Väterliche Ernährung mit Auswirkungen auf die geistige Fitness des Nachwuchses

Alfred Domke
Nahrungsergänzungsmittel: Unerwünschte Wirkungen bei den Nachfahren
Nahrungsergänzungsmittel erfreuen sich seit Jahren wachsender Beliebtheit. Manche davon werden von Gesundheitsexperten als Nepp eingestuft, andere wiederum werden empfohlen. Zu viel davon sollte aber keinesfalls verzehrt werden – vor allem nicht von angehenden Vätern. Denn der übermäßige Konsum bestimmter Mittel kann sich offenbar negativ auf die geistige Fitness des Nachwuchses auswirken, wie Wissenschaftler nun herausgefunden haben.

Gesundheitsrisiken durch Nahrungsergänzungsmittel
Nahrungsergänzungsmittel werden immer beliebter. Einige davon sind Experten zufolge sehr sinnvoll, manche weisen jedoch schlimme Mängel auf, die zu gesundheitlichen Problemen führen können. So warnte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) im vergangenen Jahr vor Red-Rice-Nahrungsergänzungsmitteln. Auch US-amerikanische Wissenschaftler haben auf mögliche Gesundheitsrisiken durch solche Produkte hingewiesen. Deutsche Forscher machen nun auf eine weitere potentielle Gefahr aufmerksam. Demnach könnte der übermäßige Konsum mancher Nahrungsergänzungsmittel generationsübergreifend unerwünschte Wirkungen haben.

Forscher konnten in Tierversuchen zeigen, dass sich die väterliche Ernährung auf die geistigen Fähigkeiten des Nachwuchses auswirkt. Auch beim Menschen könnte ein hoher Konsum an Nahrungsergänzungsmitteln Auswirkungen auf die Nachfahren haben. (Bild: Gina Sanders/fotolia.com)

Lebensstil des Vaters beeinflusst die kognitiven Fähigkeiten der Nachkommen
Der Lebensstil des Vaters beeinflusst die kognitiven Fähigkeiten der Nachkommen – zumindest bei Mäusen, berichtet das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e. V. (DZNE) in einer aktuellen Mitteilung.

Wissenschaftler des DZNE konnten demnach zeigen, dass Nachkommen von männlichen Nagern, die mit einer Folsäure-, Methionin- und Vitamin-B12-reichen Kost gefüttert werden, in Gedächtnistests relativ schlecht abschneiden.

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Die Diät beeinflusst sogenannte epigenetische Muster des Erbguts und diese Umprogrammierung überträgt sich teilweise über die Spermien auf die nächste Generation.

Ein Hinweis darauf, dass die Einnahme hoher Konzentrationen derartiger Methylspender auch beim Menschen – zum Beispiel durch den übermäßigen Konsum von Energy-Drinks oder Folsäure-Tabletten – Nebenwirkungen haben kann.

Die Forscher veröffentlichten ihre Ergebnisse im Fachjournal „Molecular Psychiatry“.

Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes
Dass der Lebensstil der Eltern Auswirkungen auf den Nachwuchs haben kann, hat sich in zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen gezeigt.

So stellten US-amerikanische Forscher in einer Untersuchung mit Mäusemännchen fest, dass eine fettreiche Ernährung des Vaters den Stoffwechsel der Nachkommen negativ beeinflussen kann.

In Tierversuchen häufen sich allgemein die Hinweise, dass nicht nur die Ernährung und Lebensumstände der Mutter vor der Befruchtung, sondern auch Umwelteinflüsse, denen der Vater ausgesetzt ist, die Entwicklung des Kindes beeinflussen.

Setzt man männliche Nager zum Beispiel auf eine besonders fettreiche Diät, vererben sie ihren Nachkommen eine Veranlagung, Diabetes zu entwickeln. Eine mögliche Ursache für derartige Phänomene sind durch die Ernährung verursachte Veränderungen in der Methylierung der väterlichen DNA.

Hierbei handelt es sich um kleine chemische Anhängsel, die sich auf das Erbgut setzen und die Aktivität der Gene steuern. Werden solche Methyl-Anhängsel durch die Nahrung in besonders großen Mengen bereitgestellt, kann das über Änderungen der DNA-Methylierung die Aktivität betroffener Gene beeinflussen.

Auswirkungen Methyl-reicher Kost
„Lange Zeit ging man davon aus, dass solche väterlichen epigenetischen Marker bei der Verschmelzung von Spermium und Eizelle gelöscht werden“, erklärt Dr. Dan Ehninger, Forschungsgruppenleiter am DZNE in Bonn.

Inzwischen wisse man jedoch: Ein Teil der väterlichen Methylierungen übersteht diesen Prozess. Ehningers Arbeitsgruppe hat nun gemeinsam mit Forscherkollegen am Helmholtz Zentrum München und am Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) überprüft, ob sich diese epigenetischen Informationen auch auf kognitiver Ebene bemerkbar machen.

Dazu setzten die Wissenschaftler männliche Mäuse auf eine Diät, die reich war an Methylspendern sowie Kofaktoren für den Methylstoffwechsel: Diese Diät wies erhöhte Konzentrationen von Methionin, Folsäure, Vitamin B12, Cholin, Betain und Zink auf.

Eine zweite Gruppe männlicher Nager bekam eine Standardkost vorgesetzt. Nach sechs Wochen wurden die Mäuse mit Weibchen gepaart und die Nachkommen sorgfältig untersucht.

Vermindertes Lernvermögen
Dabei wurde festgestellt: Die Nachkommen der mit Methylgebern gefütterten Väter schnitten in sämtlichen Lern- und Gedächtnistests schlechter ab.

„Bereits eine vorübergehende Änderung der väterlichen Diät kann dazu führen, dass die Nachkommen ein vermindertes Lernvermögen entwickeln. Dies zeigte sich insbesondere im Navigationstest. Das räumliche Gedächtnis war beeinträchtigt“, so Ehninger.

Unregelmäßigkeiten gab es nicht nur im Verhalten der Tiere sondern auch in deren Gehirnen: Im Hippocampus – einer für die Merkfähigkeit wichtigen Hirnregion – reagierten die Nervenverbindungen nur vergleichsweise träge auf elektrische Reize.

Ein Hinweis dafür, dass deren Anpassungsfähigkeit – die sogenannte neuronale Plastizität – herabgesetzt war. Passend dazu war auch das Gen „Kcnmb2“, das diese Fähigkeit mit beeinflusst, herunter reguliert.

Nachteilige Konsequenzen durch übermäßigen Konsum von Nahrungsergänzungsmitteln
Zwar sind all das nur Ergebnisse von Tierversuchen, doch auch Menschen können hohen Methylgeber-Dosen ausgesetzt sein, meint Ehninger. Das gelte insbesondere für Länder wie die USA, in denen die Einnahme mit Folsäure angereicherter Produkte stark verbreitet ist.

„Es ist gut belegt, dass ein Mangel an Methylgebern schädliche Folgen haben kann, die durch entsprechende Nahrungsergänzung einfach und effektiv verhindert werden können. Unsere Studie deutet jedoch daraufhin, dass grundsätzlich auch ein übermäßiger Konsum nachteilige Konsequenzen haben kann“, erläutert der Wissenschaftler.

In Zukunft will er untersuchen, ob epigenetische Prägungen auch beim Menschen an den Nachwuchs weitergereicht werden und herausfinden, durch welche Umweltfaktoren sie beeinflusst werden.

Verändert auch das Alter des Vaters das Methylierungsmuster der DNA und prägt dadurch die Gesundheit der nächsten Generation? Eines steht für Ehninger jetzt schon fest: „Bisher hat man solchen epigenetischen Vererbungsmechanismen sicherlich zu wenig Beachtung geschenkt.“ (ad)