Utopie? WHO will eine Welt ohne Tuberkulose

Heilpraxisnet

Utopie? WHO will eine Welt ohne Tuberkulose

24.03.2015

Zwar ist Tuberkulose (TB) europaweit rückläufig, doch noch immer erkranken pro Jahr über 4.000 Menschen in Deutschland an der gefährlichen Infektionskrankheit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat anlässlich des Welttuberkulosetages einen Plan verkündet, mit dem TB ausgerottet werden soll. Ist das machbar?

Deutschland beim Kampf gegen TBC nicht weitergekommen
Tuberkulose (auch TBC oder TB genannt) ist zwar in Europa rückläufig, doch auch hierzulande noch immer ein Problem. Neue Daten zeigen laut einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa, dass Deutschland beim Kampf gegen die Krankheit zuletzt nicht weitergekommen ist. So meldete das Robert Koch-Institut (RKI) im Vorfeld des Welttuberkulosetags an diesem Dienstag 4.318 im Jahr 2013 erkrankte Menschen in Deutschland. Das sind rund 100 Fälle mehr als 2012 und fast ebenso viele wie 2011. Der Welttuberkulosetag ist den Angaben zufolge der Jahrestag der erstmaligen Beschreibung des Bakteriums Mycobacterium tuberculosis durch den späteren Nobelpreisträger Robert Koch.

Ausrottung der Krankheit als Ziel
In Deutschland erkrankten damit in den vergangenen Jahren jeweils etwas mehr als fünf von 100.000 Einwohnern an der Infektionskrankeit. Das ist zwar im Vergleich zu anderen Ländern wenig, doch seit 2009 sinkt die Rate kaum noch und ging zuletzt sogar wieder leicht nach oben. Es braucht neue Anstrengungen, um die Ziele der WHO zu erreichen. Diese verfolgt von diesem Jahr an die Strategie: „End TB“. Das Ziel ist eine Welt ohne Tuberkulose. Wie es heißt, sieht der Rahmenplan für Länder mit niedriger TB-Rate für 2050 die Ausrottung vor. Die Todesfälle sollen weltweit reduziert und die Behandlungskosten gesenkt werden. In vielen Fällen lässt sich TBC mit Antibiotika erfolgreich behandeln. Die auch als Schwindsucht bekannte Krankheit tritt normalerweise als Infektion der Lunge auf. Symptome wie anhaltender Husten, chronischeMüdigkeit, Gewichtsverlust, Fieber mit nächtlichen Schweißattacken und ein Stechen in der Brust können Anzeichen einer Tuberkulose-Erkrankung sein.

Öffentlicher Gesundheitsdienst ist unterbesetzt
Die WHO hofft auf einen Impfstoff, der ab 2025 zur Verfügung stehen könnte. Der 1930 in Deutschland eingeführte Impfstoff BCG wird hierzulande schon seit langem nicht mehr empfohlen, da er als wenig wirksam gilt. Der öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) spielt eine zentrale Rolle zur Eindämmung von TB. Allerdings ist der nicht nur in Berlin unterbesetzt. Das Tuberkulose-Zentrum in der Hauptstadt, in dem routinemäßig alle Asylbewerber vor ihrem Einzug in eine Gemeinschaftsunterkunft auf die Erkrankung getestet werden, arbeitet den Angaben zufolge seit Monaten am Limit. So müssen Flüchtlinge lange auf die Untersuchung warten und die Einschulung von Kindern verzögert sich. Sie kommen häufig aus Ländern mit ungenügender Gesundheitsversorgung. Über die Hälfte der 2013 beim RKI gemeldeten TB-Patienten war im Ausland geboren.

Multiresistente Formen der Tuberkulose
Wie der Mediziner Karl Schenkel vom Deutschen Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose (DZK) erklärte, müssen diejenigen, die erkrankt seien, frühzeitig diagnostiziert werden, um weitere Ansteckungen zu verhindern. Gerade in Ländern der ehemaligen Sowjetunion sind multiresistente Formen der Tuberkulose verbreitet, die insbesondere durch abgebrochene oder falsche Therapien entstehen. Bereits bei einer normalen TB-Behandlung müssen Patienten ein halbes Jahr lang vier Arten Antibiotika einnehmen. Der Infektionsbiologe Stefan Kaufmann, Direktor der Abteilung Immunologie am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin erläuterte, dass je länger die Behandlung dauert und „je schwererer die Geschosse“, desto eher nehmen Patienten ihre Medikamente nicht regelmäßig. „Dadurch entstehen weitere Resistenzen.“

Zwei neue Mittel zugelassen
Mittlerweile werden Mediziner aus Lettland, Litauen, Rumänien, Bulgarien und anderen besonders betroffenen Ländern in Deutschland für den korrekten Einsatz zweier Antibiotika, die 2014 auf den Markt kamen, geschult. Kaufmann wertet die erste Zulassung neuer TB-Medikamente seit Jahren durchaus als Erfolg, sieht aber keinen Grund aufzuatmen. Wie es heißt, seien die Mittel vor allem für diejenigen Patienten ein „Strohhalm“, die an der multiresistenten TB-Form erkrankt sind. Weltweit sind das pro Jahr rund 480.000 Menschen, in Deutschland etwa 100 im Jahr 2013. Bei einer zweijährigen Behandlungszeit lägen die Heilungschancen bei 50 Prozent. Von Kaufmann wird eine Art Nachhaltigkeitsproblem befürchtet: „Alle Wirkstoffe, die wir heute verwenden, werden unseren Kindern fehlen. Jedes neue Mittel ist zwar gut, aber voraussichtlich nur temporär.“ Laut Einschätzung des Infektionsbiologen, der selbst an neuen Impfstoffen forscht, wird aktuell ein gutes Dutzend Impfstoffe in klinischen Studien untersucht. In den am stärksten betroffenen Regionen lasse sich die Krankheit nur damit langfristig ausrotten.

Vorbeugende Behandlung
Womöglich gibt es aber für Regionen mit sehr hohen Infektionsraten bedeutendere Optionen, an denen ebenfalls gearbeitet wird. Und zwar Methoden, die zeigen, bei wem die Krankheit tatsächlich ausbricht. Dann könnten Patienten vorbeugend behandelt werden. Denn in bis zu 95 Prozent der Fälle gelingt es dem Immunsystem laut Experten, den Erreger beim ersten Kontakt zu kontrollieren. Dann kommt es zu einer latenten tuberkulösen Infektion ohne Symptome. Karl Schenkel vom DZK zufolge begegnet Hausärzten hierzulande das TB-Krankheitsbild nur äußerst selten. Das spreche ebenfalls dafür, die Rolle des ÖGD zu stärken. Nach Angaben Schenkels sind es neben Flüchtlingen auch EU-Bürger ohne Versicherungsschutz, die in Hinblick auf TB besser versorgt werden müssten. Durch Migration und Mobilität sind Regionen mit niedriger und hoher TB-Rate näher zusammengerückt, heißt es beim RKI in einem neuen Bericht. (ad)

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>Bild: Dieter Schütz / pixelio.de