Ungesunde Zuckerbomben: Zahlreiche Milchprodukte sind deutlich zu süß

Alfred Domke

Weltmilchtag: Zwei Drittel der Milchprodukte enthalten zu viel Zucker

Ernährungsexperten raten immer wider von zu hohem Zuckerkonsum ab, da dieser mit zahlreichen Gesundheitsrisiken einhergeht. Leider ist es oft gar nicht so einfach zu erkennen, wie viel des Süßungsmittels sich in bestimmten Lebensmitteln befindet. Auch vermeintlich gesunde Milchprodukte enthalten oft viel zu viel Zucker. Darauf weisen Fachleute anlässlich des Weltmilchtages hin.


Milch gilt als ein gesundes Naturprodukt

Früher war Milch der Inbegriff von gesunder Ernährung. Doch mittlerweile wird ein Streit darüber geführt, ob Milch gesund oder schädlich ist. So soll das Naturprodukt unter anderem Knochen und Zähne stärken, laut Studien allerdings womöglich auch Krankheiten wie Asthma begünstigen. Neueren Untersuchungen zufolge ist Milch aber tatsächlich gesund. Es kommt aber darauf an, in welcher Form sie genossen wird, denn vor allem manche Kindermilchprodukte sind oft eher eine Süßigkeit als ein gesundes Nahrungsmittel.

Zahlreiche Milchprodukte enthalten so viel Zucker oder Süßstoffe, dass sie laut Experten nicht mehr als gesund bezeichnet werden können. Am besten sollte Milch keine Süßstoffe zugesetzt werden. (Bild: niradj/fotolia.com)

Weltmilchtag am 1. Juni

Zwar ist die reine Milch ein wertvolles Lebensmittel mit wichtigen Inhaltsstoffen, doch leider wird bei der Weiterverarbeitung noch viel zu oft zu viel Zucker oder Süßstoff zugesetzt.

Darauf weisen die Österreichische Diabetes Gesellschaft (ÖDG) und das vorsorgemedizinische Institut SIPCAN anlässlich des Weltmilchtags am 1. Juni hin.

Die jährlich erscheinende SIPCAN Milchliste, eine Studie zum Zuckergehalt in über 1.100 Milchprodukten im österreichischen Handel, zeigt, dass ein Großteil der erhältlichen Milchprodukte zum Trinken oder Löffeln zu süß ist, um gesund zu sein.

Negative gesundheitliche Folgen

„Milch ist gleich ein gesundes Lebensmittel. Mit dieser einfachen Gleichung wird leider Konsumentenverwirrung betrieben“, so die Präsidentin der ÖDG, Univ. Prof.in Dr.in Alexandra Kautzky-Willer laut einer Mitteilung.

„Nur weil Milch ein Bestandteil eines Produkts im Supermarktregal ist, heißt das leider noch lange nicht, dass dieses Produkt auch gesund ist“, sagte die Expertin.

„Der Hauptgrund, warum im Gegensatz zur Milch verarbeitete Milchprodukte auch negative gesundheitliche Folgen haben können, ist die Beimengung von Zucker beziehungsweise Süßstoffen.“

Zugabe von Zucker ist abzulehnen

„Milch an sich ist bereits mit seinem natürlichen Zuckeranteil ein Energielieferant. Weitere Zugaben von Zucker sind deshalb besonders genau zu beobachten und eigentlich abzulehnen“, so Kautzky-Willer.

Laut der Expertin sollte freier Zucker bei Kindern und Jugendlichen weniger als fünf Prozent der Energie ausmachen und idealerweise in Form von Milch, ungesüßten Milchprodukten oder Früchten zugeführt werden.

„Als Durstlöscher soll primär Wasser dienen, ungesüßte Milchprodukte jedoch als Teil einer Mahlzeit oder kleiner Mahlzeitenersatz betrachtet werden“, erläuterte die Ärztin.

„Tatsächlich kann der Ersatz von Soft Drinks besonders durch Wasser aber sogar auch durch Milch Kalorienzufuhr einsparen helfen und zu weniger Adipositas der Kinder führen.“

Und: „Fermentierte Milchprodukte und fettarme Milchprodukte – immer ungesüßt natürlich – dürften sogar Insulinresistenz verbessern und zu weniger Risiko für Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen beitragen, wahrscheinlich über ihren Gehalt an Mineralstoffen, Vitaminen aber auch an günstigen Eiweißstoffen und Fettsäuren.“

Der Medizinerin zufolge dürfte sich Milchfett hier von sonstigem tierischen Fett unterscheiden, für das ja ein höheres Risiko für Diabetes beschrieben ist.

„Zu viel Zucker bedeutet aber für jeden sein persönliches Risiko für Adipositas, Diabetes und viele weitere sogenannte Zivilisationskrankheiten zu steigern. In Zeiten, in denen immer mehr Menschen und vor allem auch immer mehr Kinder und Jugendliche zu dick sind, ist es unangebracht, Zuckerbomben ein gesundes Mäntelchen umzuhängen.“

Nicht zur Zuckerbombe greifen

Der Präsident der Österreichischen Adipositas Gesellschaft Prof. Prim. Dr. Hoppichler, ergänzte: „Gerade bei Milchprodukten zum Trinken und zum Löffeln brauchen Konsumenten Unterstützung um nicht zur Zuckerbombe zu greifen und zu glauben, man tut seinem eigenen Körper beziehungsweise seiner Familie etwas Gutes.“

Die jährliche SIPCAN-Milchliste soll eine praktische Orientierungshilfe für den Alltag bieten. Zudem wollen die Autoren gleichzeitig bei Produzenten und Handel ein Umdenken erreichen.

Wie es in der Mitteilung heißt, haben die Experten von SIPCAN einen alltagstauglichen Orientierungswert von maximal 12 Gramm Zucker pro 100 g bzw. pro 100 ml Milchprodukt festgelegt.

Dieser Wert setzt sich aus dem natürlichen Zuckergehalt der Milch (durchschnittlich 4,6 g pro 100 ml) und der von der WHO-Empfehlung abgeleiteten Höchstmenge für zugesetzten Zucker von 7,4 g pro 100 g/ml zusammen.

Neben der genannten Zuckergrenze dürfen auch keine Süßstoffe in den Produkten enthalten sein. „Durch die Beimengung von Süßstoffen besteht die Gefahr, dass Konsumenten und vor allem Kinder langfristig an höhere Süße gewöhnt werden und dass außerdem kein Sättigungsgefühl trotz der Süße eintritt“, erklärte Kautzky-Willer.

„Wir sollten lernen die natürliche Süße von Milchprodukten aufgrund des normalen Milchzuckergehalt in Maßen zu genießen.“

Nur ein Drittel der Produkte entsprechen den Vorgaben

„Seit 2012 hat sich der Anteil an Produkten der Positivliste erfreulicherweise verdoppelt. Dennoch entsprechen derzeit erst ein Drittel aller Produkte, die im österreichischen Handel erhältlich sind, den Zuckervorgaben“, so Hoppichler.

„Milch ist unangefochten ein wertvolles Lebensmittel mit wichtigen Inhaltsstoffen wie z.B. Calcium, Eiweiß und B-Vitaminen“ sagte der Experte.

„Es stimmt mich aber sehr bedenklich, dass – bezogen auf den Gesamtzuckergehalt – sich in einem kleinen 200 g Becher Vanillejoghurt umgerechnet acht Stück Würfelzucker verstecken.“

Süßstoffe als besorgniserregender Trend

Bei Milchprodukten zum Trinken sei ein besorgniserregender Trend zu beobachten. Während von 2012 bis 2015 eine Reduktion des Anteils an Produkten mit Süßstoffen festgestellt werden konnte, ist seit 2015 wieder ein Anstieg zu beobachten.

„Achten Sie beim Einkaufen auf den Zuckergehalt und überprüfen Sie in der Zutatenliste, ob Süßstoffe wie z.B. Aspartam, Cyclamat aber auch Steviolglykosid enthalten sind“, so Kautzky-Willer.

Schließlich können auch kalorienfreie Süßstoffe Menschen übergewichtig machen.

„Ein Milchprodukt sollte keine Süßstoffe und maximal 12 g Zucker pro 100 ml bzw. 100 g enthalten. Mit dieser einfachen Regel können Sie Zucker trotz Genuss einsparen. Besser ist es allerdings ganz auf Zuckerzusatz bei Milch, Joghurts und anderen Milchprodukten zu verzichten.“

Die Fachleute fordern die Hersteller zur schrittweisen Senkung des Zuckergehalts und den reduzierten Einsatz von Süßstoffen auf.

„Es muss jeder Konsument die Chance, haben sich schrittweise an weniger Süße gewöhnen zu können. Die Industrie nimmt in diesem Zusammenhang eine entscheidende Schlüsselposition ein und muss sich zu dieser Verantwortung bekennen“, so Hoppichler und Kautzky-Willer. (ad)