Ursachen für Nickelallergie erforscht

Fabian Peters

Nickelallergie: Ursachen anscheinend erforscht.

(16.08.2010) Rund 65 Millionen Menschen leiden europaweit an einer Nickelallergie, wobei etwa 10 Prozent der Frauen und ungefähr ein Prozent der Männer betroffen sind. Bei den Betroffenen ruft der Kontakt mit Nickel – wie er in den Legierungen vieler Modeschmuck Accessoires enthalten ist – juckende Rötungen und Schwellungen der Haut hervor. Deutsche Wissenschaftler der Universität Gießen haben gemeinsam mit Kollegen der Universitäten Mannheim, Freiburg, Münster und München jetzt in einer umfassenden Untersuchung die Ursachen der allergischen Reaktion ermittelt und ihre Ergebnisse in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins „Nature Immunology“ vorgestellt.

Maßgeblich für die allergische Reaktionen auf Nickel sind demnach Metallmoleküle, die sich an ein Eiweiß des Immunsystems heften, welches eigentlich dem Schutz vor Bakterien dient. Bereits seit längerem waren sich die Mediziner der Tatsache bewusst, dass nicht Antigene die Allergie auslösen sondern eine Reaktion in den T-Zellen. Welches entzündungsfördernde Signal jedoch außerdem dazu beiträgt, war bisher unbekannt.

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Die T-Lymphozyten oder kurz T-Zellen bilden eine Gruppe von weißen Blutzellen, die der Immunabwehr dient und kontinuierlich durch den Organismus wandert, um die Membranzusammensetzung der Körperzellen auf krankhafte Veränderungen zu überwachen. Wenn Zellen erkranken und eines der ursächlichen Moleküle auf der Oberfläche der kranken Zelle exakt zu dem individuellen Rezeptor einer T-Zelle passt, zudem gleichzeitig eine Costimulanz besteht, werden bestimmte Gene im Zellkern der T-Zelle aktiviert. Anschließend beginnt das Zellwachstum und und die Zelle differenziert sich aus zu T-Killerzellen (zerstören die kranke Zelle); T-Helferzellen (schlagen mit löslichen Botenstoffen Alarm und locken zusätzliche Immunzellen an) oder Regulatorischen T-Zellen (verhindern übergreifende Angriffe auf intakte Körperzellen). Auf der Oberfläche dieser T-Zellen haben die Wissenschaftler jetzt den Rezeptor „TLR4“ entdeckt, der als Eiweißmolekül dafür ausgerüstet ist bestimmte Bakterien zu erkennen. So passt ein charakteristisches Molekül der Bakterien, Lipopolysaccharide (LPS) genannt, exakt in eine Erkennungsstelle von TLR4. Allerdings heften auch Nickel-Ionen, die sich beim Tragen aus nickelhaltigen Legierungen lösen können, an den TLR4 -Rezeptoren an und lösen wie die Bakterien eine Reaktionen aus, die zu heftigen Entzündungen und Schwellungen an der Kontaktstelle führen kann (Kontaktekzem) .

Das Forscherteam um Prof. Dr. Matthias Goebeler und Dr. Marc Schmidt konnten außerdem feststellen, dass der Reaktionsmechanismus von TLR4 auf Nickel anders verläuft als bei Bakterien, da die Metall-Ionen an anderer Stelle des Rezeptors anhaften. Demnach wäre es theoretisch möglich, das Anheften der Nickelmoleküle zu blockieren, ohne die Sensibilität des Rezeptors für LPS und damit für eindringende Bakterien zu beeinträchtigen. Dies könnte einen Durchbruch bei den Behandlungsmöglichkeiten der Nickelallergie bedeuten, da es generell möglich erscheint spezifische TLR4-Hemmstoffe zuentwickelnn, die eine allergische Reaktion zukünftig verhindern.

Das interessanteste nebenläufige Ergebnis der Studie war jedoch, dass bei getesten Mäusen, keine allergische Reaktion auf Nickel durch TLR4-Rezeptoren ausgelöst wurde, d. h. die Versuche an Tieren keine Aussage über die Wirkung am menschlichen Körper erlauben. Die gängige Praxis, allergiefördernde chemische Substanzen im Tiermodell zu untersuchen, ist demnach mit großer Vorsicht zu genießen, so die Aussage der Wissenschaftler. (fp)