Unerwarteter Hörsturz: Was tun, wenn ein plötzlicher Hörverlust droht?

Ein Hörsturz hat unangenehme Folgen, geht aber in vielen Fällen von alleine wieder zurück. (Bild: STUDIO GRAND OUEST/fotolia.com)
Nina Reese
Nicht jeder Betroffene muss bei einem Hörverlust sofort zum Arzt
Eben klang jedes Geräusch noch normal, doch plötzlich tritt ein dumpfes Gefühl im Ohr auf und man hört nur noch wie durch Watte. In diesem Fall liegt meist ein so genannter “Hörsturz“ vor, welcher von einer relativ harmlosen Hörstörung bis hin zur völligen Taubheit reichen kann. Als möglicher Auslöser wird unter anderem Stress diskutiert, doch der genaue Entstehungsmechanismus ist bislang ungeklärt. Oft hilft bei einem Hörsturz schon Ruhe, daher sollten Betroffene erst einmal für Entspannung sorgen.

Betroffene können plötzlich nicht mehr richtig hören
„Es fühlte sich plötzlich so an, als wäre mein Ohr mit Watte verstopft“ – mit Sätzen wie diesen beschreiben viele Patienten ihre Beschwerden, bevor der Arzt einen so genannten „Hörsturz“ diagnostiziert. Dieser tritt meist völlig abrupt und ohne erkennbare Ursache auf und betrifft in der Regel nur eine Seite. Neben dem pelzigen Gefühl im Ohr, ist der Hörsturz durch eine eingeschränkte Hörfähigkeit gekennzeichnet. Diese kann relativ gering ausgeprägt sein, in schwereren Fällen aber auch einen völligen Gehörverlust bedeuten. Ohrenschmerzen treten hingegen nicht auf. „Oft passiert es morgens direkt nach dem Aufstehen, oft auch in belastenden, stressigen Situationen“, erklärt Prof. Dr. Gerhard Hesse im Gespräch mit der Nachrichtenagentur „dpa“. Hesse ist Chefarzt des Ohr- und Hörinstituts im hessischen Bad Arolsen und Sprecher des Fachlichen Beirats der Deutschen Tinnitus-Liga.

Ein Hörsturz hat unangenehme Folgen, geht aber in vielen Fällen von alleine wieder zurück. (Bild: STUDIO GRAND OUEST/fotolia.com)
Ein Hörsturz hat unangenehme Folgen, geht aber in vielen Fällen von alleine wieder zurück. (Bild: STUDIO GRAND OUEST/fotolia.com)

Experten diskutieren Stress als möglichen Auslöser
Die Gründe hierfür sowie die konkreten Entstehungsmechanismen konnten bis heute nicht vollständig geklärt werden. Auch ob tatsächlich Stress als Ursache von Hörstürzen in Betracht kommt, ist wissenschaftlich nicht belegt. Vor einigen Jahren galt die auch als „Ohrinfarkt“ bezeichnete Hörstörung noch als Notfall, weshalb Hörsturz Patienten sofort zum HNO-Arzt gehen sollten. Doch aus heutiger Sicht ist ein solch übereiltes Vorgehen nicht mehr notwendig und oft auch nicht sinnvoll, denn Hektik kann bei dem Betroffenen schnell zu Panik führen.

Nur bei komplettem Hörverlust sofort zum Arzt
Ist das Ohr jedoch vollständig taub, sollte auf jeden Fall umgehend ein Arzt aufgesucht werden, betont Dr. Hesse. Bei lediglich gering ausgeprägten Hör-Einschränkungen könne hingegen erst einmal 24 bis 48 Stunden abgewartet werden, sagt auch der Sprecher des Deutschen Berufsverbandes der HNO-Ärzte, Michael Deeg. Denn wie der Experte gegenüber der „dpa“ erläutert, verbessere sich das Hören in dieser Zeit bei den meisten Betroffenen wieder. „Und auch wenn das nicht der Fall sein sollte, droht keine Verschlechterung, und es besteht auch nicht die Gefahr, Behandlungschancen zu verpassen“, ergänzt Deeg, der als Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde in Freiburg tätig ist. Wichtig sei jedoch, in dieser Zeit für Ruhe zu sorgen. Entspannung, zeitiges zu Bett gehen sowie der Verzicht auf Alkohol und Nikotin seien hier die richtigen Maßnahmen, um dem Körper Erholung zu ermöglichen.

Bringt dies keine Verbesserung der Situation, ist ein Besuch beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt unumgänglich. Dieser kann zunächst prüfen, ob möglicherweise angesammeltes Ohrenschmalz für die Symptome verantwortlich ist. Neben dem können auch Infektionen wie z.B. eine Mittelohrentzündung oder ein Knalltrauma infolge lauter Böllerschüsse o.ä. die Beschwerden verursachen. Lässt sich kein anderer Grund finden, sprechen Mediziner von einem Hörsturz („Ausschlussdiagnose“). 40 bis 100 von 100.000 Menschen seien laut Dr. Hesse im Jahr davon betroffen.

Behandlung erfolgt meist mit Kortison
Ausgangspunkt des Ohrinfarkts ist das Innenohr bzw. die Hörschnecke, in der sich die sogenannten „Haarzellen“ befinden. Diese haben die Aufgabe, Schallwellen in elektrische Impulse umzuwandeln, welche dann von den Nerven ins Gehirn weitergeleitet und entschlüsselt werden und schließlich dafür sorgen, dass wir hören können. Im Falle eines Hörsturzes arbeiten diese sensiblen Zellen jedoch in einem bestimmten Frequenzbereich nur noch eingeschränkt. Die Folgen können für den Betroffenen ganz unterschiedlich sein. Einige erleben ein dumpfes, wattiges Gefühl in der Ohrmuschel, bei anderen tritt parallel z.B. Ohrensausen (Tinnitus) auf. Die Beschwerden klingen jedoch in vielen Fällen in den ersten Wochen nach dem Hörsturz spontan ab. Da der Auslöser der Hörstörung nach wie vor nicht bekannt ist, gibt es auch keine Medikamente. Wird eine Behandlung notwendig, erfolgt diese normalerweise mit hochdosiertem Kortison, welches z.B. per Spritze direkt ins Ohr eingebracht wird. „Der Wirkstoff reguliert den Flüssigkeitshaushalt im Innenohr und wirkt antientzündlich“, erklärt Hesse. Für einige wenige Tage werde diese Therapie normalerweise gut vertragen, die Kosten würden in der Regel die Krankenkassen übernehmen.

Bei bis zu 20 Prozent bleiben Hörminderungen bestehen
Infusionen zur Verbesserung des Blutflusses kommen heutzutage hingegen nicht mehr zum Einsatz. „Die wissenschaftliche Aufarbeitung hat gezeigt, dass sie keinen signifikanten Effekt haben und sogar zu unerwünschten Nebenwirkungen führen können“, erläutert Deeg. Doch nicht immer kann das Hörvermögen mit den gängigen Therapiemöglichkeiten wieder ganz hergestellt werden. Laut Hesse bleiben bei 10 bis 20 Prozent Hörminderungen bestehen. Erreicht die Dämpfung 25 bis 30 Dezibel, werde sie im Alltag als störend empfunden, erklärt Eberhard Schmidt, Hörgeräteakustikermeister in Regensburg weiter gegenüber der Nachrichtenagentur. Dann wird es schwieriger, in größeren Gruppen Gespräche mitzuverfolgen oder die Herkunft eines Geräusches zu erkennen. „Manchmal reagiert das Gehör nach einem Hörsturz außerdem empfindlicher auf laute Geräusche“, so der Delegierte der Bundesinnung der Hörgeräteakustiker weiter. In diesem Fall könne ein Hörgerät helfen, welches die fehlenden Frequenzen ans Trommelfell bringt und einen unangenehmen Tinnitus abmildert.

Lavendel kann bei Stress kleine Wunder bewirken
Kommt vor allem Stress als Auslöser des Hörsturzes in Betracht, ist es gerade bei bleibenden Beschwerden wichtig, neben der Behandlung auch einen besseren Umgang mit Belastungen von außen zu erlernen. Hier gibt es vielfältige Möglichkeiten zum Stressabbau wie z.B. Sport oder Entspannungstechniken wie Autogenes Training, Yoga oder Progressive Muskelentspannung. Zugleich bietet die Alternativmedizin eine Reihe natürlicher „Anti-Stress-Mittel“ wie Schüssler Salze, homöopathische Globuli oder eine Aromatherapie mit Lavendel. (nr)

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