liegt länger zurück. Anfang des 20. Jahrhunderts sei die sogenannte „Typhus Mary“ („Typhoid Mary“) eine der berüchtigsten Superverbreiter in den USA gewesen. Die aus Irland eingewanderte Mary Mallon war die erste Person in den Vereinigten Staaten, die als nicht erkrankter Träger von Typhus identifiziert wurde.

Identifikation nur durch Stuhluntersuchung möglich
Die Frau schied große Mengen des Bakteriums Salmonella typhi aus, bildete selbst jedoch keine entsprechenden Symptome aus. Als Köchin wechselte sie mehrmals die Haushalte, für die sie arbeitete und infizierte über 50 Menschen mit der Infektionskrankheit Typhus. Nachdem Mallon eine neue Stelle antrat erkrankten Familienmitglieder dort oft rasch an Fieber und Durchfall. Sie selbst wurde später zwangsweise unter Quarantäne gestellt und starb mit 69 Jahren an einer Lungenentzündung. „Typhus Mary“ zeigt für Monack, wie hilfreich eine schnelle Erkennung von Superverbreitern etwa bei Menschen wäre, die mit Nahrungsmitteln arbeiten. Die aktuellen Studienergebnisse könnten hier neue Hinweise geben. Eine Identifikation von Superverbreitern ist derzeit nur durch eine Stuhluntersuchung möglich. „Und dieses Verfahren ist selbst bei Vieh im besten Fall unbequem“, meinte Monack. (ad)

Bild: Urs Mücke / pixelio.de