Tattoo: Gesundheitsgefahren durch Tätowierungen

Sebastian

Erste Konferenz zur Tattoo-Sicherheit: Tätowierungen sind nicht ungefährlich

08.06.2013

Wer über die gesundheitlichen Risiken von Tattoos berichtet, riskiert bitterböse Mails und Zuschriften von Tätowierern und Tattoo-Fans. Denn die bunten oder einfarbigen Bilder auf der Haut sind längst vergesellschaftet worden. Gerade im Sommer sieht man beinahe an jedem Körper den farbigen Hautschmuck. Eine internationale Fachtagung diskutiert von heute an die Gesundheitsrisiken in Berlin. Eingeladen sind nicht nur Ärzte, sondern auch Vertreter der Tattoo-Szene.

Risiko durch Krankheitserreger
Nach der derzeit gültigen Gesetzeslage ist Tätowieren wie Piercing im Grundsatz eine Körperverletzung, da ein körperlicher Eingriff vollzogen wird, der im medizinischen Sinn unnötig erscheint. Während des „Stechens“ werden Wunden zugefügt, aus denen Blut, Wundsekrete und Seren abfließen, die mit dem bloßen Auge kaum erkennbar sind. „Bereits kleinste Wundtropfen können bei Erkrankten enorme Mengen an gefährlichen Erregern beinhalten“, wie zum Beispiel das Bayrische Landeamt für Gesundheit berichtet. Derartige Erreger könnten zum Beispiel zu Gelbsucht oder Aids führen. Hat sich ein Tätowierer angesteckt, kann dieser die Infektion auch an andere Kunden weitertragen. Aus diesem Grund sollten Tattoo-Willige immer darauf achten, dass der Tätowierer Einweghandschuhe bei der Arbeit trägt.

Allergische Reaktion durch verwendete Farben
Professor Andreas Luch ist im Bundesinstitut für Risikobewertung zuständig für die Sicherheit von sogenannten verbrauchsnahen Produkten. Seiner Erfahrung nach kann es durch das Tätowieren zu allergischen Reaktionen kommen. „Es können Blutungen auftreten und häufig zeigen sich allergische Reaktionen gegenüber den Pigmenten, die in den Mitteln zu finden sind. Typische Komplikationen sind Juckender Hautausschlag, Juckreiz, Entzündungen mit Bläschenbildung“, berichtet der Experte. Allerdings würden die Beschwerden auch nach einer gewissen Zeit wieder verschwinden.

Dass gesundheitliche Komplikationen keineswegs nur extreme Einzelfälle sind, verdeutlichten einige Untersuchungen. So berichtet Luch, dass es bei etwa sechs bis acht Prozent der Tätowierten zu länger anhaltenden Gesundheitsbeschädigungen kommt. Vor einem Jahr zum Beispiel erlitt ein Mann aus Köln eine starke allergische Reaktion. Weil keine Therapie anschlug, wussten sich die Klinikärzte nicht mehr anders zu helfen und entfernten die gesamte tätowierte Haut. Die entfernte Haut wurde im Anschluss durch Haut von anderen Körperbereichen angereichert.

Unbekannt ist bis heute, was die Tinte unter den Hautschichten im Körper anrichtet. „Niemand kann derzeit ausschließen, dass Tätowiermittel nach zehn oder 15 Jahren zu gesundheitlichen Schäden führen – denkbar sind Organschäden bis hin zu tumorartigen Veränderungen“, erklärt Luch. So hätten Stichproben ergeben, dass in den Farben auch toxische Schwermetalle enthalten waren. Unter den Schwermetallen waren auch Substanzen, die in Versuchen sich als hochgradig krebserregend herausstellten.

Immer mehr Menschen legen sich ein Tattoo zu. In Städten eröffnet beinahe an jeder Ecke ein neuer Laden. Doch in Sachen Aufsicht und Regulierung stehen die Behörden in Europa noch ganz am Anfang. „Es gibt in Deutschland eine Tätowier-Mittel-Verordnung“, entgegnet Weber. Allerdings können die Studios von den Gesundheitsämtern nicht regelmäßig und flächendeckend kontrolliert werden. Eine eigens eingesetzte EU-Kommission hat zudem Empfehlungen für Farbmittel publiziert. „Diese sind nicht für die EU-Mitgliedsstaaten verpflichtend“, mahnt Luch.

Ein Gewerbeschein reicht auch um ein Studio zu eröffnen
Auch der Verband der Deutschen Organisierten Tätowierer e.V. (DOT) bedauert es, „dass ein Gewerbeschein reicht, um ein Tattoo-Studio aufmachen zu können und es dann relativ lange dauert, bis Kontrollen durchgeführt werden“, sagt der Sprecher Maik Frey. Die Herstellung der Tattoo-Farben ist ein internationales Geschäft. „Früher gab es gerade einmal drei bis fünf Hersteller, heute sind es fünfhundert“, berichtet der Verbandssprecher. Farben aus Deutschland gelten eher als gesundheitlich unbedenklich, weil hier die Behörden wachen. Allerdings weiß niemand, „welche Mittel in welchen Mengen übers Internet vertrieben werden. Farbstoffe aus China etwa werden online zu einem geringen Preis angeboten“, so Frey.

Nach Ansicht des Risikobewerters Luch kann es keine einhundert prozentige Sicherheit geben. „Auf unserer derzeitigen Datengrundlage können wir keine vernünftige Bewertung der Risiken abgeben“, bilanziert Lunch. Es gebe zu viele Fragen und kaum Antworten, die wissenschaftlich fundiert sind. Wer ein Tattoo nur aus kosmetischen Gründen stechen lassen will und eine totale Sicherheit erwartet, „der sollte es einfach sein lassen, so Mark Benecke von der Initiative „Pro Tattoo“. (sb)

Bild: Sabrina Gonstalla / pixelio.de

Fast zehn Prozent der Deutschen tragen ein Tattoo
Wer heute ein Tattoo trägt, muss nicht unbedingt einer Subkultur angehören, zur See gefahren sein oder im Gefängnis eingesessen haben. Nicht selten verbirgt sich hinter einem Nadelstreifenanzug auch ein Tattoo. Oft geben Zeitgenossen enorme Summen aus, um sich ihren Körper verschönern zu lassen. „10 oder 20 Tausend Euro sind heute keine Seltenheit mehr“, berichtet Klaus Weber, ein Tätowierer aus Hannover. Nach Angaben des Lobbyvereins „Pro Tattoo“ tragen mittlerweile neun bis zehn Prozent der Erwachsenen in Deutschland ein verewigtes Bild auf der Haut.

Konferenz zur Sicherheit von Tattoos
Je mehr Menschen sich tätowieren lassen und kaum mehr einen Körperbereich auslassen, stellt sich um so mehr die dringliche Frage nach den Folgen für die Gesundheit. Diese und andere Fragen sollen daher auf dem internationalen Kongress der „First International Conference on Tattoo Safety“ am 6. und 7. Juli in Berlin beraten werden. Eingeladen sind Forscher, Mediziner und Experten aus Europa, Neuseeland, Australien und USA. Erstmals soll auch eine Übersicht darüber gegeben werden, wie häufig gesundheitliche Komplikationen auftreten.

Ganz besonders im Fokus steht dabei nicht nur der Akt des Tätowierens, sondern vor allem die Sicherheit der eingesetzten Mittel und Farben. „Wie stark belastet die verwendete Tinte den Körper? Gibt es langfristige Risiken für die Gesundheit?“ Veranstaltet wird das Tattoo-Symposion vom Bundesinstitut für Risikobewertung (RKI) in Zusammenarbeit mit der Freien Universität Berlin, TU Berlin.

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