Über das Leben mit einem demenzkranken Vater

Astrid Goldmayer

Von der Leyen und Furtwängler sprechen über die Demenz ihrer Väter

12.07.2013

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen und die Schauspielerin Maria Furtwängler haben in einem Gespräch mit dem „Süddeutsche Zeitung Magazin“ über die Demenz ihrer Väter gesprochen und geben sehr persönliche Einblicke in das Leben mit Vätern, die ihre Autonomie verlieren. Die Krankheit ihrer Väter auch sie selbst verändert, berichten beide Frauen.

Arglosigkeit des demenzkranken Vaters wurde ausgenutzt
Früher sei das Verhältnis zu ihrem Vater eher „kompliziert“ gewesen, berichtet Maria Furtwängler. Durch die Erkrankung ihres Vaters habe sie ihn in seiner später Lebensphase noch einmal ganz neu kennengelernt. „Dass sich mein Vater für irgendwas bedankt hätte, das kannte ich gar nicht. Er war milder und herzlicher geworden", erzählt die Schauspielerin in einem Interview mit dem „Süddeutsche Zeitung Magazin“.

Doch die Krankheit hat auch zu vielen schwierigen Momenten geführt. Furtwängler berichtet davon, dass ihr Vater partout nicht einsehen wollte, dass er nicht mehr selber Autofahren kann. „Da geht es um den Verlust von Autonomie. Und das Autofahren war für ihn immer ganz wichtig", berichtet die 46-Jährige. „Mein Vater wollte bei der Polizei anrufen und den Führerschein einfach noch mal machen."

Zudem habe die Demenz bei ihrem Vater zu einer Arglosigkeit geführt, die andere ausgenutzt hätten. So habe er viel Geld verliehen und sei häufig Opfer von Betrügern gewesen. „Mein Vater war vollkommenes Opfer von diesen Glücksspielen am Telefon", berichtet Furtwängler. „Dazu kamen jeden Tag ungelogen mindestens 20 Briefe: Herr Bernhard Furtwängler, ich gratuliere Ihnen, Sie haben soeben eine Million Euro gewonnen. Sie müssen nur noch 20 Euro Bearbeitungsgebühr zahlen."

Ähnliches berichtet auch Ursula von der Leyern gegenüber dem „Süddeutsche Zeitung Magazin“. „Solange mein Vater noch geschäftsfähig war, ist leider viel Geld in obskure Kanäle geflossen."

Wenn der demenzkranke Vater den Spitznamen seiner Tochter vergisst
Von der Leyens Vater, der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht, lebt mit seiner Tochter auf einem Grundstück. Wie die Bundesministerin berichtet, habe ihr ihre Vorbildung im Umgang mit ihrem Vater nur wenig geholfen. „Obwohl ich gut ausgebildete Ärztin bin, hat es mir den Boden unter den Füßen weggerissen, weil in mir sofort der Film ablief vom verwirrten, aggressiven, alten Menschen.“ So beschreibt die Bundesarbeitsministerin den Moment, als sie von der Diagnose ihres Vaters erfuhr. „Ich weiß natürlich, dass es Pflegestufen gibt, aber wie kommen die Pflegestufen zu uns ins Haus?"

Auch für Von der Leyens Vater sei der Streit ums Autofahren sehr schwierig gewesen. Beim TÜV sei ihr geraten worden, den Autoschlüssel zu verstecken, denn sonst komme noch jemand zu schaden. „Diesem Rat bin ich irgendwann gefolgt. Es gab fürchterliche Auseinandersetzungen über Wochen", berichtet die Ministerin. Am traurigsten sei aber der Moment gewesen, als ihr Vater ihren Spitznamen vergessen habe. „Ich bin 54 Jahre alt. 53 Jahre war ich für meinen Vater Röschen, Röschen Albrecht. Aber Röschen gibt es nicht mehr, Röschen ist weg. Er fragt nur noch: ‚Wann kommt Ursula nach Hause’“, erzählt von der Leyen.

Beide Frauen berichten, dass die Demenz-Erkrankung ihrer Väter auch sie selbst verändert habe. „Es hat mir geholfen, ganz erwachsen zu werden. Den Vater zu überwinden und mich abzunabeln, indem ich aus der kindlichen Bewunderung gegenüber diesem beeindruckenden Vater in eine Haltung gewechselt bin, die einfach nur akzeptiert, dass er ist, wie er ist", erklärt die Ministerin. Auch für Furtwängler, deren Vater am Neujahrestag 2012 an einer Lungenentzündung starb, war die Erfahrung, einen demenzkranken Vater zu haben, einschneidend. „Ich bin sicherlich mir gegenüber in vielen Dingen geduldiger geworden, ich muss nicht mehr so vieles machen, und ich muss schon gar nicht mehr so vieles perfekt machen."

Zahl der Demenz-Neuerkrankungen wird sich voraussichtlich bis 2050 verdoppeln
Demenz gehört für viele Menschen zu den am meisten gefürchteten Krankheiten. Denn das Nachlassen der geistigen Fähigkeiten ist in unserer Gesellschaft noch immer mit zahlreichen Vorurteilen belegt. Die Ohnmacht, nichts gegen die Erkrankung tun zu können, und der Verlust der Autonomie sind für viele Menschen eine unerträgliche Vorstellung. Dennoch müssen wir uns mit dem Thema auseinandersetzen, denn bereits jetzt leiden in Deutschland rund 1,4 Millionen Menschen an Demenz. Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft zufolge wird sich die Zahl voraussichtlich bis zum Jahr 2050 verdoppelt haben. Jährlich werden rund 300.000 Neuerkrankungen hierzulande diagnostiziert – Tendenz steigend.

Die Hauptursache für die stetig zunehmende Zahl an Demenzkranken ist der Deutschen Alzheimer Gesellschaft zufolge der demographische Wandel: Immer mehr Menschen werden immer älter. Da das Alter als Hauptrisikofaktor für Demenz gilt, werden dementsprechend auch immer mehr Neuerkrankungen diagnostiziert.

Ein Heilmittel gegen Demenz gibt es bislang nicht. Eine Studie des renommierten Karolinska Instituts der Universität Stockholm in Schweden legt jedoch den Verdacht nahe, dass ein gesunder Lebensstil maßgeblich dazu beitragen könnte, das Demenz-Risiko zu verringern. Wie die Forscher im Fachmagazin „Neurology“ berichten, treffe das vor allem auf die sogenannte vaskuläre Demenz zu, der zweithäufigsten Form von Demenz nach Alzheimer. Die vaskuläre Demenz wird durch Durchblutungsstörungen verursacht, die in Zusammenhang mit Arterienverkalkung stehen. Wenn die Risikofaktoren für die krankhaften Gefäßveränderungen reduziert werden, zu denen vor allem Rauchen, Übergewicht, Bluthochdruck sowie Vorerkrankungen wie Diabetes mellitus gehören, kann sich auch das Risiko für die Entstehung einer vaskulären Demenz verringern. (ag)

Bild: Damaris / pixelio.de