Unnötige Mandel- und Blindarmoperationen sind offenbar vom Behandlungsort abhängig

Fabian Peters
Kinder werden in manchen Regionen deutlich häufiger operiert
In manchen Regionen Deutschlands werden Kindern sehr viel öfter die Mandeln oder der Blinddarm entfernt als anderswo, was nicht allein auf medizinische Notwendigkeit zurückzuführen ist, berichtet die AOK auf Basis einer aktuellen Auswertung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). „Nicht nur Herkunft und soziale Lage, sondern auch der Wohnort entscheiden über die Gesundheitschancen von Kindern und Jugendlichen“, so die Mitteilung der Krankenkasse. „Die Gesundheitsversorgung unserer Kinder und Jugendlichen darf nicht von der Postleitzahl abhängen“, warnt Martin Litsch, designierter Vorstand des AOK-Bundesverbandes. „Alle Kinder haben das Recht auf die gleiche, hochwertige Versorgung““, betonte Litsch auf der Pressekonferenz zum Erscheinen des Reports.

Aus dem neuen Versorgungs-Report 2015 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK geht hervor, dass bei Mandel- und Blinddarmoperationen erhebliche regionale Unterschiede dabei bestehen, „ob und wann operiert wird.“ Die Ursachen dieser regionalen Unterschiede seien bislang unklar, doch können diese „nicht allein medizinische Gründe haben“, erklärt Jürgen Klauber, Geschäftsführer des WIdO und Mitherausgeber des Versorgungs-Reports. Hier müsse die Indikationsstellung stärker hinterfragt werden. Der Wohnort dürfe keinen Einfluss auf die medizinische Versorgungsqualität haben, mahnen die Experten. Auch wenn in einzelnen Bereichen Verbesserungsbedarf bestehe, sei die Gesundheitsversorgung in Deutschland insgesamt jedoch gut.

Mandeloperationen sollten erst nach erfolglosen Behandlungsversuchen mit Antibiotika in Betraacht gezogen werden, doch erfolgt oftmals eine Entfernung ohne vorherige Antibiotika-Therapie. (Bild: Matthias Stolt/fotolia.com)
Mandeloperationen sollten erst nach erfolglosen Behandlungsversuchen mit Antibiotika in Betraacht gezogen werden, doch erfolgt oftmals eine Entfernung ohne vorherige Antibiotika-Therapie. (Bild: Matthias Stolt/fotolia.com)

Mandel- und Bilddarmoperationen ausgewertet
Für den Versorgungs-Report wurden unter anderem die Daten von AOK-Patienten im Alter unter 24 Jahren ausgewertet, bei denen im Krankenhaus entweder eine Mandelentfernung (Tonsillektomie) oder eine Teilentfernung der Mandeln (Tonsillotomie) durchgeführt wurde. Die Wissenschaftler des WIdO stellten fest, das im bundesweiten Durchschnitt die standardisierte Operationsrate im Jahr 2012 bei 37 operierten Patienten pro 10.000 Einwohner lag. Einzelne Regionen zeigten jedoch deutliche Abweichungen von diese Mittelwert. So erfolgten beispielsweise in der Region Magdeburg 66 derartige Eingriffe pro 10.000 Einwohnern, währen in der Region Ingolstadt lediglich 17 je 10.000 Einwohner an den Mandeln operiert wurden. Bei den Blinddarmoperationen lag Ingolstadt hingegen mit 51,8 je 10.000 Einwohner im oberen Bereich, während die bundesweite Operationsrate bei rund 27 Patienten pro 10.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren lag, so die Mitteilung der AOK. In der Region Schleswig-Holstein Ost seien lediglich 13 von 10.000 Kindern und Jugendlichen am Blinddarm operiert worden.

Konservative Behandlung nur wenig genutzt
Für den aktuellen Report werteten die Experten auch aus, in welchem Umfang bei Mandeloperationen im Vorfeld des Eingriffs eine Therapie mit Antibiotika stattgefunden hat, wie sie in den medizinischen Leitlinien für die bestimmte Mandelerkrankungen empfohlene wird. „Faktisch hatten im letzten Jahr vor dem Operationsquartal 35 Prozent der Tonsillektomie-Patienten nicht eine einzige Mandelentzündung mit Antibiotika-Behandlung“, so die Mitteilung der AOK. Bei 64 Prozent der Operierten sei maximal in zwei Quartalen eines Dreijahreszeitraums eine entsprechende antibiotische Therapie erfolgt. „Offensichtlich wurden in einem beachtlichen Teil der Fälle die Möglichkeiten der konservativen Therapie wenig oder überhaupt nicht genutzt“, kritisiert Jürgen Klauber. In den aktuellen Leitlinien der Fachgesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und der Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin wird eine Operation (Tonsillektomien oder Tonsillotomien) nur als therapeutische Option in Betracht gezogen, wenn in 12 bis 18 Monaten mindestens sechs Mal eine eitrige Tonsillitis (Mandelentzündung) mit Antibiotika therapiert wurde, erläutert die AOK.

Kindergesundheit eine nationale Querschnittsaufgabe
In dem Versorgungs-Report werden auch andere kritische Aspekte angesprochen, die einen Einfluss auf die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen haben. Zunächst müsse allerdings der Zugang zur medizinischen Versorgung für alle gleich gut sein, um allen Kindern und Jugendlichen die gleichen Chancen zu geben, gesund aufzuwachsen, betont Professor Dr. Bernt-Peter Robra, Direktor des Instituts für Sozialmedizin und Gesundheitsökonomie an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, ebenfalls Mitherausgeber des Versorgungs-Reports. Gesundheitschancen seien vor allem auch soziale Chancen. Die Förderung der Kindergesundheit bilde eine nationale Querschnittsaufgabe, wobei „beispielsweise der Geißel Übergewicht“ mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden müsse. Hier seien Eltern und Familien, Kitas und Schulen, Kommunen, Politik und natürlich das Gesundheitswesen insgesamt gefordert, an der Prävention von Übergewicht mitzuwirken.

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Gesundheitswissen entscheidend für die Prävention
Ein wesentlicher Faktor bei der Prävention ist laut Aussage der Experten, das Gesundheitswissen in der Bevölkerung. Zum Beispiel spiele das Wissen über den versteckten Zucker in Lebensmitteln bei der Prävention von Übergewicht eine wesentliche Rolle. Allerdings wüssten „zwei Drittel der Deutschen nicht, wie viel Zucker sie täglich ungefähr zu sich nehmen“, erläutert Martin Litsch unter Berufung auf eine Bevölkerungsumfrage im Auftrag der AOK. „Angesichts steigender Zahlen bei Adipositas und Diabetes brauchen wir dringend mehr Aufklärung und Transparenz“, so Litsch weiter.

Einen Kritikpunkt bildet für die Experten auch die unzureichende Untersuchung der Wirkung von Arzneimitteln bei Kindern. Angesichts fehlender Kenntnisse müssten Kinder immer wieder mit Medikamenten behandelt werden, die bisher nur an Erwachsenen untersucht und überprüft wurden, erläutert Dr. Karl-Josef Eßer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) in der Pressemitteilung der AOK. „Auch Kinder haben ein Recht auf sichere Arzneimittel. Doch mindestens 50 Prozent der Arzneimittel, die heute bei Kindern eingesetzt werden, sind nicht für ihre Altersgruppe geprüft“, betont Eßer. „Dieser Mangel gefährdet unsere Kinder“, so der Experte weiter. (fp)