Unbekannte Ursache für psychische Zwangsstörungen identifiziert

Fabian Peters
Zwangsstörungen durch fehlendes Protein ausgelöst?
Viele Menschen leiden unter Zwangsstörungen wie beispielsweise dem Bedürfnis, sich ständig die Hände zu waschen oder die Gegenstände im Haushalt stets auf eine bestimmte Weise zu ordnen. Wissenschaftler der Julius-Maximilians-Universität Würzburg haben nun eine mögliche Ursache für das Auftreten derartiger Zwangsstörungen entdeckt. „Wenn ein molekularer Signalweg in der Gehirnregion Amygdala zu stark aktiviert ist, kann das zu Zwangsstörungen führen“, so die Mitteilung der Universität Würzburg.

Zwangsstörungen wirken für die Mitmenschen oft wie ein harmloser Tick, können für die Betroffenen jedoch zu erheblichen Beeinträchtigungen im Alltag führen. Sie werden durch die Zwangsgedanken und Zwangshandlungen massiv eingeschränkt und nicht selten zeigen sich auch körperliche Folgen. Das Forscherteam um Professor Kai Schuh vom Physiologischen Institut der Universität Würzburg hat in einer aktuellen Studie nun ein fehlendes Protein als mögliche Ursache der Zwangsstörungen identifiziert. Die Studie wurde in dem Fachmagazin „Molecular Psychiatry“ veröffentlicht.

Zwar ist gründliche Hygiene grundsätzlich angebracht, doch bei manchen Menschen führt die Angst vor Schmutz und Keimen zu einem Waschzwang, dem sie nicht widerstehen können. (Bild: Alexander Raths/fotolia.com)

Grundlagen der Zwangsstörungen untersucht
Manche Menschen haben große Angst vor Schmutz und Krankheitserregern, was bei ihnen einen Waschzwang auslöst, erläutern die Wissenschaftler. Ständig waschen sie sich die Hände oder den Körper, doch nach dem Waschen kommt die Angst vor neuem Schmutz schnell zurück. „Die Betroffenen finden keinen Ausweg mehr“ und „sie können ihr Verhalten sogar dann nicht ändern, wenn sich durch das viele Waschen schon Hautirritationen zeigen oder Wunden entstanden sind“, so die Mitteilung der Universität Würzburg. Das Forscherteam um Prof. Schuh ist nun den Grundlagen der Zwangsstörungen nachgegangen und hat dabei einen molekularen Signalweg als möglich Ursache entdeckt.

Neue Therapiemöglichkeiten gefragt
An Zwangsstörungen leiden laut Angaben der Forscher rund zwei Prozent der Bevölkerung wenigstens einmal im Leben. Die zwanghaften Gedanken, welche durch immer wiederkehrende, ritualisierte Zwangshandlungen kompensiert werden, haben dabei meist erhebliche Beeinträchtigungen im Alltag zur Folge. Behandelt werden sie oft mit Antidepressiva – ähnlich wie Depressionen, Essstörungen und andere psychiatrische Krankheiten. Die Wirkung der Arzneien „ist allerdings unspezifisch, also nicht auf die Ursachen der jeweiligen Krankheit zugeschnitten“, erläutern die Wissenschaftler. Daher seien neuen Therapiemöglichkeiten gefragt, die gezielter wirken und weniger Nebenwirkungen haben.

Einzelnes Protein mit weitreichendem Einfluss
Die Voraussetzung für neue Therapiemöglichkeiten ist ein besseres Verständnis der Grundlagen von Zwangserkrankungen. Daher haben die Würzburger Forscher im Mausmodell untersucht, welche Signalkaskaden auf molekularer Ebene einen Einfluss auf die Entstehung der Zwangsstörungen zeigen. In ihren Versuchen konnten die Forscher nachweisen, „dass allein ein Fehlen des Proteins SPRED2 ein übersteigertes Sauberkeitsverhalten auslösen kann“, berichtet Prof. Schuh. Das Protein SPRED2 komme in allen Zellen des Körpers vor und trete besonders konzentriert im Gehirn auf – und zwar in den Basalganglien und der Amygdala-Region.

Spezieller Signalweg übermäßig aktiv
Normalerweise hemmt das SPRED2-Protein laut Aussage der Forscher einen wichtigen Signalweg der Zelle. Fehlt das Protein, laufe die sogenannte Ras/ERK-MAP-Kinase-Kaskade mit einer höheren Aktivität ab als im Normalfall.Dies habe im Mausmodell wiederum ein übersteigertes Sauberkeitsverhalten ausgelöst. „Es ist vor allem der gehirnspezifische Initiator des Signalwegs, die Rezeptortyrosinkinase TrkB, die hier verstärkt aktiv ist und die überschießende Reaktion der nachgeschalteten Komponenten bewirkt“, so die Biologin Dr. Melanie Ullrich in der Pressemitteilung der Universität Würzburg. Diese Erkenntnis eröffnet auch neue Therapiemöglichkeiten, denn mit einem Hemmstoff ließ sich die übermäßig aktive Signalkaskade im Tiermodell beruhigen, was zu einer Milderung der Zwangshandlungen führte.

Mögliches Medikament bereits verfügbar
Die Studienergebnisse sind besonders bedeutsam, weil für Zwangsstörungen bislang noch kein klarer Auslöser identifiziert wurde, berichten die Wissenschaftler. Durch die erstmals aufgedeckte Verbindung von Zwangserkrankungen mit der Ras/ERK-MAP-Kinase-Signalkaskade ergeben sich laut Aussage der Forscher auch neue Ansatzpunkte für die Therapie. „Denn es gibt bereits Medikamente, die diese Kaskade hemmen und die teils zur Behandlung des Menschen zugelassen sind“, berichten Prof. Schuh und Kollegen. Das entsprechende Arzneimittel sei eigentlich ein Krebsmedikamente, da die Überaktivierung der Ras/ERK-MAP-Kinase-Kaskade häufig auch ein Auslöser von Krebserkrankungen bilde, so Dr. Melanie Ulrich. Nun müsse geklärt werden, „ob solche Medikamente auch gegen Zwangsstörungen wirken und ob sie hinsichtlich der Nebenwirkungen Vorteile bringen.“ (fp)