Unkrautvernichter in Muttermilch gefunden: Frauen in der Stillzeit sollten Gifte meiden

Sebastian
Bei einem Test sind Rückstände des gefährlichen Pflanzengifts Glyphosat in Muttermilch nachgewiesen worden. Der Unkrautvernichter wird als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft. Experten raten stillenden Müttern, Genussgifte zu meiden.

Muttermilch mit Unkrautvernichter belastet
Zwar ist Stillen perfekt für das Immunsystem, doch wenn die Muttermilch mit gefährlichen Stoffen belastet ist, kann es unter Umständen auch gefährlich für das Baby sein. Die Grünen warnen nun angesichts von Rückständen des Unkrautvernichters Glyphosat in Muttermilchproben vor möglichen Gesundheitsrisiken. Wie die Nachrichtenagentur dpa berichtet, hatten die Grünen die Muttermilch von 16 stillenden Frauen aus verschiedenen Bundesländern auf Belastungen testen lassen. Den Angaben zufolge wurden dabei Glyphosat-Mengen zwischen 0,210 und 0,432 Nanogramm pro Milliliter Milch gemessen. Für Trinkwasser seien 0,1 Nanogramm zulässig. Ein Nanogramm ist ein milliardstel Gramm.

Giftstoffe in Muttermilch nachgewiesen. (Bild: cicisbeo - fotolia)
Giftstoffe in Muttermilch nachgewiesen. (Bild: cicisbeo – fotolia)

Professorin nennt Werte „untragbar“
Diese Werte seien „untragbar“, meinte Irene Witte, Professorin am Institut für Toxikologie der Universität Oldenburg. „Ich hätte nicht mit solch hohen Rückstandswerten in der Muttermilch gerechnet, da Glyphosat stark wasser- und nicht fettlöslich ist“, erklärte die Wissenschaftlerin. Sie sagte, dass man zwar aus 16 Proben keine endgültigen Schlüsse ziehen könne, doch sie seien ein erster Hinweis. Witte forderte, dass die Untersuchungen dringend auf mehr Frauen ausgeweitet und dabei auch deren Ernährungsgewohnheiten betrachtet werden müssten.

Während der Stillzeit auf Genussmittel verzichten
Laut Christian Albring vom Berufsverband der Frauenärzte stellen die gefundenen Rückstände des Glyphosats in dieser Konzentration kein Risiko für das Baby dar. Es gibt daneben aber noch weitere Stoffe, die nicht in die Muttermilch gelangen sollten. Albring verwies darauf, dass Mütter während der Stillzeit weitgehend auf Genussmittel verzichten sollten. Die größten Belastungen bekommt das Baby demnach über die Muttermilch über Genussgifte, vor allem Nikotin, Alkohol und Koffein. „Kein Nikotin in der Stillzeit, Alkohol und Kaffee nur in Ausnahmefällen, damit ist ein wichtiger Grundstein für die Gesundheit des Babys gelegt“, so Albring. Er erklärte weiter, dass einige Arzneimittel, die in der Schwangerschaft kritisch sind, in der Stillzeit wieder eingenommen werden können, da sie sich in der Muttermilch nicht oder nur in geringem Maß anreichern. Es ist jedoch immer ratsam, zuvor mit einem Arzt Rücksprache zu halten. Experten zufolge ist Stillen stets der Ernährung mit Fertignahrung vorzuziehen. Das Kind wird dadurch auch mit Immunglobulinen versorgt, die Bakterien und Viren abwehren können. Zudem senkt Stillen das Diabetes-Risiko für Mütter, betonen Ernährungsexperten.

In Deutschland zugelassener Stoff „wahrscheinlich krebserregend“
Nach Angaben des Agrarministeriums kommt Glyphosat seit 1974 vor allem bei der Unkrautbekämpfung zum Einsatz. Demnach werden Getreide und Raps aber zum Teil auch noch vor der Ernte damit behandelt. Obwohl umstritten ist, ob Glyphosat die Gesundheit schädigt, ist das Mittel in insgesamt 27 Ländern der EU zugelassen. In einem Bericht von Dezember 2013 sieht das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) keine Gefahren für die Gesundheit von Mensch und Tier. Allerdings verweisen Kritiker seit Jahren darauf, dass Glyphosat krebserregend sei. Und im März dieses Jahres stufte auch die Krebsforschungsagentur IARC der Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Wirkstoff als „wahrscheinlich krebserregend“ ein.

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Jede Belastung als bedeutsam betrachten
Diese Einstufung hatte teils heftige Reaktionen zur Folge. Wie zu erwarten war, forderte der Hersteller Monsanto einen Widerruf dieser Bewertung. In Kolumbien wurde ebenfalls reagiert. Es wurde mitgeteilt, dass Koka dort nicht mehr mit gefährlichem Glyphosat zerstört werden soll. Das Mittel wurde in dem südamerikanischen Land seit den 1990er-Jahren gegen den illegalen Drogenanbau eingesetzt. Witte erklärte, wenn Glyphosat wirklich krebserregend sei, dann müsse man jede Belastung als bedeutsam betrachten. „Hier gelten dann auch keinerlei Grenzwerte mehr. Jedes Molekül könnte schon Krebs erzeugen.“ Allerdings vergrößere eine hohe Konzentration natürlich noch die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung.

Grüne fordern Konsequenzen
Aktuell ist das Thema auch, da die Genehmigung für Glyphosat in der Europäischen Union Ende des Jahres ausläuft und der Wirkstoff für eine Verlängerung neu geprüft wird. Dabei hat Deutschland als zuständiger Berichterstatter eine herausgehobene Position – und auf Grundlage des BVL-Berichts zunächst keine Bedenken angemeldet. Auf Anfrage der dpa teilte ein Ministeriumssprecher mit, der Bericht sei „nach intensiver und sorgfältiger fachlicher Prüfung aktueller Erkenntnisse erstellt“ worden. Derzeit sehe das Bundesinstitut für Risikobewertung „keinen Anlass, seine vorläufige Bewertung des Wirkstoffs zu ändern“. Von den Grünen hingegen werden Konsequenzen gefordert. Die Vorsitzende des Umweltausschusses, Bärbel Höhn, sagte: „Die Bundesregierung muss Glyphosat aus dem Verkehr ziehen, bis die Frage der krebsauslösenden Wirkung geklärt ist.“ (ad)