Ungesunder Modetrend: Die Plazenta ist keinesfalls „Superfood“

Alfred Domke

Experten warnen: Plazenta eignet sich keinesfalls als „Superfood“

Hollywood-Größen wie Kim Kardashian haben die Öffentlichkeit wissen lassen, dass sie nach der Entbindung ihres Nachwuchses Teile des Mutterkuchens verzehrt haben. Auch viele Nicht-Prominente sind von dem neuen Trend begeistert. Schließlich soll der Verzehr der Plazenta mit einer Vielzahl positiver Effekte einhergehen. Gesundheitsexperten raten Müttern allerdings davon ab, die Plazenta nach der Geburt zu essen.

Neuer Trend: Verzehr des Mutterkuchens

Immer mehr Frauen wollen die eigene Plazenta nach der Entbindung mitnehmen, um sie aus „gesundheitlichen Gründen“ zu verspeisen. Insbesondere prominente Frauen aus den USA teilen über soziale und andere Medien mit, in welcher Form sie den Mutterkuchen ihres Babys zu sich genommen haben. Auch auf vielen esoterischen und alternativmedizinischen Internetseiten findet man Anleitungen und sogar Kochrezepte für die Zubereitung der angeblich gesunden Plazenta. Dieses nach der Geburt abgestoßene Gewebe wird von manchen gar zum „Superfood“ stilisiert. Doch Gesundheitsexperten raten Müttern, besser die Finger davon zu lassen.

Manche Mütter essen nach der Geburt Teile der Plazenta, weil sie sich davon gesundheitliche Vorteile versprechen. Experten warnen nun vor diesem Trend. (Bild: magdal3na/fotolia.com)

Gesundheitliche Vorteile durch den Verzehr der Plazenta?

Viele Säugetiere fressen ihre Plazenta nach der Geburt der Jungen auf. Warum sollte dies also für Menschenmütter schlecht sein?

Anhängerinnen der „Plazentophagie“ gehen davon aus, dass der Verzehr des Mutterkuchens mit einer Vielzahl positiver Effekte einhergeht.

Die Plazenta wird meist zu Pulver gemahlen, gekocht oder gefriergetrocknet und in Form von Kapseln, Pillen oder Globuli eingenommen.

Sie soll wegen eines hohen Nährstoff- und Hormongehaltes für eine bessere Milchbildung der stillenden Mutter sorgen, präventiv gegen die Wochenbettdepression wirken und insgesamt neue Energie sowie eine raschere Rückbildung nach der Schwangerschaft bringen.

Zudem soll sie für ein starkes Immunsystem und einen schönen Teint sorgen und einen bestehenden Eisenmangel ausgleichen.

Außerdem werden solche Kapseln von manchen Frauen zur Behandlung von Schlafproblemen, Entzündungen und Narben sowie gegen die Hautalterung und zur Steuerung des Hormonhaushalts bei Menstruationsbeschwerden und Beschwerden in der Wechseljahren eingesetzt.

Keine wissenschaftlichen Belege

Experten weisen allerdings darauf hin, dass es für die angeblichen positiven Auswirkungen keine wissenschaftlichen Belege gibt.

So stellte etwa ein Forscherteam von der Northwestern Universität in Chicago (USA) in einer Auswertung von zehn Studien zum Thema Plazentophagie fest, dass es keine Vorteile durch das Essen der Plazenta gibt.

Wie die Wissenschaftler damals im Fachmagazin „Archives oft Women’s Mental Health“ berichteten, gehe vom Verzehr des Mutterkuchens vielmehr ein mögliches Gesundheitsrisiko aus, da dieser keineswegs steril sei.

Auch der Gynäkologe Alex Farr von der Medizinischen Universität Wien forschte über das – teilweise noch stark tabuisierte – Thema. Die Ergebnisse seiner Arbeit wurden nun im „American Journal of Obstetrics and Gynecology“ veröffentlicht.

Hohe Konzentrationen von Schwermetallen festgestellt
Farr, der seine Forschung im Rahmen einer Kooperation mit dem Weill Cornell Medical Center am New York Presbyterian Hospital in New York durchführte, erklärte in einer Mitteilung:

„Medizinisch gesehen ist die Plazenta ein Abfallprodukt. Die meisten Säugetiere fressen die Plazenta nach der Geburt, aber wir können nur vermuten, warum sie das tun. Nachdem die Plazenta genetisch zum Neugeborenen gehört, grenzt das Verspeisen der Plazenta an Kannibalismus.“

Der Wissenschaftler sieht keinerlei Hinweise auf medizinische Vorteile. „Im Gegenteil, denn die vermuteten Nährstoffe wie Eisen, Selen und Zink befinden sich in keinen ausreichenden Konzentrationen in der Plazenta.“

Farr weiter: „Es wurden jedoch hohe Konzentrationen von Schwermetallen in der Plazenta festgestellt, die sich dort im Laufe der Schwangerschaft ansammeln.“

Gesetzlicher Graubereich

Und vor allem birgt der Verzehr, der meist in Form verarbeiteter Kapseln oder Globuli geschieht, auch ein Infektionsrisiko.

„Erst im Juni 2017 warnte die Bundesbehörde des amerikanischen Gesundheitsministeriums, das Center for Disease Control and Prevention (CDC), wegen eines rezenten Falles offiziell vor diesem Trend“, so Farr.

„Das Baby einer Mutter, die Plazentakapseln gegessen hatte, erlitt mehrmals eine lebensbedrohliche Blutvergiftung durch Streptokokken. Diese Bakterien konnten in den Plazentakapseln der Mutter nachgewiesen werden und wurden wohl von ihr auf das Kind übertragen.“

Als problematisch sieht der Gynäkologe, dass es ein gesetzlicher Graubereich ist, ob dem Wunsch der Frauen entsprochen wird, das Gewebe mitzunehmen.

Nur wenn Nachuntersuchungen der Plazenta medizinisch erforderlich scheinen, kann dies klar untersagt werden. Farr rät jedenfalls dazu, die jungen Mütter dringend auf das Risiko hinzuweisen. (ad)