Urteil: Pfleger wegen Selfies mit wehrlosen Patienten verurteilt

Urteil gegen Pfleger gefällt. Bild: 2mmedia - fotolia
Sebastian
Krankenhaus-Mitarbeiter missbrauchen Patienten für geschmacklose Fotos
Wer im Krankenhaus liegt, sollte sich normalerweise sicher und gut betreut fühlen können. Doch in der Notaufnahme der Aachener Uniklinik nutzte eine Gruppe von Pflegern die Wehrlosigkeit einiger Senioren aus, um schäbige und entwürdigende „Spielchen“ mit ihnen zu treiben. Nun sind die Täter wegen „Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs“ vom Amtsgericht Aachen zu Bewährungs- bzw. Geldstrafen verurteilt worden.
Wehrlosigkeit der Senioren ausgenutzt
Es klingt unglaublich, ist aber offenbar bittere Realität: In der Aachener Uniklinik wurden mehrere Patienten Opfer einer Gruppe von Pflegern, die sich einen Spaß daraus machten, herabwürdigende Fotos mit den Senioren zu knipsen. Die Täter gingen dabei besonders perfide vor, denn die meist hochbetagten Männer und Frauen konnten sich nicht zur Wehr setzen, da sie teilweise an Demenz erkrankt oder sogar narkotisiert waren. Der Skandal am Uniklinikum kam im Jahr 2014 an die Öffentlichkeit, nachdem im Internet Selfies mit Patienten aus dem Uniklinikum aufgetaucht waren.

Urteil gegen Pfleger gefällt. Bild: 2mmedia - fotolia
Urteil gegen Pfleger gefällt. Bild: 2mmedia – fotolia

Geld-und Bewährungsstrafen für fünf Pfleger
Nun wurden die vier Männer und eine Frau zwischen 25 und 32 Jahren vom Amtsgericht Aachen wegen „Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs“ verurteilt. Drei der Männer erhielten einem Bericht der „Berliner Morgenpost“ zufolge Bewährungsstrafen zwischen sechs und acht Monaten, für den vierten Mann sowie die Frau wurden Geldstrafen von 70 Tagessätzen à 60 und 50 Euro verhängt. Damit kommt das Urteil den Forderungen der Staatsanwaltschaft nach, die Verteidigung hatte sich hingegen lediglich für eine Geldstrafe im Falle aller Beteiligten ausgesprochen. Die Taten würden einen „Vertrauensbruch“ darstellen, denn die Täter hätten eigentlich in der Fürsorgepflicht gestanden, begründete die Richterin des Amtsgerichts, Lena Michel-Rensen, ihr Urteil.

Täter arbeiten mittlerweile wieder in Pflegereinrichtungen
Die Motivation für die Taten konnte jedoch in dem Prozess nicht eindeutig geklärt werden. „Offenbar handelten sie völlig impulsiv. Sie waren völlig überrascht von der Lawine, die sie damit ausgelöst hatten“, wird der Gerichtssprecher Daniel Kurth von der Zeitung zitiert. Alle fünf Personen wurden nach Bekanntwerden des Skandals vom Klinikum entlassen, würden laut Kurth aber mittlerweile ausnahmslos wieder in Pflegereinrichtungen arbeiten. Ein Berufsverbot sei den Angaben nach nicht in dem Prozess verhandelt worden, allerdings könnten möglicherweise die ausländischen Berufszulassungen einiger Verurteilten aberkannt werden.

Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz zeigte sich enttäuscht darüber, dass kein Berufsverbot verhängt wurde. „Schließlich sind beschämende Aufnahmen von hilflosen Personen keine Bagatelldelikte. Die grobe Verletzung der Würde eines Patienten muss hart bestraft werden. Schließlich hat Pflegepersonal eine herausragende Fürsorgepflicht, die missbraucht wurde. Hier muss das Berufsrecht für Klarheit sorgen. Solches Personal ist ungeeignet für die Pflege am Menschen“, sagte Brysch laut der „Berliner Morgenpost“.

Experte plädiert für Whistleblower-System in Kliniken
Seiner Ansicht nach sollte in Kliniken ein sogenanntes „Whistleblower-System“ eingeführt werden, um Missstände wie in der Aachener Klinik frühzeitig aufzudecken. „An eine solche Stelle können sich Mitarbeiter auch anonym wenden. Solche Hinweise werden dann direkt der Leitung eines Hauses berichtet. Das stärkt Vertrauen und fördert Zivilcourage“, erläutert Brysch. Demnach dürften Vorfälle wie diese nicht verharmlost und „intern“ geregelt werden, es dürfe keine „Kultur des Wegschauens“ geben.
Die Vorfälle hatten sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft zwischen Ende 2013 und Anfang 2014 ereignet. Doch die Taten wurden erst im September 2014 bekannt, nachdem der ärztliche Leiter der Notaufnahme von einem anonymen Absender die abscheulichen Fotos von insgesamt neun Patienten erhalten hatte. Darauf zu sehen waren unter anderem die teilweise unbekleideten Erkrankten, die mit Stiften bemalt oder mit Schaum beschmiert gegen ihren Willen bzw. ohne ihr Wissen als Fotomotiv herhalten mussten. Ob aufgemalte Vampirzähne im Gesicht oder Bilder, auf denen sich eine Pflegerin zu einem Patienten ins Bett legt und ein „Victory-Zeichen“ in die Kamera macht – die ehemaligen Pfleger des Aachener Klinikums schreckten vor nichts zurück und teilten die Bilder anschließend sogar über WhatsApp in ihrer internen „Quatsch-Gruppe“.

Von einer Patientin sei laut der „Berliner Morgenpost“ sogar ein Handy-Video aufgetaucht, indem die offensichtlich verwirrte Frau den Pfleger fragt, wer er denn sei. Daraufhin habe der Mann, der eigentlich für das Wohlergehen der Dame zuständig war, geantwortet: „Ein Terrorist.“ Auch dieses Video landete in der WhatsApp-Gruppe und diente den Tätern offenbar als geschmacklose Unterhaltung.

Klinik spricht von „absoluter Grenzüberschreitung“
Die Uniklinik Aachen hatte das Verhalten der Pfleger damals als „eine absolute Grenzüberschreitung“ bezeichnet, stufte die Taten jedoch lediglich als „disziplinarisches Vergehen“ und nicht als Straftat ein. In der Folge wurden zunächst vier Mitarbeiter fristlos entlassen, ein weiterer Pfleger verließ kurz darauf „in gegenseitigem Einvernehmen“ das Haus. „Mit den Informationen, die wir 2014 hatten, deuteten wir die Vorfälle tatsächlich als disziplinarisches Vergehen. Hätten wir den Wissensstand gehabt, den die Staatsanwaltschaft im Laufe ihrer Ermittlungen gewann, hätten wir enger geprüft, ob eine Straftat vorliegt“, so Mathias Brandstädter, Sprecher des Klinikums Aachen, gegenüber der Zeitung. (nr)

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