Verbraucherschützer fordern schnelle PKV-Reform

Sebastian

Verbraucherschützer fordern Reform der Privaten Krankenversicherung

30.03.2012

Immer mehr Privatversicherte beschweren sich bei den Verbraucherzentralen über massiv gestiegene Tarifbeiträge der Privatkassen. Daher fordern Verbraucherschützer eine tiefgreifende Reform des privaten Versicherungssystems. Der Verband der Privaten Krankenkassen (PKV) winkt ab: Die Stichprobe sei "zutiefst unseriös". Das System habe keine Probleme.

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Zahlreiche Beschwerden über Beitragsanstiege
Immer mehr Versicherte der Privaten Krankenversicherungen beschweren sich bei Verbraucherschutzzentralen über stark steigende Beiträge. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) unternahm daherveine Auswertung von insgesamt 144 Beschwerden von Versicherten der Privaten Kassen, die zwischen Dezember 2011 und März 2012 bei den Zentralen eingingen. Dabei zeigte sich, dass die Beiträge in einzelnen Tarifen im Durchschnitt um 23,9 Prozent stiegen. Einige Betroffene mussten sogar Beitragssteigerungen von 60 Prozent hinnehmen. Besonders betroffen waren laut der Experten Kunden, die über einen langen Zeitraum bei einem Anbieter versichert waren und ältere Versicherungsnehmer. „Unsere Befürchtungen wurden weit übertroffen“, bilanziert Michael Wortberg, Versicherungsexperte der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. Keineswegs beschwerten sich nur 144 Personen. Die Studie ist nur eine Stichprobe, wie die Verbraucherschützer betonten. Es seien weitaus mehr Beschwerden eingegangen.

Vor allem ältere Versicherungsnehmer betroffen
Die Beschwerden umfassen mit wenigen Ausnahmen Verträge, die länger als zehn Jahre bestehen und Versicherte, die älter als 45 Jahre sind. „Kunden berichten, dass sie die Beitragshöhen im Ruhestand auf keinen Fall mehr zahlen können“, sagt Verbraucherschützer Wortberg. In einem Fall zahlte eine 59-jährige Frau einen Monatsbeitrag in Höhe von 1095 Euro. Wer dann nur eine Rente von 1200 Euro bezieht, ist verloren. Denn die Beiträge in der PKV richten sich nicht wie bei bei gesetzlichen Krankenkasse nach dem Einkommen, sondern nach dem abgeschlossenen Tarif.

Wechselrecht wird von Anbietern vielmals unterlaufen
Im Verlauf der Studie zeigte sich, dass das Recht auf einen Wechsel der Versicherten in einen kostengünstigeren Tarif vielfach von den Krankenversicherungen unterlaufen wird. Nur bei vier der 144 Kunden war ein Wechsel in einen anderen Tarif ohne Probleme möglich. "Die Möglichkeit, innerhalb der PKV in günstigere Tarife zu wechseln, muss einfacher werden", forderte daher Gerd Billen, Vorstand des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen. Zudem kritisierte Billen, die PKV fehlt es an „wirksamen Kostendämpfungen“. Im Rahmen einer Reform sei seiner Meinung nach die Einführung des Sachleistungsprinzips sinnvoll. Die Verbraucherbeschwerden seien "vielleicht nur die Spitze des Eisberges", so Billen.

Reform des Modells der Kostenerstattung gefordert
Eine weitere Forderung ist eine Umstrukturierung der Kostenerstattung. Nach dem derzeitigen Modell muss der Privatpatient die erhaltene Rechnung des Arztes oder der Klinik bei seiner Privatkasse einreichen. Stattdessen solle die Abrechnung zwischen dem Leistungserbringer und dem Versicherungsunternehmen erfolgen, so Billen.

Von der Politik forderte der oberste Verbraucherschützer mehr Einflussnahme. Der Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) solle die verschiedenen PKV-Tarife „systematisch und zügig“ untersuchen lassen. Ziel sollte eine Verbraucherfreundliche Reform sein. Es müsse darum gehen "Gerechtigkeitsdefizite auszugleichen und Effizienzsteigerungen zu erzielen", um die "Beitragsexplosion" in der PKV zu stoppen. „Die Folgen einer finanziellen Überforderung der Verbraucher dürfen nicht sozialisiert werden, sondern müssen innerhalb des PKV-Systems gelöst werden“, mahnte zudem Billen. "Es ist nicht akzeptabel, dass Ärzte für Privatversicherte mehr abrechnen als für andere Patienten", sagte er. Auch hier müsse die Politik bisheriges überdenken.

PKV bezeichnet Verbraucherschutz-Studie als unseriös
Der Bundesverband der Privaten Krankenversicherungen (PKV) bezeichnete die Stichprobe als „unseriös“. Volker Leienbach, Vorstandsvorsitzender des Verbandes entgegnete, unterschiedliche und unabhängige Analysten hätten einen durchschnittlichen Anstieg der Beiträge der einzelnen Tarife von nur zwei Prozent errechnet. Jeder Versicherte hätte das Recht, in einen anderen Tarif des Anbieters zu wechseln. Diese Regelung sei gesetzlich verankert. Die Beiträge der Gesetzlichen Krankenkassen sind im Gegensatz dazu seit 1997 um 3,1 Prozent gestiegen. Die der PKV um 3,3 Prozent. Somit ergebe sich in der Beitragsstruktur eine ähnliche Größenordnung. "Die steigenden Gesundheitskosten betreffen beide Versicherungssysteme gleichermaßen", schrieb Leyenbach in einer Stellungnahme. Laut des Verbandes sind rund 8,9 Millionen Menschen in der PKV voll krankenversichert. (sb)