Übergewicht-Risiko: Wieso Männer viel schneller Gewicht zulegen

Alexander Stindt

Mediziner untersuchen, warum Männer und Frauen verschieden zunehmen

Wenn männliche und weibliche Mäuse die gleiche fettreiche Nahrung konsumieren, nehmen die Männchen deutlich mehr an Gewicht zu als die Weibchen. Mediziner versuchten jetzt herauszufinden, welche Gründe es für diesen Unterschied der Gewichtszunahme zwischen den Geschlechtern gibt.


Die Wissenschaftler des Texas Children’s Hospital untersuchten bei ihrer aktuellen Studie, warum es einen Unterschied bei der Gewichtszunahme zwischen den Geschlechtern gibt. Die Ergebnisse der Forschungsarbeit wurden in der englischsprachigen Fachzeitschrift „Nature Communications“ veröffentlicht.

Viele Menschen in Deutschland leiden an Übergewicht oder Fettleibigkeit. Forscher identifizierten jetzt einen Mechanismus, welcher erklären könnte, warum Männer und Frauen bei gleicher Ernährung verschieden stark zunehmen. (Bild: vladimirfloyd/fotolia.com)

Neuer Mechanismus entdeckt

Eines der Forschungsziele war es, die Rolle, die das Gehirn bei der Kontrolle des Körpergewichts spielt, besser zu verstehen, erklärt Studienautor Professor Dr. Yong Xu vom Baylor College of Medicine. Die Studie identifizierte einen neuen Mechanismus, welcher zu diesem Unterschied zwischen den Geschlechtern beitragen könnte.

Diese Hormone spielen eine wichtige Rolle

Zwei Hauptfaktoren sind wahrscheinlich in die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der Körpergewichtskontrolle involviert: Die Geschlechtschromosome und die Sexualhormone, erklären die Forscher. Männer haben ein X- und ein Y-Chromosom, und Frauen haben zwei X-Chromosome, aber Wissenschaftler verstehen bisher sehr wenig darüber, welche Gene zu den Unterschieden bei der Gewichtszunahme beitragen. Das wichtigste Geschlechtshormon der Männer ist Testosteron, Frauen haben hingegen mehr Östrogen und Progesteron in ihrem Blut. Wissenschaftler sind sich einig, dass diese Hormone wahrscheinlich eine Hauptrolle bei der Regulierung des Körpergewichts spielen.

Mechanismen müssen besser verstanden werden

Unterschiede in Geschlechtschromosomen und in Sexualhormonen sind wichtige Einflussgrößen, aber es war immer fraglich, ob es eine dritte Gruppe von Faktoren gibt, die auch zu den Geschlechtsunterschieden bei der Regulierung des Körpergewichts beiträgt, sagt Professor Xu. Die aktuelle Untersuchung gehöre zu den ersten Studien, welche das Gehirn untersuchen, um Gewichtskontrollunterschiede zwischen Männern und Frauen zu verstehen, fügt der Experte hinzu. Frühere Untersuchungen haben bereits gezeigt, dass das Gehirn mehrere Neuronenpopulationen hat, die für die Gewichtskontrolle sehr wichtig sind. In der aktuellen Studie bestimmten Professor Xu und seine Kollegen nun, ob diese Populationen zwischen männlichen und weiblichen Mäusen unterschiedlich sind.

Welche Funktion haben Neuronen

Eine der wichtigsten Funktionen aller Neuronen ist das Abfeuern elektrischer Signale. So kommunizieren Neuronen miteinander und mit anderen Geweben, erläutert Professor Xu. Die Experten verglichen bei ihrer Studie die Impulsrate vieler Arten von Neuronen bei männlichen und weiblichen Tieren. Dabei fanden die Mediziner einige Neuronen, welche ihre Signale unterschiedlich abfeuerten. Besonders konzentrierten sich die Wissenschaftler auf einen Typ namens POMC-Neuronen, der im Hypothalamus lokalisiert ist.

Was sind POMC-Neuronen?

Sogenannte POMC-Neuronen im Hypothalamus helfen, das normale Körpergewicht zu halten, indem sie den Appetit hemmen und den Energieaufwand als Reaktion auf chronisch fettreiche Ernährung fördern, erklären die Forscher. Die Impulsrate von POMC-Neuronen wurde mit elektrophysiologischen Techniken untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass weibliche POMC-Neuronen schneller feuern als männliche Neuronen, so die Wissenschaftler weiter. Eines der untersuchten Gene, TAp63, werde bei Frauen mehr als bei Männern exprimiert.

Was passiert wenn Tap63 deaktiviert wird

Aus früheren Forschungsarbeiten ist bereits bekannt, dass, wenn das Gen TAp63 im ganzen Körper einer Maus ausgeschaltet wird, das Tier dadurch an Fettleibigkeit erkrankt, erklärt Professor Xu. Bei der aktuellen Studie wurde das Gen nur in POMC-Neuronen ausgeschaltet und auffallend war, dass diese Veränderung keine Auswirkungen auf männliche Mäuse hatte. Auf der anderen Seite entwickelten weibliche Mäuse hierdurch eine männliche Adipositas. Das Ausschalten von TAp63 beeinflusste nicht nur die Gewichtskontrolle bei Frauen, es senkt auch die Impulsrate von weiblichen POMC-Neuronen auf das Niveau der männlichen Neuronen. TAp63 bei Männern zu unterdrücken, hatte jedoch keinen Einfluss auf die Feuerrate ihrer POMC-Neuronen, erklären die Experten.

Neue Therapiestrategien für Fettleibigkeit?

Diese Ergebnisse veranlassten die Forscher, einen neuartigen Mechanismus vorzuschlagen, der zu geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Gewichtskontrolle beitragen kann. Weibliche POMC-Neuronen exprimieren höhere TAp63-Werte, was dazu führt, dass die Neuronen schneller feuern als bei Männern. Dies führt wiederum dazu, dass die Weibchen weniger Appetit haben, mehr Energie verbrauchen und daher besser vor Gewichtszunahme geschützt sind als Männchen. Die Forscher glauben, dass diese Ergebnisse die zukünftige Entwicklung geschlechtsspezifischer Therapiestrategien für Fettleibigkeit und damit verbundene Stoffwechselstörungen erleichtern könnten.

Weitere Forschung ist nötig

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Wissenschaftler zusätzlich zur Untersuchung von chromosomalen und hormonellen Unterschieden zwischen Männern und Frauen auch auf diese dritte Kategorie von Faktoren achten sollten, betont Professor Xu. Weitere Studien werden hoffentlich diese Forschungsrichtung weiter untersuchen, fügt der Experte hinzu. (as)