Unterschätzte Gefahr: Lungenentzündung

Sebastian

35.000 Todesfälle jährlich durch Lungenentzündung

19.02.2014

In Deutschland erkranken jährlich rund 680.000 Menschen an einer Lungenentzündung (Pneumonie). Etwa 35.000 Patienten sterben nach Schätzungen pro Jahr daran. Oft werde die Infektionskrankheit nicht richtig diagnostiziert oder falsch behandelt.

Lungenentzündung ist eine unterschätzte Krankheit
In der Regel ist die Bestürzung der Mitmenschen meist groß, wenn jemand einen Herzinfarkt erleidet. Demgegenüber reagiert jedoch kaum jemand bei einer Lungenentzündung, wie Tobias Welte von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) laut einem Bericht der „Welt“ sagte. „Pneumonie ist eine unterschätzte Erkrankung“, so der Arzt. Seinen Schätzungen zufolge sterben in Deutschland jedes Jahr etwa 35.000 Menschen an einer außerhalb von einem Krankenhaus zugezogenen Lungenentzündung. Über Pneumonie als Todesursache gibt es keine genaue Statistik. Der Lungenfacharzt bezeichnet jedoch die Angabedes Statistischen Bundesamtes von insgesamt knapp 19.500 Toten durch Lungenentzündung und Grippe für das letzte vorliegende Jahr, 2011, als deutlich zu niedrig.

Ansteckungswege zuhause und in Klinik unterscheiden sich
Der stellvertretende Direktor der Klinik für Pneumologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Klaus Dalhoff, stimmt dem zu. Er geht sogar noch weiter und meint, die Zahlen Weltes seien zu konservativ. Diese könnten seiner Meinung nach vor allem dann noch höher liegen, wenn man auch die Pneumonien hinzuzählt, welche sich Patienten erst in einem Krankenhaus zugezogen haben. Die beiden Ansteckungswege, zuhause oder in einem Krankenhaus, unterscheiden sich grundlegend auch in der Art ihrer Erreger. Für ambulante Lungenentzündungen sind vor allem Pneumokokken-Bakterien verantwortlich. Bei einer solchen Infektion ist eine Behandlung mit Antibiotika normalerweise unproblematisch. Bei den Krankenhaus-Pneumonien, für die häufig Bakterien wie Enterokokken oder Staphylokokken verantwortlich sind, ist das jedoch anders. Da diese Bakterien gegen zahlreiche Antibiotika resistent sind, ist eine solche Infektion besonders gefährlich.

Häufige Infizierungen auf Intensivstationen
Da Patienten auf Intensivstationen durch ihre Krankheit geschwächt sind und sich ihr Organismus nur schlecht gegen Erreger verteidigen kann, kommt es dort häufig zu Infizierungen mit multiresistenten Erregern. Außerdem erhöht sich das Infektionsrisiko drastisch durch manche Behandlungsmaßnahmen wie beispielsweise der maschinellen Beatmung über einen Schlauch in der Luftröhre, denn dabei können Erreger aus Rache und Nase bis in die Lungen wandern. Dies, da der Hustenreflex bei betäubten Patienten nicht richtig funktioniert und der Schlauch die Luftröhre nicht vollständig abdichtet.

Situation in Griechenland besonders schlimm
Laut Presseberichten erkranken in Deutschland rund 680.000 Menschen pro Jahr an Lungenentzündung. Die Sterblichkeitsrate der 230.000 Patienten, die deshalb stationär behandelt werden müssen, liegt bei etwa zehn Prozent. „Resistenz und Antibiotika-Verbrauch hängen miteinander zusammen“, so Welte. Je mehr Antibiotika eingesetzt werden, desto mehr Bakterien entwickeln Immunität gegen die verschiedenen Arten des Wirkstoffs. Bei der Entwicklung solcher resistenter Typen hält sich Deutschland im europäischen Mittelfeld. In Osteuropa und den südeuropäischen Ländern sei die Lage hingegen „dramatisch schlecht.“ Die Situation in Griechenland seit der Wirtschaftskrise stuft der Mediziner dabei besonders schlimm ein. Er beklagt, dass dort Antibiotika nicht fachgerecht eingesetzt werden. So würden mehrtägige Therapien häufig begonnen, aber dann nicht zu Ende geführt. Außerdem würden Antibiotika viel zu häufig unbegründet verschrieben. Beides kann Bakterien gegen diese Mittel resistent machen.

Eine der tödlichsten Krankheiten weltweit
Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge ist die mangelhafte Behandlung von Lungenentzündungen besonders auch in afrikanischen und asiatischen Staaten ein Problem. Jedes Jahr sterben weltweit etwa 1,1 Millionen Kinder noch vor ihrem fünften Lebensjahr an Pneumonie. Somit ist die Lungenentzündung eine der tödlichsten Krankheiten weltweit. Die in anderen Teilen der Welt entstehenden mehrfach resistenten Erreger sind auch für Deutschland ein Problem, da die gefährlichen Bakterien über Reisende auch hierher gebracht werden. Allerdings meint Dalhoff, dass auch einfache Lungenentzündungen von niedergelassenen Ärzten nicht immer richtig erkannt werden. Er macht dafür die häufig praxisferne Ausbildung der Medizin-Studenten verantwortlich. Diese würden zwar in ihrer Ausbildung die theoretischen Grundlagen dafür lernen, doch für eine richtige Diagnose müssten die Studenten eine Pneumonie ein paar Mal selbst gesehen haben. Dies sei aber nicht immer der Fall.

Diagnose bei älteren Patienten schwieriger
Dalhoff verweist darauf, dass es aber auch durchaus schwierig sei, eine Lungenentzündung von den zahlreichen einfachen Virusinfekten zu unterscheiden. Bei einer Pneumonie ist das Lungengewebe akut oder chronisch entzündet, was in den meisten Fällen durch eine Infektion mit Bakterien, seltener auch durch Viren, Pilze, Schadstoffe, allergische Erkrankungen oder Strahlenbelastung verursacht wird. Die Frage: Wie erkenne ich eine Lungenentzündung? gestaltet sich vor allem bei älteren Patienten als schwierig. Denn während bei jüngeren Betroffenen Symptome mit Fieber, Schüttelfrost und Atembeschwerden meist eindeutig ausfallen, fehlen bei Senioren häufig einzelne Symptome. Aufgrund der allgemein höheren Gebrechlichkeit der Älteren werden zudem Anzeichen manchmal nicht richtig gedeutet. Laut Dalhoff sei es dennoch wichtig, Antibiotika nicht auf bloßen Verdacht hin einzusetzen. Denn sonst lasse sich die Entwicklung von Resistenzen nicht eindämmen.

Die Politik ist gefordert
Um künftig mit den resistenten Bakterien-Typen umgehen zu können, sei es nötig, neue wirksame Antibiotika zu entwickeln. Doch dies ist für die Pharma-Industrie nicht wirklich lukrativ, da sich mit Mitteln gegen chronische Erkrankungen viel mehr Geld als mit Antibiotika verdienen lasse. „Hier ist die Politik gefragt“, so Dalhoff. Zum Beispiel wäre eine Co-Finanzierung der Entwicklung solcher Arzneien durch den Staat vorstellbar. Auch der Lungenfacharzt Welte sieht neue Antibiotika als zentral an, um „den Kampf gegen schnell wandelnde Erreger nicht zu verlieren.“ (sb)

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