Tropenvirus verursacht Amselsterben

Fabian Peters

Tausende Amseln erliegen dem Usutu-Virus

14.09.2011

In den letzten zwei Monaten sind tausende Amseln auf rätselhafte Weise ums Leben gekommen. In manchen Regionen Süddeutschlands sind die Singvögel nahezu vollständig verschwunden, berichtet der Naturschutzbund Deutschland (NABU). Wissenschaftler des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin (BNI) haben nun eine mögliche Ursache für den Tod der Tiere entdeckt – ein ursprünglich aus Afrika stammendes Tropenvirus.

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Die Forscher um den Leiter der virologischen Diagnostik am BNI, Dr. Jonas Schmidt-Chanasit, haben, mit Hilfe eines im vergangenen Jahr entwickelten Schnelltests, bei einer toten Amsel aus dem hessischen Birkenau das sogenannte Usutu-Virus nachgewiesen. Zwar „bleibt noch zu beweisen“, ob „das Massensterben der Vögel durch das Usutu-Virus bedingt ist“, doch die Vermutung liege nahe, erklärte Dr. Schmidt-Chanasit. So geht das vor allem im südlichen Hessen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zu beobachtende Amselsterben der vergangenen Monate wahrscheinlich auf das durch Mücken übertragene Tropenvirus zurück. Die Usutu-Viren können dabei auch Menschen befallen, so dass die wachsende Ausbreitung der Erreger nach Einschätzung der Experten durchaus mit Sorge zu betrachten ist.

Stechmücken als Überträger gefährlicher Viren
Die Hamburger Wissenschaftler des BNI um Dr. Schmidt-Chanasit hatten bereits im letzten Jahr das Usutu-Virus erstmals in Stechmücken nachgewiesen und bereits damals vor einer Ausbreitung der Erreger in Deutschland gewarnt. Die jetzige „Diagnose ist der erste Erfolg für ein funktionierendes, verlässliches Frühwarnsystem, das wir mit dem Großprojekt ‚Vorkommen und Vektorkompetenz von Stechmücken in Deutschland‘ etablieren wollten“, erläuterte Dr. Jonas Schmidt-Chanasit. Dem BNI-Experten zufolge ist es wichtig, die Ausbreitung der durch Stechmücken übertragbaren Viren in Deutschland zu beobachten, um vorhersagen zu können, welche möglichen Gefährdungen für Menschen und Tiere damit einhergehen. Die Verbreitung der Usutu-Viren, die vermutlich zum Tod tausender Amseln geführt hat, ist nach Einschätzung des BNI mit Sorge zu beurteilen. Zwar seien „in Deutschland bisher keine Infektionen von Menschen diagnostiziert worden“, doch das Risiko eines Überspringens des Usutu-Virus auf den Menschen wachse mit der Ausbreitung der Erreger, erläuterte Dr. Schmidt-Chanasit. Allerdings bestehen bisher keine Hinweise darauf, „dass das Usutu-Virus in Deutschland auf Menschen übertragen wird oder gar eine Epidemie auslöst“, betonte der Leiter der virologischen Diagnostik am BNI.

Usutu-Fieber als Folge einer Infektion mit den Tropenviren
Als Anzeichen einer Infektion mit dem Usutu-Virus gelten den Experten des BNI zufolge Fieber, Kopfschmerzen und Hautausschläge. Bei besonders schwerem Krankheitsverlauf können außerdem lebensbedrohliche Entzündungen des Gehirns (Enzephalitis) auftreten. Aus diesem Grund wurde in Folge des aktuellen Nachweises umgehend das Landesgesundheitsministerium Baden-Württemberg informiert. Die medizinische Bedeutung der Ergebnisse des BNI für die Bevölkerung in Deutschland ist nun in weiteren Untersuchungen zu überprüfen, erklärte Dr. Schmidt-Chanasit. Den Experten des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin zufolge wurde bereits im Herbst 2009 erstmals eine Infektion mit Usutu-Viren bei Patienten in Italien diagnostiziert. Die seither zu verzeichnenden sporadischen Infektionen nahmen vor allem bei immungeschwächten und älteren Menschen besonders häufig einen schweren Krankheitsverlauf, so die Angaben des BNI.

Ausbreitung von Tropenviren in Europa
Immer häufiger wurden in den vergangenen Jahren sogenannte Tropenviren wie die Erreger des West-Nil-Fiebers oder des Denguefiebers in Europa nachgewiesen. Meist gelangen die Viren über Zugvögel nach Europa und da sich die krankheitsübertragenden Stechmücken wie die Asiatische Tigermücke im Zuge des wärmeren Klimas mittlerweile auch in nördlicheren Breitengraden heimisch fühlen, können sich die Erreger relativ schnell verbreiten. Auf diese Weise haben sich auch die aus Afrika stammenden Usutu-Viren in der Amselpopulation massiv vermehrt und in den vergangen zwei Monaten den Tod tausender Amseln verursacht, vermuten die Experten. (fp)