Tuberkulose-Impfstoff wirkt nicht

Fabian Peters


06.02.2013

Seit Jahrzehnten arbeiten Forscher an der Entwicklung eines neuen Impfstoffs gegen Tuberkulose. Die bisher eingesetzte BCG (Bacille Calmette-Guérin) Impfung zeigt einen zu geringen Schutzeffekt bei gleichzeitig relativ hohem Nebenwirkungsrisiko. Der neue Kombinationsimpfstoff MVA85A sollte hier Abhilfe schaffen, doch haben Forscher der Universität Oxford nun festgestellt, dass MVA85A bei Kindern keine Verbesserung der Schutzwirkung einer BCG-Impfung bewirken konnte.

MVA85A wurde entwickelt, um die Schutzwirkung der BCG-Impfung zu verbessern und konnte in ersten Versuchen an Tieren durchaus überzeugende Ergebnisse erzielen. Die Forscher um Dr. Michele Tameris von der South African Tuberculosis Vaccine Initiative in Südafrika und Prof. Helen McShane von der University of Oxford haben in einer umfassenden Studie nun die „Sicherheit, Immunogenität und Wirksamkeit von MVA85A gegen Tuberkulose und Mycobacterium tuberculosis-Infektionen bei Säuglingen“ untersucht und ihre Ergebnisse im Fachmagazin „The Lancet“ veröffentlicht. Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass MVA85A bei Kindern zwar gut vertragen wird, doch keine zusätzliche Schutzwirkung entfaltet.

Bisheriger Tuberkulose-Impfstoff wenig effektiv und mit hohem Nebenwirkungsrisiko
Die Wissenschaftler überprüften, ob die Kombination aus MVA85A und BCG-Impfung eine Verbesserung des Impfschutzes bei Kindern bewirken kann. Die Hoffnung war groß, endlich einen Weg gegen die Schwächen der BCG-Impfung gefunden zu haben. Denn dieser aus abgeschwächten Rindertuberkelbazillen entwickelte Lebendimpfstoff schützt lediglich vor den schwersten Komplikationen einer Tuberkulose-Infektionen, der sogenannten Miliartuberkulose und der tuberkulösen Meningitis (Hirnhautentzündung). Die weit verbreitetere ebenfalls unter Umständen lebensbedrohliche Lungentuberkulose wird durch den Impfstoff nicht verhindert. So hat in Deutschland die Ständige Impfkommission (STIKO) bereits vor knapp 15 Jahren die Empfehlung zur BCG-Impfung zurückgezogen, da diese nicht sicher vor Tuberkulose schütze.

Impfstoff an knapp 3.000 südafrikanischen Kinder untersucht
Die Wissenschaftler um Prof. Helen McShane und Dr. Michele Tameris haben in ihrer Placebo-kontrollierten Doppelblindstudie nun die Wirkung des neuen Tuberkulose-Impfstoffs an 2.797 südafrikanischen Kindern im Alter von vier bis sechs Monaten, die zuvor bereits eine BCG-Impfung erhalten hatten, untersucht. 1.399 Säuglinge erhielten MVA85A und 1.398 Kindern wurde ein Placebo verabreicht. Anschließend beobachteten die Forscher bis zu 37 Monate, welche Schutzwirkung die Impfung entfaltet hat und welche Nebenwirkungen aufgetreten sind. Das primäre Studienziel war dabei die Überprüfung der Sicherheit (Inzidenz von unerwünschten und schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen), schreiben McShane und Tameris. Die Forscher stellten hierzu fest, dass zwar in der Versuchsgruppe „mehr Kinder, als in der Kontrollgruppe mindestens ein lokales unerwünschtes Ereignis erlitten, aber die Zahl der Kinder mit systemischen unerwünschten Ereignissen oder schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse zwischen den Gruppen keine Unterschiede aufwies.“ Sie gehen daher davon aus, dass MVA85A gut vertragen wird und keine signifikante Erhöhung des Nebenwirkungsrisikos mit sich bringt.

Fehlende Wirksamkeit des neuen Tuberkulose-Impfstoffs
Bezüglich der Schutzwirkung stellten die Forscher fest, dass das Infektionsrisiko in der Versuchsgruppe ähnlich hoch lag, wie in der Kontrollgruppe. Der neue Impfstoff hat demnach fast keine Nebenwirkungen, aber auch fast keinen Schutzeffekt. Zu den „Gründe für die fehlende Wirksamkeit von MVA85A gegen Tuberkulose oder M. tuberculosis-Infektionen bei Säuglingen“ konnten die Forscher keine weiteren Angaben machen, sondern betonten lediglich, dies bedürfe weiterer Erforschung. Trotz der enttäuschenden Ergebnisse, könne heute noch keine „terminale Prognose für MVA85A oder für alle anderen Tuberkulose-Impfstoffe in der Entwicklung“ gegeben werden, schreibt Christopher Dye von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in einem Kommentar zu dem aktuellen „Lancet“-Artikel. So bleibe die Suche nach einem verbesserten Tuberkulose-Impfstoff eine der großen Herausforderungen der zeitgenössischen medizinischen Forschung. (fp)

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