Übergewicht lässt das Gehirn schrumpfen

Fabian Peters

Übergewicht schädigt das Gehirn von Frauen besonders stark

19.04.2011

Übergewicht und Fettleibigkeit (Adipositas) bedingen eine Abnahme des Gehirnvolumens und eine Verringerung der Gewebedichte. Leipziger Forscher haben nun gemeinsam mit Londoner Kollegen entdeckt, dass die negativen Effekte des Übergewichtes auf das Gehirn von Frauen weitaus stärker sind als bei Männern.

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Bereits seit längerem ist bekannt, dass Übergewicht negative Auswirkungen auf das Gehirn hat. Die Forscher des Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften haben nun in Zusammenarbeit mit der Abteilung für Endokrinologie des Uniklinikums Leipzig, dem Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum Adipositaserkrankungen in Leipzig und dem University College in London eine umfassende Studie durchgeführt, bei der sie eindeutig geschlechtsspezifische Unterschiede der negativen Wirkungen des Übergewichtes auf das Gehirn feststellen konnten.

Gehirnvolumen und Gewebedichte durch Übergewicht verringert
Das bei Übergewicht sowohl das Gehirnvolumen als auch die Gewebedichte im Gehirn abnimmt, ist bereits seit längerem eindeutig wissenschaftlich belegt. Doch die entdeckten geschlechtsspezifische Unterschiede sind ein absolutes Novum. Erstmals wurden verschiedene Auswirkungen des Übergewichtes auf männliche und weibliche Gehirne festgestellt. So traten bei übergewichtigen Frauen in der Hirnregion des Corpus callosum, massivere Veränderungen auf als bei den männlichen Testpersonen, berichteten die Forscher im Fachmagazin „PLoS ONE“. Das internationale Wissenschaftlerteam hatte die Gehirne von normalgewichtigen bis stark übergewichtigen Frauen und Männern mit Hilfe der diffusionsgewichteten Magnetresonanztomographie (MRT) untersucht. Dabei diente die Bewegungen der Wassermoleküle im Gehirn, welche von Barrieren im Gewebe wie zum Beispiel den Nervenfasern maßgeblich beeinflusst wird, als Anhaltspunkt für die Gewebedichte und das Gehirnvolumen. Die aus Nervenfasern bestehende sogenannte weiße Substanz ist ein Bestandteil des Zentralnervensystems und bildet den Gegenpol zur sogenannten grauen Substanz, den Nervenzellkörpern.

Geschlechtsspezifische Unterschiede bei den negativen Auswirkungen
Das internationale Forscherteam führt die entdeckten geschlechtsspezifischen Unterschiede bei den negativen Auswirkungen des Übergewichtes auf die Hirnstruktur darauf zurück, dass die Verknüpfungen der Nervenfasern zwischen den beiden Gehirnhälften bei Männern und Frauen unterschiedlich ausgeprägt sind. Auf den MRT-Bildern ließ sich nach Aussage der Wissenschaftler bei den Frauen eine deutliche Schwächung der weißen Substanz – mit den enthaltenen Nervenfasern bestehend aus signalübertragenden Fortsätzen der Nervenzellen (Axonen) und einer isolierenden Membranschicht (Myelin) – feststellen. Die auf bestimmte Weise veränderte „Beweglichkeit der Wassermoleküle im Hirngewebe“ des Corpus callosum bei den Frauen habe darauf hingewiesen, „dass Axone oder Myelin geschädigt“ und negative Auswirkungen auf das Gehirn zu befürchten sind, erklärte Studienautor Karsten Müller. Je höher der Body-Mass-Index (BMI) gelegen habe, desto stärker habe sich die Beweglichkeit der Wassermoleküle verändert, erklärten die Wissenschaftler. Die Wirkungen seien dabei sowohl in männlichen als auch in weiblichen Gehirnen aufgetreten, allerdings habe der Effekt bei Frauen ein deutlich massiveres Ausmaß angenommen

Möglicher Zusammenhang mit dem Auftreten anderer Krankheiten
Die Ergebnisse des internationalen Forscherteams erhalten besondere Bedeutung, wenn der Zusammenhang zwischen den negativen Auswirkungen des Übergewichtes auf das Gehirn mit anderen Erkrankungen in Verbindung gesetzt wird, die maßgeblich durch die Veränderungen des Gehirnvolumens oder der Gewebedichte beeinflusst werden können. So haben aktuelle Studienergebnisse einen Zusammenhang zwischen Alzheimer-Erkrankungen und der abnehmende Gehirnsubstanz festgestellt. Bereits Jahre vor dem Ausbruch der Erkrankung könne Alzheimer anhand der Verringerung der Hirnmasse in bestimmten Hirnarealen abgelesen werden, berichteten Anfang des Monats US-Wissenschaftler der Harvard Medical School / Boston, des Massachusetts General Hospital / Boston und des Rush University Medical Center / Chicago im Fachjournal „Neurology“. (fp)