Verbesserte Denkfähigkeit durch Depressionen?

Fabian Peters

Die guten Seiten einer Depression: Forscher belegen erstmals verbesserte Denkfähigkeit bei Patienten mit Depressionen

06.05.2011

Depressionen erhöhen die Fähigkeit des analytischen Denkens, so das Ergebnis einer gemeinsamen Studie von Forschern der Universität Basel, der Clarkson University/USA, der Stanford University/USA, der Technischen Universität München und der Berliner Charité. Die Wissenschaftler haben bei ihren Untersuchungen erstmals positive Auswirkungen der psychischen Erkrankung auf die Denkfähigkeit festgestellt.

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Neben den enormen Belastungen, die Depressionen für die Betroffenen und ihr persönliches Umfeld mit sich bringen, hat die psychische Krankheit auch einen positiven Nebeneffekt, berichten die Forscher in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins „Journal of Abnormal Psychology”. In ihrer Studie, bei der das analytische Denken der Probanden getestet wurde, hätten die depressiven Teilnehmer deutlich besser abgeschnitten als die Gesunden.

Denkfähigkeit von depressiven und gesunden Patienten im Vergleich
Das internationale Forscherteam hat im Rahmen seiner aktuellen Studie die Denkfähigkeit von Menschen mit diagnostizierten Depressionen, Patienten, die eine Depressionserkrankung überstanden haben und gesunden Studienteilnehmern verglichen. Dabei stellten Bettina von Helversen / Universität Basel, Andreas Wilke / Clarkson University, Tim Johnson / Stanford University, Gabriele Schmid / Technische Universität München und Burghard Klapp / Berliner Charité fest, dass die psychisch kranken Studienteilnehmer in ihrer analytischen Denkfähigkeit deutlich besser dastanden, als Gesunde oder Ex-Depressive. Sie prüften die Probanden mit Hilfe eines Computerspiels, bei dem durch verschiedene Entscheidungen, wie zum Beispiel die Einstellung eines Bewerbers bei der Jobsuche, Geld zu verdienen war. Den Studienteilnehmern wurde eine Reihe von Bewerbern angeboten, bei denen jedem ein bestimmter Wert zugeordnet war. Die virtuellen Jobsuchenden wurden den Studienteilnehmern nacheinander in zufälliger Reihenfolge präsentiert und bei jedem konnten sich die Teilnehmer entscheiden, ob sie sich für diesen entscheiden oder lieber ablehnen und weiter suchen möchten Je besser die Probanden wählten, desto mehr fiktives Einkommen konnten sie erzielen.

Analytische Denken der depressiven Probanden verbessert
Die Probanden mit Depressionen haben bei den entsprechenden Tests insgesamt deutlich besser abgeschnitten, als die ehemals Depressionskranken und die Gesunden, berichten die Forscher. Zum Beispiel hätten sich bei der Auswahl von Bewerbern die depressive Studienteilnehmer erheblich mehr Zeit genommen, um die Jobsuchenden genauer zu analysieren. Während die gesunden Probanden sich relativ schnell entschieden, gingen die Depressiven wesentlich gründlicher bei ihrer Abwägungen vor, erklärten Bettina von Helversen und Kollegen. Am Ende haben sie so durchschnittlich klar bessere Entscheidungen getroffen als die Gesunden oder Ex-Depressiven, berichten die Forscher. Ihre Studie liefere erstmals einen Beleg dafür, dass mit der psychischen Erkrankung auch positive Effekte für die Denkfähigkeit einhergehen können, schreiben die Wissenschaftler im „Journal of Abnormal Psychology”

Effekte der Depressionen auf die Denkfähigkeit kontrovers diskutiert
Bisher wird in der Fachwelt äußerst kontrovers diskutiert, ob Depressionen eher eine Beeinträchtigung der Denkfähigkeit oder Verbesserungen insbesondere im Bereich des analytischen Denkens bedingen. Zwar belegen verschiedene Studien, dass Depressionen die kognitive Leistungsfähigkeit der Betroffenen verschlechtern, doch die Auswirkungen auf das Denkvermögen allgemein weisen – wie auch in der aktuellen Untersuchung – oftmals in eine andere Richtung. So vertreten vor allem in den USA zahlreiche Wissenschaftler die Position, dass Depressionen eine Art Anpassung des Gehirns an die Komplexität der zu lösenden Aufgaben sind. Die Betroffenen würden an Probleme analytischer und beharrlicher herangehen, wodurch das Lösen von komplexen Aufgaben gefördert wird, schreiben die Forscher. Mit der aktuellen Studie werde nun erstmals der Nachweis erbracht, dass Depressionen tatsächlich eine Verbesserung im Bereich des analytischen Denkens bewirken, so das Fazit der Wissenschaftler im „Journal of Abnormal Psychology”. Allerdings bleibt unklar welche Konsequenzen diese Erkenntnis bei der Behandlung der Betroffenen haben könnte.

Häufig ist Stress Ursache von Depressionen
Rund vier Millionen Menschen in Deutschland leiden laut Aussage von Florian Holsboer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, unter Depressionen. Dabei entstehen jährlich direkte und indirekte Kosten in Höhe von 15,5 bis 22 Milliarden Euro, so das Ergebnis einer im April vorgestellten Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI). Angesichts der in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch gestiegenen Anzahl von depressiven Erkrankungen, suchen Experten weltweit intensiv nach möglichen Ursachen für das Auftreten der Depressionen und forschen an neuen Behandlungsmethoden, die den Betroffenen eine erfolgversprechende Perspektive bieten könnten. Bis heute wird dabei als Ursachen von Depressionen neben genetischen Veranlagungen in erster Linie Stress verantwortlich gemacht. So kann Depressionen mit Hilfe entsprechender Stress-Vermeidungsstrategien, wie Entspannungsübungen, Autogenes Training, Tai Chi, Yoga oder Akupunktur relativ erfolgreich entgegengewirkt werden, doch einen wirklichen Schutz vor Depressionen bieten auch diese nicht. Bei Personen die bereits unter Depressionen leiden, können die Stress-Vermeidungsstrategien ohnehin kaum Behandlungserfolge erzielen und es sollte dringend ein Psychologe oder Psychotherapeut hinzugezogen werden, da die psychische Erkrankung zu einer erheblichen Belastung für die Betroffenen und ihr persönliches Umfeld werden kann. (fp)