Überfüllte Notaufnahme: Patienten werden künftig in Arztpraxen geschickt

Nina Reese
Neue Abrechnungspauschale sorgt bei Ärzten für Kritik
Die Notaufnahmen der Krankenhäuser sind zu manchen Zeiten so überfüllt, dass schwer kranke Personen oft zu spät behandelt werden. Um die Situation zu entschärfen, sollen Klinikärzte künftig beim Eintreffen der Patienten zunächst abklären, ob tatsächlich ein Notfall vorliegt oder die Versorgung in der normalen Sprechstunde eines Vertragsarztes ausreicht. Werden wir jetzt aus der Notaufnahme weggeschickt? Im Folgenden informieren wir über die Neuerungen und zeigen auf, bei welchen Symptomen sie auch weiterhin unbedingt sofort den Notarzt alarmieren sollten.

Rettungsstellen sind bundesweit überlastet
Ob Brandwunden, ein Beinbruch, hohes Fieber oder Herzstechen: Im ganzen Land strömen in den Abendstunden, an Feiertagen und Wochenenden Scharen von Patienten in die Notaufnahmen, um sich dort behandeln zu lassen. Viele von ihnen sind jedoch eigentlich gar kein richtiger Notfall und könnten daher auch innerhalb der normalen Sprechzeiten in einer Praxis versorgt werden.

Viele Patienten in den Rettungsstellen zählen aus Expertensicht nicht zu den „echten“ Notfällen. Diese können zukünftig nach einer kurzen Überprüfung durch den Arzt in eine normale Praxis verwiesen werden. (Bild: schulzfoto/fotolia.com)

Um diese Situation in den Notaufnahmen zu verändern, sollen Klinikärzte ab dem 1. April nun vorab prüfen, ob bei den eintreffenden Patienten eine dringliche Diagnostik und Therapie überhaupt erforderlich ist. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) erhofft sich dadurch eine Entlastung der Notfallambulanzen, vor allem in den Kliniken. „Die Ärzte werden dadurch hoffentlich mehr Zeit für ‚echte‘ Notfälle bekommen“, so der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN), Mark Barjenbruch, in einer aktuellen Mitteilung.

Zwei Minuten für Einschätzung des Gesundheitszustands
Für Personen die keine dringliche Notfallbehandlung brauchen, können die Notaufnahmen künftig die sogenannte Abklärungspauschale abrechnen. Diese beträgt nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung pro Patient 4,74 Euro am Tag und 8,42 Euro in der Nacht. In Zeit umgerechnet bedeutet dies etwa zwei Minuten, die ein Arzt dann hat, um die Beschwerden des Patienten einzuschätzen.

Aus Sicht der Ärzte ist das jedoch viel zu kurz. Denn selbst allgemeine Symptome wie Fieber, Husten oder Kopfschmerzen können ein Hinweis auf schwere Erkrankungen wie z.B. eine Lungenentzündung oder schwere Grippe sein. Innerhalb von zwei Minuten lasse sich dementsprechend weder eine systematische Befragung über den Gesundheitszustand noch eine Labordiagnostik durchführen, so die Kritik vieler Ärzte.

Keine Zeit für Beruhigung der Patienten
„Ich habe da schon Bauchschmerzen, das muss ich ganz ehrlich sagen! Diese Arbeitsweise ist nicht das, was wir selbst von uns Ärzten erwarten. Patienten kommen zu uns, weil sie Sorge haben, meistens eine schwere Erkrankung zu haben. Sie sind sich unsicher, sie sind ja Laien. Und dann stehe ich in der Pflicht, ihnen die Sorge zu nehmen“, so Dr. med. Andreas Hüfner, Leiter der Notaufnahme im St. Josef Krankenhaus in Regensburg, im Gespräch mit dem Bayrischen Rundfunk (BR).

Auch die bayerische Krankenhausgesellschaft e.V. (BKG) steht der neuen Abklärungspauschale gegenüber. „Für so eine Abklärung und Untersuchung einen Betrag von 4,70 Euro anzubieten, der auf einer Kalkulation von zwei Minuten beruht, das halten wir für einen Affront“, betont der Geschäftsführer der BKG, Siegfried Hasenbein, gegenüber dem BR.

Bei akuten Fällen den ärztlichen Bereitschaftsdienst nutzen
Unabhängig von den verschiedenen Meinungen zur neuen Regelung, sorgt diese bei vielen Patienten für Verunsicherung. Ab wann zählt man als „echter“ Notfall? Welche Fälle werden zukünftig nicht mehr in der Notaufnahme behandelt? Wichtig ist, dass Patienten selbst genau hinschauen und einschätzen, ob sie einen Notdienst benötigen oder nicht. Leider (noch) recht unbekannt ist der ärztliche Bereitschaftsdienst, welcher rund um die Uhr unter der Telefonnummer 116 117 erreichbar ist, wenn die normale Praxis des Hausarztes (z.B. am Abend oder am Wochenende) nicht geöffnet ist.

„Die 116117 ist für den Bereitschaftsdienst außerhalb der Praxisöffnungszeiten und die 112 für den Notfall etwa bei schweren Unfällen, bei Verdacht auf Hirnschlag oder Herzinfarkt, da. Die Patienten sind gut beraten, sich bei akuten, aber nicht lebensbedrohlichen Beschwerden außerhalb der regulären Öffnungszeiten der Arztpraxis an den Bereitschaftsdienst der KVN zu wenden. Dort betreuen sie erfahrene Ärztinnen und Ärzte“, so Mark Barjenbruch.

Wichtig: Alarmzeichen richtig deuten
Handelt es sich „nur“ um eine dicke Erkältung, bei der oft schon einfache Hausmittel gegen Schnupfen oder Husten helfen? Oder verbirgt sich hinter den Beschwerden eine Lungentzündung, die sofort behandelt werden muss und eventuell sogar einen Klinikaufenthalt erfordert? Hier kann ein Anruf beim ärztlichen Bereitschaftsdienst oft Hilfestellung bieten.

Bei einigen Symptomen sollten Sie jedoch niemals Zeit verlieren und sofort eine Notaufnahme aufsuchen bzw. den Rettungsdienst unter der Nummer 112 alarmieren. Hierzu zählen plötzlich auftretende Brustschmerzen bzw. ein akutes Stechen in der Brust, Lähmungserscheinungen, Taubheitsgefühle, Bewusstlosigkeit bzw. eine Ohnmacht sowie der Verdacht auf einen Bruch.

Gleiches gilt, wenn plötzlich Atemnot, Sehstörungen oder Blutungen auftreten. Denn handelt es sich beispielsweise um einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall, ist jede Minute entscheidend. Je früher hier die Behandlung beginnt, desto besser sind die Überlebens- bzw. Heilungschancen. (nr)