Alltags-Chemikalien schädigen männliche Spermien

Fabian Peters

Chemikalien in Zahnpasta, Sonnenmilch und Kunststoff schädigen die Spermien

12.05.2014

Hormonell wirksame Alltagschemikalien, wie sie in Lebensmitteln, Plastikflaschen, Textilien, Haushaltsprodukten, Kosmetika und Spielzeug vorkommen, können die Fruchtbarkeit von Männern nachhaltig schädigen. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie einer deutsch-dänischen Forschergruppe des Center of Advanced European Studies and Research (Forschungszentrum caesar) in Bonn und des Rigshospitalet in Kopenhagen. Veröffentlicht wurde die Studie in der Fachzeitschrift „EMBO reports“.

Schon lange besteht der Verdacht, dass sogenannten „endocrine disrupting chemicals“ (übersetzt: „Hormonsystem störende Chemikalien“) einen negativen Effekt auf die Fruchtbarkeit haben können. Doch war ein Nachweis dieser These bisher nur schwer möglich. Die Forscher haben daher ein Verfahren entwickelt, mit dem die Wirkung von Chemikalien „auf menschliche Spermien zuverlässig und schnell untersucht werden kann.“Rund 100 hormonell aktive Substanzen haben sie anhand des Verfahrens getestet und dabei drastische Beeinträchtigungen der Spermien festgestellt. Die in zahlreichen Alltagsgegenständen vorkommenden Chemikalien könnten „mitverantwortlich sein für Fruchtbarkeitsstörungen, die in der westlichen Welt immer häufiger auftreten“, so die Mitteilung des Center of Advanced European Studies and Research.

Kalzium-Konzentration in den Spermien wird gestört
Mehr als 30 der getesteten Chemikalien führen den Ergebnissen des Forscherteams um Dr. Timo Strünker vom Forschungszentrum caesar und Professor Niels E. Skakkebaek vom Copenhagen University Hospital zufolge zu „Störungen des Kalzium-Haushalts der Spermien.“ Unter den Produkten, in denen die Chemikalien Verwendung finden, waren zum Beispiel Sonnenschutzmilch (Inhaltsstoff: 4-Methylbenzylidencampher; 4-MBC), Zahnpasta und Kosmetika (Inhaltsstoff: antibakteriell wirkende Triclosan). Auch der Kunststoff-Weichmacher Di-n-butylphthalat (DnBP) hatte erhebliche Beeinträchtigungen der Spermien zur Folge. Untersucht wurde die „Wechselwirkung zwischen den Substanzen und einem Ionenkanal (cation channel of sperm; CatSper), der die Kalzium-Konzentration in Spermien kontrolliert“, berichten die Forscher. Die getesteten Chemikalien hätten bei Konzentrationen, wie sie auch im menschlichen Körper vorkommen, den sogenannten CatSper-Kanal geöffnet, so das Kalzium in die Zelle strömen konnte. Ändert sich die Kalzium-Konzentration, so ändert sich auch das Schwimmverhalten der Spermien. Zudem hat die Kalzium-Konzentration eine wesentliche Bedeutung beim Durchdringen der Eihülle.

Schwimmverhalten und Eindringen in die Eizellen beeinträchtigt
Gesteuert wird das Schwimmverhalten und die Enzym-Freisetzung, welche beim Eindringen in die Hülle der Eizelle hilft, durch die im Eileiter befindlichen weiblichen Hormone Progesteron und Prostaglandine. Deren Wirkung wird jedoch von den Alltagschemikalien imitiert, was dazu führt, „dass Spermien weniger empfindlich auf diese Hormone reagieren“, berichten Timo Strünker und Kollegen. Durch die endocrine disrupting chemicals werde der Befruchtungsvorgang durcheinander gebracht, die Navigation der Spermien hin zur Eizelle gestört und das Eindringen der Spermien in die Eizelle erschwert, so das Fazit der Forscher. Hinzu komme, dass zwischen den verschiedenen Chemikalien Wechselwirkung vorliegen, und dass die Substanzen sich in ihrer Wirkung ungünstig ergänzen. So habe ein „endocrine disruptor-Cocktail“ aus verschiedenen Substanzen, „trotz der kaum wirksamen Konzentrationen der einzelnen Komponenten- große Kalzium-Antworten in Spermien“ ausgelöst. Ähnliche Cocktails würden sich auch im menschlichen Blut nachweisen lassen, schreiben die Forscher weiter.

EU-Richtlinie soll den Einsatz der Chemikalien reglementieren
Insgesamt bewerten die Wissenschaftler die Ergebnisse ihrer Studie als äußerst alarmierend. Die EU-Kommission müsse diese auch bei der derzeitigen Überprüfung der Richtlinien über Grenzwerte für endocrine disrupting chemicals berücksichtigen. Noch im vergangenen Jahr sei „die Frage, ob man die Verwendung dieser Substanzen weiter einschränken sollte, kontrovers zwischen Endokrinologen und Toxikologen diskutiert“ worden. Nun konnten „wir zum ersten Mal nachweisen, dass eine Vielzahl weit verbreiteter Substanzen eine direkte Wirkung auf menschliche Spermien hat“, betonte Professor Niels E. Skakkebaek. Die aktuelle „Arbeit liefert wissenschaftliche Belege, die helfen, neue Richtlinien zu erarbeiten”, so Timo Strünker weiter. Einschränkungen in der Verwendung der hormonell aktiven Substanzen scheinen angesichts der eindeutigen Ergebnisse des deutsch-dänischen Forscherteams dringend erforderlich. (fp)

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