Tabuisierung von Inkontinenz

Astrid Goldmayer

Gegen die Tabuisierung von Harn- oder Stuhlinkontinenz

19.06.2013

Harn- und Stuhlinkontinenz gehören immer noch zu den Tabuthemen unserer Gesellschaft. Betroffene fühlen sich stigmatisiert und ziehen sich nicht selten aus ihrem sozialen Umfeld zurück. Im Rahmen der „Welt Inkontinenz Woche“, die in der letzten Juni-Woche in Wien stattfindet, macht die Medizinische Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ) auf das Problem aufmerksam und will Betroffene zur Behandlung ermutigen. Denn die Heilungschancen sind gut.

Harninkontinenz tritt häufig nach Schwangerschaft auf
„Rund 15 Prozent aller Frauen sind vom ‚unwillkürlichen Harnabgang‘ betroffen“, berichtet Professor Engelbert Hanzal, Leiter der Urogynäkologischen Ambulanz an der Universitätsklinik für Frauenheilkunde der MedUni Wien am Allgemeinen Krankenhaus (AKH). Häufig sei die Harninkontinenz eine Folge der Schwangerschaft, bei der der Beckenboden über einen langen Zeitraum starkem Druck ausgesetzt sei. Zudem wirke sich Übergewicht und häufiges schweres Heben ungünstig aus. Zwar litten Männer deutlich seltener unter der Blasenschwäche, jedoch werde die Erkrankung beim „starken Geschlecht“ häufig unterschätzt, berichtet der Urologe Wilhelm Hübner vom Landesklinikum Weinviertel/Korneuburg. Männer würden wesentlich mehr unter der Einschränkung der Lebensqualität und ihren Folgen leiden. „Während die Inkontinenz bei Frauen allerdings mit dem positiven Faktor Geburt assoziiert wird, ruft die Blasenschwäche nach Prostataoperationen negative Vorstellungen wie Krebsleiden und Impotenz hervor“, so Hübner. „Im Gegensatz zur Situation der Frau fehlen derzeit für die männliche Erkrankung noch Diagnoseleitlinien. Dennoch gibt es bei allen Formen der Inkontinenz heute gute und spezialisierte Therapiemöglichkeiten. Wir sind in der glücklichen Lage, in vielen Fällen für einzelne Patienten heute mehrere Therapieoptionen anbieten zu können.“

Darminkontinenz beeinträchtigt Lebensqualität massiv
Eine noch größere Beeinträchtigung der Lebensqualität stellt für viele Betroffene die Darminkontinenz dar, die ebenfalls häufiger bei Frauen als bei Männern (im Verhältnis 9 zu 1) auftritt. „Die häufigste Ursache ist eine Schädigung des analen Schließmuskels, meist Folge von Geburten oder Nervenschäden beziehungsweise neurologischen Erkrankungen“, erläutert Professor Max Wunderlich. Viele der Betroffenen schweigen aus Scharm jahrelang bis sie sich ihrem Hausarzt anvertrauen und einen Facharzt aufsuchen. Dabei stehen die Heilungschancen nicht schlecht. Rund zwei Drittel der Fälle von Stuhlinkontinenz können ohne eine Operation geheilt werden. Bei der Harninkontinenz können die Hälfte der Störungen bei Frauen allein durch Beckenbodenbodentraining beseitigt werden. Darüber hinaus stehen chirurgische Verfahren zur Verfügung.
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Im Rahmen der „Welt Inkontinenz Woche“ finden zahlreiche Veranstaltung gegen die Tabuisierung von Inkontinenz statt. Zudem wollen die Experten Betroffene ermutigen, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Es finden Informationsveranstaltungen mit Experten-Vorträgen und dem Angebot an persönlichen Beratungsgesprächen statt. Betroffene können sich per MKÖ-Beratungstelefon Expertise und Hilfe holen oder einen Beratungstermin vereinbaren sowie ein Info-Paket bestellen, das je nach individuellen Bedürfnissen geschnürt und kostenlos verschickt wird“, berichtet Wunderlich. (ag)

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Bild: Rainer Sturm / pixelio.de