US-Arzneimittelbehörden warnen vor dem Risiko durch homöopathische Präparate

Fabian Peters
Lebensbedrohliche Nebenwirkungen durch Homöopathika?
Homöopathische Mittel stehen zur Behandlung zahlreicher Beschwerden zur Verfügung und viele Eltern setzen diese bei ihren Kindern. Zwar streiten Kritiker und Befürworter seit Jahren über die heilende Wirkung der Homöopathie, doch galt allgemein zumindest die Annahme, dass die Präparate kein Risiko darstellen. Die US-Arzneimittelbehörde warnt nun allerdings vor bestimmten Homöopathika, da deren Einnahme lebensbedrohliche Folgen für Kindern haben könne.

Laut Angaben der FDA (Food & Drug Administration) haben zahlreiche Kinder in den USA durch die Einnahme homöopathischer Mittel gegen die Beschwerden beim Zahnen lebensbedrohliche Nebenwirkungen erlitten. Ein Zusammenhang mit mehreren Todesfällen wird laut Medienberichten derzeit noch überprüft. „Krampfanfälle, Atembeschwerden, Lethargie, übermäßige Schläfrigkeit, Muskelschwäche, Verstopfung, Schwierigkeiten beim Wasserlassen oder Agitation“ werden von der FDA als drohende Nebenwirkungen bei den speziellen Homöopathika angegeben.

Homöopathische Mittel gegen Zahnungsbeschwerden in den USA bei zahlreichen Kindern schwere Nebenwirkungen verursacht Bild: Wolfisch/fotolia.com

Risiken sollten bei homöopathischen Mitteln ausgeschlossen sein
Wenn die Zähne wachsen, leiden viele Kinder unter Schmerzen. Sie weinen häufig, suchen die Nähe der Eltern und brauchen erhöhte Aufmerksamkeit. Spezielle homöopathische Mittel auf Basis von Belladonna (Schwarze Tollkirsche) sollen hier Linderung verschaffen. Zwar ist die Tollkirsche giftig, doch in der Homöopathie, wie sie von Samuel Hahnemann vor etwa zwei Jahrhunderten erfunden wurde, werden die Wirkstoffe soweit verdünnt, dass von ihnen kein Risiko mehr ausgehen kann. Dies ist auch einer der Hauptkritikpunkte an der Homöopathie. Denn der Gehalt der Wirkstoffe liegt im Prinzip unter der Nachweisgrenze, so dass Kritiker davon ausgehen, dass keine Wirkung im Körper entfaltet wird. Jegliche Heilungseffekte seien demnach dem Placebo-Effekt zuzuschreiben.

Nebenwirkungen durch enthaltene Belladonna Alkaloide
Bei den Globuli und Gelen gegen Schmerzen beim Zahnen ist jedoch laut FDA durchaus von einer deutlichen Wirkung auszugehen – allerdings von einer extrem riskanten. Nachdem ein Vater der FDA im vergangenen Jahr von schweren Nebenwirkungen seines Kinder bei der Einnahme homöopathischer Zahnungsmittel berichtete, hat die US-Arzneimittelbehörde eine genauere Untersuchung der Präparate durchgeführt. Dabei stellten die Experten fest, dass der Gehalt der Belladonna Alkaloide (Atropin und Scopolamin) in den Globuli und Gelen stark variiert und teilweise deutlich höher liegt, als auf den Etiketten angegebenen. Normalerweise sollten die Konzentrationen der Wirkstoffe in den Homöopathika so niedrig sein, dass sie selbst durch hochempfindliche Prüfmethoden – einschließlich jener, die von der FDA in ihren Laboratorien verwendet werden – nicht leicht erkennbar sind, so die Mitteilung der FDA.

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Risiko für Säuglinge und Kinder
Die FDA warnt angesichts der Untersuchungsergebnisse davor, dass homöopathische Zahnmittel, die Belladonna enthalten, ein unnötiges Risiko für Säuglinge und Kinder darstellen können. „Die Antwort des Körpers auf Belladonna bei Kindern unter zwei Jahren ist unvorhersehbar und setzt sie einem unnötigen Risiko aus“, so die FDA-Expertin Janet Woodcock. Sie rät Eltern, diese homöopathischen Mittel nicht ihren Kindern zu geben und stattdessen Rat von einem medizinischen Fachmann für sichere Alternativen einzuholen. Normalerweise könne das Zahnen ganz ohne Arzneien oder andere Heilmittel überstanden werden, berichtet Woodcock weiter.

Schwerwiegende Nebenwirkungen festgestellt
Als mögliche Nebenwirkungen der Präparate nennt die FDA zum Beispiel Lethargie, übermäßige Schläfrigkeit, Muskelschwäche, Verstopfung, Krampfanfälle und Atembeschwerden, wobei letztere schnell ein lebensbedrohliches Ausmaß annehmen können. Zurückgeführt werden die Beschwerden auf zu hohe Konzentrationen der Belladonna Alkaloide in den Präparaten. Die hohen Rückstände der Alkaloide sprechen laut FDA für einen schlecht kontrollierten Herstellungsprozess. Dabei ist zu betonen, dass die Präparate auch nicht dem Anspruch der Homöopathie gerecht werden, wenn zu hohe Wirkstoffkonzentrationen enthalten sind. Im Prinzip warnt die FDA vor falsch hergestellten Homöopathika.

Keine Risiko durch hierzulande verfügbare Präparate
Hierzulande sind laut Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gegenüber „SPIEGEL Online“ keine entsprechenden Homöopathika auf dem Markt, von denen ein Risiko ausgehen kann. Die sechs gegen Beschwerden beim Zahnen zugelassenen homöopathischen Mittel seien in der Vergangenheit nicht durch Meldungen über unerwünschte Wirkungen aufgefallen. Andere Globuli auf Basis von Belladonna, seien zwar auch in Deutschland verfügbar, doch durch die starke Verdünnung könne von einem kaum nachweisbaren Wirkstoffgehalt ausgegangen werden – solange die Herstellung korrekt erfolgt.

Überprüfung vor Markteinführung
Bei der Herstellung werde hierzulande – anders als in den USA – vor der Markteinführung überprüft, inwiefern die Produzenten die Unbedenklichkeit nachweisen können, berichtet der „SPIEGEL“ weiter. Auch müssen die Produzenten nachweisen, dass die Herstellung gemäß den Grundsätzen der Homöopathie erfolgt. Eine Überprüfung des versprochenen Nutzens, wie sie beispielsweise für rezeptpflichtige Arzneien vorgesehen ist, erfolgt allerdings nicht. So sind wissenschaftliche Untersuchungen zu dem Nutzen der Homöopathika eher selten und es wird weiterhin lebhaft über den Sinn des Einsatzes der Präparate diskutiert.

Kommission bewertet homöopathische Mittel
Beim BfArM beschäftigt sich ein spezielle Kommission mit der Bewertung der Homöopathika, für die eine Zulassung angestrebt wird. Im Januar befasste diese sich auch mit der oralen Anwendung homöopathischer Arzneimittel bei Zahnungsbeschwerden. „Das Anwendungsgebiet leitet sich von den homöopathischen Arzneimittelbildern ab. Dazu gehören: Zahnungsbeschwerden mit Entzündungen der Mundschleimhaut bei Säuglingen und Kleinkindern“, so die angestrebte Zulassung für das Produkt. Die Kommission kam dabei einstimmig zu dem Schluss, dass „Säuglinge unter 3 Monaten von der Behandlung ausgeschlossen werden“ sollten, jedoch „die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit des beantragten Anwendungsgebietes für die beantragten Personengruppen belegt“ sei. Zur Dosierung der 100 mg Tabletten erläutert die „Kommission D“, dass pro Einzelgabe eine Tablette in 6 Teelöffeln Wasser aufgelöst werde und von dieser Lösung Kinder „ab 3 bis 12 Monate 2 Teelöffel“ sowie Kinder „ab 1 bis unter 6 Jahren 3 Teelöffel“ einnehmen können. Maximal 6-mal täglich dürfe die Einnahme erfolgen.

Wissenschaftliche Aufarbeitung Ziel der Politik
Insgesamt ist in Deutschland eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Homöopathie dringend erforderlich und auch von Seiten der Politik durchaus gewünscht. So wird die Parlamentarische Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz laut Angaben von „SPIEGEL Online“ die Schirmherrschaft für den Weltärztekongress der Homöopathen 2017 in Leipzig übernehmen. Mit der Begründung, dass dem wissenschaftlichen Diskurs in der Gesundheitsversorgung ein hoher Stellenwert zukomme. Patientenwohl und die Patientensicherheit seien hier oberstes Richtmaß aller Behandlungsmethoden. Auf dem Kongress werde die Wirksamkeit homöopathischer Mittel bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen und zur Behandlung von Kindern mit Autismus zwei Themenschwerpunkte bilden.

Potenzial der Homöopathie überprüfen
Eine wissenschaftliche Bewertung der Homöopathie ist grundsätzlich zu befürworten, da so einerseits der Nutzen für die Patienten überprüft werden kann und sich unnötige Risiken vermeiden lassen. Anderseits eröffnen sich hier gegebenenfalls erhebliche Kosteneinsparungspotenziale im Gesundheitswesen. Denn in der Regel sind homöopathische Behandlungen sehr viel günstiger als andere Therapien. Selbst wenn die Wirkung nur dem Placebo-Effekt entspricht, könnte sich die Anwendung durchaus lohnen, beispielsweise bei Beschwerden, für die auch keine anderen Arzneien verfügbar sind. (fp)