Unbemerkt schwanger sein: Jährlich hunderte Geburten ohne eine Vorwarnung

Obwohl werdende Mütter ein immer größeres Bäuchlein bekommen und sich bei ihnen typische Anzeichen wie Übelkeit zeigen, merken manche Frauen nicht, das sie schwanger sind. (Bild: Photographee.eu/fotolia.com)
Alfred Domke
Geburten ohne Vorwarnung: Manche Frauen verdrängen ihre Schwangerschaft
Ist eine Frau schwanger, wird nicht nur der Bauch immer größer, sondern in der Regel leidet sie auch öfter unter der typischen Übelkeit und einem Ziehen in den Brüsten. Zudem bleibt die Monatsblutung aus. Kann es also sein, dass eine Schwangerschaft unbemerkt bleibt? Ja, kann es, wissen Experten.

Manche Frauen bemerken ihre Schwangerschaft nicht
Bei schwangeren Frauen wächst nach und nach das Bäuchlein und das Körpergewicht steigt. Zudem bleibt die Periode aus und es kommt zur bekannten Schwangerschaftsübelkeit. Empfindliche Brüste und ein angenehmes Wärmegefühl sind weitere Schwangerschaftsanzeichen. Kann es bei all den körperlichen Hinweisen auf das Heranwachsen eines neuen Lebens im Körper sein, dass die betroffene Frau nicht bemerkt, dass sie schwanger ist? Es kann sein und ist gar nicht mal so selten wie gedacht. In einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa erklären Experten wichtiges zum Thema.

Obwohl werdende Mütter ein immer größeres Bäuchlein bekommen und sich bei ihnen typische Anzeichen wie Übelkeit zeigen, merken manche Frauen nicht, das sie schwanger sind. (Bild: Photographee.eu/fotolia.com)
Obwohl werdende Mütter ein immer größeres Bäuchlein bekommen und sich bei ihnen typische Anzeichen wie Übelkeit zeigen, merken manche Frauen nicht, das sie schwanger sind. (Bild: Photographee.eu/fotolia.com)

„Gravitas suppressalis“ gibt es häufiger als gedacht
Wenn plötzlich ein Baby da ist – ohne Vorwarnung oder Vorbereitung – sorgen Berichte darüber für großes Aufsehen. Doch die „Gravitas suppressalis“, die verdrängte Schwangerschaft, sei häufiger als gedacht, sagt der Berliner Frauenarzt und Psychotherapeut Peter Rott. Laut dem Mediziner sei einer von 500 schwangeren Frauen ihr anderer Umstand nicht bewusst – in Deutschland seien dies immerhin rund 1.300 pro Jahr. Bei 270 davon werde die Schwangerschaft demnach sogar erst bei der Geburt festgestellt. „Von einer verdrängten Schwangerschaft spricht man, wenn die Frau diese bis zur 20. Woche nicht wahrnimmt“, so Rott. Eine Schwangerschaft dauert normalerweise 40 Wochen – den Betroffenen ist also mindestens die Hälfte der Zeit nicht bewusst, dass sie ein Kind erwarten.

Verdrängte und verleugnete Schwangerschaften
Unterscheiden wird zwischen verdrängten und verleugneten Schwangerschaften. „Der Unterschied liegt in der Wahrnehmung der Frau“, erläutert der Frauenarzt. Dem Experten zufolge finden die Gefühle bei einer verdrängten Schwangerschaft komplett im Unterbewusstsein statt, während der Frau bei der verleugneten Form eigentlich klar, dass sie ein Kind erwartet. „Sie schiebt es aber weg.“ Laut Rott geschehen weder die Verdrängung noch die Verleugnung bewusst. „Schmerzlichen Ereignissen nähern wir uns nur sukzessive oder gar nicht“, erläutert der Psychotherapeut. Eine Abwehr gegen einen inneren Konflikt sei vollkommen natürlich. „Wir alle kennen das.“ Nicht zu ertragende Konflikte werden ins Unterbewusstsein abgeschoben. Bei Schwangeren entstehe der innere Konflikt meist aus der Lebenssituation, in die gerade kein Kind passt.

Bisher umfassendste Studie in Deutschland
Wie es in der dpa-Meldung heißt, wurde die bisher umfassendste Studie in Deutschland über nicht bewusste Schwangerschaften 2002 von den deutschen Medizinern Jens Wessel und Ulrich Büscher von der Berliner Humboldt-Universität im Fachblatt „British Medical Journal“ veröffentlicht. Dabei wurden 62 Fälle von Frauen, die mindestens bis zur 20. Woche nichts von ihrer Schwangerschaft wussten, ein Jahr lang untersucht. Den Angaben zufolge wurde bei 25 von ihnen die Schwangerschaft erst festgestellt, als die Wehen bereits begonnen hatten. Wie die Autoren berichteten, treffe die Ansicht, verdrängte Schwangerschaften seien selten, nicht zu.

Die typische Schwangerschaftsverdrängerin gibt es nicht
Dem Experten zufolge gebe es die typische Schwangerschaftsverdrängerin nicht. Grundsätzlich ziehe sich das Problem durch alle Schichten und Altersgruppen, auch wenn eine stärkere Tendenz bei sehr jungen Frauen und Frauen in einem Alter, in dem sie nicht mehr damit rechneten schwanger zu werden, festgestellt worden sei. „Das sticht statistisch aber nicht heraus“, so Rott. Es trifft meist auch nicht zu, dass die Schwangerschaft Folge eines One-Night-Stands ist: „80 Prozent der Frauen sind in einer festen Partnerbeziehung.“ Und rund die Hälfte der Frauen sei davor sogar bereits einmal oder mehrmals schwanger gewesen.

Runder Bauch und Übelkeit: „Man kann alles umdeuten“
Wie aber kann es sein, dass Frauen trotz des runden Bauchs, der Übelkeit und dem Ausbleiben der Periode nicht merken, dass sie schwanger sind? „Man kann alles umdeuten“, meint Rott. So werden Bewegungen des Kindes als Bauchgrimmen wahrgenommen, eine Gewichtszunahme auf eine schlechte Ernährung zurückgeführt. Und Frauen, die ohnehin unregelmäßige Blutungen haben, machten sich keine Gedanken darüber, dass die Menstruation ausbleibt. „Wir reden uns ja alle Dinge schön.“ Außerdem würden die ungeborenen Kinder oft unterdurchschnittlich klein bleiben, weil sich die Frauen nicht schwangerschaftskonform verhalten und auch rauchen und Alkohol konsumieren. Selbst die typische Silhouette mit Kugelbauch lasse sich verbergen: Schlanke ziehen demnach unbewusst den Bauch ein. Bei dickeren Frauen falle der Unterschied ohnehin weniger auf.

Angehende Arzthelferin merkte nicht dass sie Mutter wurde
Wie die dpa berichtet, hatte auch die Heidelberger Frauenärztin und Psychoanalytikerin Susanne Ditz mit einem solchen Fall zu tun. Eine 18-Jährige, die mit dem Verdacht auf eine Nierenkolik ins Krankenhaus gebracht wurde, war nur Stunden später Mutter. Die starken Rückenschmerzen, die bei Nierenkoliken häufig vorkommen, seien laut Ditz in Wirklichkeit Wehen gewesen. Die junge Frau habe sich auch keine Gedanken über die Gewichtszunahme gemacht. Zwar habe die 18-Jährige gemerkt, dass ihr Bauch hart wurde, doch: „Sie deutete das aber als Darmprobleme, mit denen sie davor schon zu tun hatte.“ Die leichte Übelkeit führte sie auf Magenprobleme zurück. Das Kurioseste sei jedoch gewesen, dass die Frau eine Ausbildung zur Arzthelferin machte und auch dort niemanden etwas aufgefallen war. „Die Geburt verlief dann komplett problemlos“, so Ditz. „Das war ein guter Fall.“ Eine Psychotherapie sei nicht nötig gewesen.

Kindstötung nach verdrängter Schwangerschaft
Laut der Agenturmeldung sei diese beim größeren Teil der Betroffenen aber unbedingt erforderlich. „Man muss den Frauen mit Empathie begegnen und klar zeigen, dass sie kein Einzelfall und nicht verrückt sind.“ Wie es heißt, bestehe ohne psychologische Unterstützung das Risiko, dass die Frau sich oder dem Kind nach verdrängten Schwangerschaften etwas antue. Rott zufolge gibt es in Deutschland pro Jahr etwa 30 Fälle von Kindstötung. Häufig steckten dahinter verdrängte Schwangerschaften. So stand im vergangenen Jahr eine junge Frau im nordrhein-westfälischen Siegen vor Gericht, der zweifacher Totschlag vorgeworfen wurde. Die Staatsanwaltschaft warf ihr vor, ihre Kinder entweder „auf medizinisch nicht nachweisbare Weise“ erstickt zu haben. Die alkohol- und tablettenabhängige Angeklagte beteuerte, die Schwangerschaft nicht bemerkt zu haben.

Bauchgefühl in der Schwangerschaft ist unersetzlich
Neben der psychischen Belastung einer nicht vorbereiteten Geburt fehlt auch die gesamte Organisation für den Alltag mit Kind, heißt es in der dpa-Meldung. Darum werde nach der Entbindung zur Unterstützung meist ein Sozialarbeiter eingeschaltet. „Das wesentliche Problem der Frauen ist ein Informationsdefizit.“ Fragen wie: Welche Formulare muss ich ausfüllen? oder: Wie kümmere ich mich überhaupt um einen Säugling? wollen beantwortet werden. Es müsse individuell festgelegt werden, wie lange eine Betreuung der Mütter nach der Geburt dauere. Jede Frau brauche unterschiedlich lang, um wirklich Mutter zu werden. „Es ist sehr wichtig, dass sich eine Frau auf das Muttersein vorbereiten kann“, so Susanna Rinne-Wolf, erste Vorsitzende des Berliner Hebammenverbands. „Das geht von dem Moment, in dem ich realisiere, dass ich schwanger bin, über die Namensfindung für das Baby bis zur Geburt“, sagt die Geburtshelferin. In einer Schwangerschaft sei das Bauchgefühl unersetzlich. Eine interessante Arbeit zum Thema, die unter dem Titel „Die negierte Schwangerschaft“ publiziert wurde, findet sich hier. (ad)

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