Verletzte Milz nach Kinderunfällen nicht entfernen

Heilpraxisnet

Verletzte Milz nach Kinderunfällen nicht entfernen

10.12.2014

Wenn bei Kindern beispielsweise nach einem Unfall die Milz verletzt wird, sollte diese nicht entfernt werden. Das Immunorgan sollte erhalten bleiben, da es lebenslang vor Infekten schützt. Allerdings zahlen Krankenkassen für eine Entfernung mehr als für die Behandlung.

Bei 8000 Menschen wurde im vergangenen Jahr die Milz entfernt
Die Milz erfüllt zwar verschiedene Funktionen im menschlichen Körper, ist aber kein lebensnotwendiges Organ. Kommt es zu Milzschmerzen, kann dies verschiedene Ursachen haben. So kommen dafür unter anderem eine vergrößerte Milz, ein Milzinfarkt oder Milzkrebs infrage. In manchen Fällen entscheiden sich Ärzte und Patienten dazu, das Organ operativ zu entfernen. Meist passiert dies jedoch aufgrund einer Verletzung, wie etwa einem Milzriss. Rund 8.000 Menschen haben sich im vergangenen Jahr in Deutschland ihre Milz auf dem Operations-Tisch entfernen lassen, unter ihnen 300 Kinder und Jugendliche, berichtet die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH).

Milz für die körpereigene Abwehr
Gerade junge Menschen brauchen ihre Milz für die körpereigene Abwehr. Deshalb bemühen sich Kinderchirurgen, eine verletzte Milz zu retten anstatt das Immunorgan zu entfernen. Unfälle beim Reiten, beim Downhill-Mountainbiking oder im Straßenverkehr, aber auch ein Sturz vom Wickeltisch verursachen in bis zu 15 Prozent schwere Verletzungen der Bauchorgane von Kindern. Dabei ist in einem Drittel der Fälle die Milz betroffen. Da ein Milzriss zum Schock und Tod durch Verbluten führen kann, entfernen Ärzte bei Erwachsenen das verletzte Organ meist. Allerdings bedeutet die Entnahme des Immunorgans für Patienten, dass sie lebenslang stärker anfällig für Infekte sind, bis hin zur Gefahr einer Blutvergiftung mit Todesfolge. „Dieses Risiko ist vor allem im Kindesalter, aber auch bei Jugendlichen noch einmal deutlich erhöht“, erklärte Professor Dr. med. Bernd Tillig, Präsident der DGKCH.

Wandel in der Kinderchirurgie
In der Kinderchirurgie hätten die Erkenntnisse über die Milz als wichtiges Organ in den letzten Jahren einen Wandel bewirkt: „Wir versuchen bei Kindern und Jugendlichen sehr gezielt, das Organ zu erhalten und eine Entnahme zu vermeiden“, so Tillig, der Chefarzt der Kinderchirurgie am Klinikum Vivantes in Berlin ist. Bei dieser Entwicklung spielten auch Fortschritte in Diagnostik und Therapie eine Rolle. So ist es mittlerweile möglich, eine Verletzung im Bauch zu orten, zu beurteilen und schonend zu behandeln.

Milzverletzungen in 98 Prozent der Fälle ohne OP zu behandeln
Eine Verletzung der Milz ist heute in etwa 98 Prozent der Fälle erfolgreich ohne Operation zu behandeln. „Voraussetzung ist jedoch, dass die Blutung beherrschbar und nicht primär lebensbedrohlich ist. Zudem müssen die Kliniken die entsprechende kinderchirurgische Expertise, spezialisierte Ärzte und die erforderliche technische Ausstattung besitzen.“ Häufig helfen moderne interventionelle, radiologische Therapieverfahren, bei denen der Arzt kleine Katheter über eine Punktion in die Blutgefäße einführt und die Blutungen in der Milz durch gezielte Embolisierung stoppt.

Kassen zahlen für Entfernung mehr als für Behandlung
Allerdings sei das nicht operative Vorgehen oftmals aufwändiger als die schnelle Entfernung der Milz. „Wir müssen unsere Patienten auf der Intensivstation Stunden bis Tage mit modernster Technik engmaschig überwachen. Da es bei schweren Milzverletzungen letztendlich um Leben und Tod geht, stehen wir rund um die Uhr bereit, um bei Bedarf die Blutung doch noch operativ stoppen zu können.“ Tillig erklärte weiter, dass Kinderchirurgie mitunter eben auch bedeute, gezielt nicht zu operieren. Er gibt zu bedenken: „Rein betriebswirtschaftlich gesehen ist das jedoch ein Verlustgeschäft.“ Dies deshalb, weil die Krankenkassen im Rahmen ihrer Fallpauschalen für eine Milzentfernung mehr Geld bezahlten, als für einen Klinikaufenthalt, bei dem das Organ gerettet würde. Hier müsse noch nachjustiert werden, fordert der Experte. (ad)

Bild: Martin Jäger / pixelio.de