Taxi-Therapie gegen Winterdepression

Heilpraxisnet

Schweden können im Taxi kostenlose therapeutische Hilfe erhalten

30.10.2014

Das Taxi war schon immer ein Ort, an dem Menschen gerne ihr Herz ausgeschüttet haben – ähnlich wie beim Frisörbesuch oder abends am Kneipentresen. In der schwedischen Hauptstadt Stockholm ist dies zukünftig sogar bei professionellen „Taxi-Therapeuten“ möglich, denn das älteste Taxiunternehmen der Stadt hat drei Psychologen engagiert, die bei Bedarf ohne zusätzliche Kosten für die Fahrt gebucht werden können.

Tageslichtmangel sorgt schnell für Winter-Blues
Im Oktober beginnt in Schweden wieder die dunkle Jahreszeit, in der das Tageslicht nur noch wenige Stunden zu sehen ist oder es sogar gar nicht mehr richtig hell wird. Eine Zeit, die schnell aufs Gemüt schlägt und zu einem so genannten „Winterblues“ führen kann, durch welchen sich Betroffene zunehmend schlapp, schläfrig und bedrückt fühlen sowie häufig ein erhöhtes Schlafbedürfnis und verstärktes Hungergefühl haben. Um gegen die Winterdepression anzukämpfen, gibt es viele Möglichkeiten wie beispielsweise Vitamine, Tageslichtlampen, lange Spaziergänge an der frischen Luft oder ein aufmunterndes Gespräch – zum Beispiel während einer Taxifahrt.

Ältestes Taxiunternehmen der Stadt engagiert professionelle Therapeutinnen
Diese Möglichkeit können wintergeplagte Menschen in Stockholm nun zukünftig ganz unkompliziert nutzen, denn um den „Winter-Blues“ zu bekämpfen, möchte das älteste Taxi-Unternehmen der Stadt seinen Kunden die Dienste erfahrener Therapeuten anbieten. Demnach seien drei qualifizierte Psychologinnenengagiert worden, die nun probehalber in einigen Fahrzeugen eingesetzt würden, sodass jeder auf Wunsch „eine Therapie-Reise“ buchen könne, so die Mitteilung von „Taxi Stockholm“. „Unsere Taxifahrer haben oft das Gefühl, dass sie Dinge hören, bei denen sie nicht wissen, wie sie reagieren sollen“, erklärt Carina Herly, Marketing Managerin bei Taxi Stockholm. „Taxis sind ein Ort, wo so viele Geschichten erzählt und Fragen diskutiert werden – und oft sind die Fahrer die perfekten Menschen dafür, aber eben nicht immer. Deshalb haben wir uns gedacht, dass wir die Idee mit den Taxi-Therapeuten ausprobieren möchten", so Herly weiter.

Schwedischer Taxi-Markt stark umkämpft
Doch bei dem Einsatz der Taxi-Therapeuten geht es natürlich auch um unternehmerische Interessen, denn der schwedische Taxi-Markt ist hart umkämpft und fordert daher ständig neue, aufmerksamkeitsstarke Marketing-Aktionen, um sich gegen die Konkurrenz durchsetzen zu können: „Der Wettbewerb ist in Schweden sehr hart, vor allem in Stockholm", erklärt Gabriel Dahlander von der schwedischen Transportgewerkschaft gegenüber der „dpa“. Die konkrete Idee für die spezielle Taxifahrt habe sich dabei laut Taxi Stockholm nach einer eigens durchgeführten Umfrage konkretisiert, in der „über 70 Prozent der Meinung [waren], dass eine Taxifahrt mit ihnen ein guter Moment zum Nachdenken und Reflektieren“ sei, so die Mitteilung des Unternehmens.

Psychologin möchte Leuten Ideen geben, wie sie ihr Leben ändern könnten
Eine der drei Expertinnen ist die lizenzierte Psychologin Mia Fahlén, die mithilfe der Kognitiven Verhaltenstherapie Patienten mit Angst, Depressionen, Stress und Verhaltensstörungen behandelt. Eine Woche werde sie nun statt in der Klinik "Wemind" im Taxi von Fahrer Haci Demirol „arbeiten“, denn wer bei Taxi Stockholm einen Wagen ruft, kann bei Bedarf eine der Therapeutinnen buchen – ohne dass zusätzliche Kosten entstehen. Dabei seien die Möglichkeiten natürlich eingeschränkt, so Fahlen weiter: „Wir haben nur begrenzt Zeit, und ich sage nicht, dass ich jemanden in dieser Zeit heilen kann. Aber ich kann den Leuten Ideen geben, wie sie ihr Leben ändern und wo sie Hilfe finden können“, so Mia Fahlén gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“.

Weniger Scheu durch die Anonymität im Taxi
Für Haci Demirol, der seit 24 Jahren als Taxifahrer arbeitet, stellt die Idee des Taxi-Unternehmens in jedem Fall eine Erleichterung dar, denn seine "20 bis 30 Patienten am Tag" würden mit ihm über jedes erdenkliche Thema sprechen – von Problemen im Job über Liebeskummer oder familiäre Sorgen. Echte Hilfe könne er dann aber nicht leisten, daher freue er sich nun über den professionellen Beistand. Mia Fahlén hingegen hofft, dass sie in der fahrenden Praxis Kontakt zu Menschen erhält, die sonst einen Besuch beim Therapeuten scheuen. Ein Gespräch im Taxi könnte in einem solchen Fall dann genau das Richtige sein, denn dieses würde völlig anonym ablaufen: „Das ist ein großer Schritt. Viele mit Angststörungen brauchen Jahre, bevor sie zu uns kommen“, erklärt Fahlén.

Stress generell ein großes Problem vieler Stockholmer
Skeptisch zeigt sich hingegen der Vorsitzende des schwedischen Psychologenverbundes, Anders Wahlberg. Seiner Ansicht nach sei neben der Anonymität gerade die Spontaneität ein wichtiger Faktor, warum der Taxifahrer für so viele Menschen zum Seelsorger werde. Eine professionelle Therapeutin auf der Rückbank könne hingegen schnell abschrecken: „Man plant doch nicht, einen Psychologen im Taxi zu treffen", so Wahlberg gegenüber der „dpa“. Dennoch könne das Angebot nicht schaden, viel gravierender sei stattdessen generell der Stress, der viele Stockholmer plagt. Dieser werde laut Fahlén auch durch die Lebenssituation vieler Bewohner mitgeprägt, denn "es gibt viele Singles in Stockholm, und ich treffe viele Menschen, die sich einsam fühlen." (nr)

Bild: Martin Jäger / pixelio.de