Testosteronmangel – Mehr ein Mythos oder Realität?

Dr. Utz Anhalt

Testosteronmangel: Sollten Männer im fortschreitenden Alter zu Testosteronpillen greifen?
Sie haben keine Lust auf Sex? Sie fühlen sich häufig müde? Viele Männer vermuten jetzt, dass ihr Testosteronspiegel sinkt. Hilft es dann, zusätzliche Pillen zu schlucken, um den Hormonhaushalt zu erhöhen? Manche Ärzte versprechen Linderung. Doch was steckt dahinter? Könnte eine zusätzliche Einnahme von Testosteron helfen oder gefährdet dies die Gesundheit?

Das neue Viagra?
In den USA macht derzeit das „Low-T“ Phänomen Furore. Immer mehr Männer glauben, dass sie zu wenig Testosteron produzieren, und deshalb ihre Potenz und Stärke verlieren. Der Markt an Präparaten mit diesen Hormonen explodierte in den letzten Jahren.

Testosteron steuert die Potenz und Libido bei Männern. Ein Sinken des Testosteronspiegels im Alter ist nicht notwendig krankhaft. (Bild: Sebastian Kaulitzki/fotolia.com)

Was sagen die Studien?
Wissenschaftliche Studien ergaben, dass ein Testosteronmangel die Gefahr erhöht, zu erkranken, zum Beispiel an Männer-Depressionen und Diabetes.

Helfen Testosteronpräparate?
Eine in Public Library of Science veröffentlichte Studie legt die Vermutung nahe, dass ältere Männer mit Testosteronprodukten ihre Gefahr reduzieren, einen Herzinfarkt zu erleiden. Die Studie blieb nicht unumstritten: Wissenschaftler kritisierten methodische Mängel.

Huhn oder Ei?
Ungeklärt ist bis heute, ob die untersuchten Krankheiten die Folge eines zu niedrigen Testosteronspiegels sind, oder ob der niedrige Testosteronspiegel nicht vielmehr eine Folge der Erkrankungen ist. Diabetes und Herzschwäche wirken sich zum Beispiel massiv auf den Hormonhaushalt aus.

Wozu dient Testosteron?
Das männliche Hormon steuert die Potenz und die Libido des Mannes im Zusammenspiel mit anderen Hormonen. Bei Männern hemmt ein hoher Spiegel an Testosteron das systematische Denken und fördert intuitive Handlungen. Es erhöht das Selbstvertrauen, und die Betroffenen zweifeln weniger an ihren emotionalen Bewertungen darüber, was richtig und falsch ist.

Ungeduld
In der Pubertät steigt mit wachsendem Testosteronlevel die Ungeduld, Jugendliche mit hohem Testosteronspiegel sind empfänglich für unmittelbare Belohnungen und drängen nach sichtbaren Resultaten. Umgekehrt haben sie Probleme, auf etwas zu warten. Dies liegt daran, dass das Testosteron auf Hirnregionen wirkt, von denen die Belohnungsimpulse ausgehen.

Muskeln und Knochen
Testosteron fördert die Bildung von Muskeln und Knochen. Mit diesem Hormon bilden Jungen in der Adoleszenz mehr Muskelmasse als Mädchen. Der weibliche Testosteronspiegel liegt im Durchschnitt bei 10 % des männlichen. Außerdem stützt Testosteronbildung die Leistungsfähigkeit, indem es zur Blutbildung beiträgt.

Niedriger Testosteronlevel sinnvoll
Bei Männern ab 40 sinkt der Spiegel des Hormons generell. Dafür gibt es vermutlich biologische Gründe. Testosteron fördert Impulsivität, das sexuelle Begehren von unterschiedlichen Geschlechtspartnerinnen und bremst so langfristige Familienplanung. Vereinfacht gesagt: Ein hoher Testosteronspiegel ist sinnvoll für Männer, um Kinder zu zeugen, ein niedrigerer Spiegel sinnvoll, um diese aufzuziehen.

Wann ist ein Testosteronspiegel zu niedrig?
Grenzwerte für einen „richtigen“ Testosteronspiegel festzulegen, ist schwer, da ein Abfall normal ist. Wenn ein 40jähriger Mann klagt, dass er nicht mehr ständig an Sex denkt so wie mit 20, zeigt das kein gesundheitliches Problem. Anders sieht es aus, wenn er unter Leistungsabfall, Müdigkeit oder Abgespannheit leidet, und diese mit dem Hormonspiegel zu tun haben könnten. Diese Symptome sind allerdings unspezifisch.

Wann ist Testosteronmangel pathologisch?
Ein oft genetisch bedingter krankhafter Testosteronmangel lässt sich hingegen eindeutig feststellen: Männer sind unfruchtbar, ihr Bart wächst nicht, ihre Knochen sind brüchig. Hier ist eine Zufuhr von Testosteron notwendig.

Hormonmissbrauch
Bei allen Hormonpräparaten und Vitaminen gilt: Nur Menschen, die unter einem realen Mangel leiden, sollten sie einnehmen. Das „Low-T“ Phänomen hingegen ist hingegen ein typisches Versprechen ewiger Jugend und Potenz. Wer aber zuviel Testosteron aufnimmt, kann ebenso Probleme bekommen wie bei einem Hormonmangel. Typische Folgen sind Thrombosen, da das Hormon zu viel rote Blutkörperchen frei setzt.

Psycho- oder Hormontherapie?
Wer indessen darunter leidet, dass seine Lebenswelt mit 70 Jahren anders ist als mit 25, der braucht keine Hormon- sondern eine Psychotherapie.

Gesundes Leben
Wie auch bei anderen Hormonen ist ein gesunder Lebensstil wichtig, damit das Testosteron im Alter nicht zu sehr absinkt. Wer im Alter kein Übergewicht anfuttert, mäßig, aber regelmäßig den Körper trainiert, dessen Testosteronspiegel bleibt im Rahmen. Durch konsequenten Sport, vor allem durch Krafttraining, steigt der Level des Hormons sogar. (Dr. Utz Anhalt)