Verschiebungen bei den Ängsten der Deutschen

Fabian Peters

Weniger Angst vor Krankheiten und Krieg, mehr Angst vor der Euro-Schuldenkrise

08.09.2012

Die Ängste in der Bevölkerung unterliegen von Jahr zu Jahr deutlichen Veränderungen. Meist spiegeln sie dabei auch weltweite Entwicklungen und Vorfälle wieder. Angst vor Krieg, Terroranschlägen, Wirtschaftskrisen, Krankheiten und Naturkatastrophen – ein breites Spektrum von Ängsten wird in der Langzeitstudie „Die Ängste der Deutschen“ von der R+V Versicherung erfasst.

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Zum größten Angstmacher ist laut Angaben der Studie im Zuge des letzten Jahres die Euro-Schuldenkrise avanciert. Sie hat Krieg und Krankheit als häufigster Angstauslöser abgelöst. Insgesamt verzeichnet die Untersuchung jedoch durchaus eine erfreuliche Entwicklung. Der sogenannte Angst-Index, also die Angst der Deutschen insgesamt, ist deutlich gefallen und erreicht den niedrigsten Stand seit fast zwei Jahrzehnten. Auch die Ängste vor Jobverlust, Krankheit und Straftaten lagen im vergangenen Jahr auf Rekordtief, so das Ergebnis der am Donnerstag in Berlin vorgestellten Studie.

Angst vor Wirtschaftskrisen und steigenden Lebenshaltungskosten
Im Rahmen der repräsentativen Untersuchung „Die Ängste der Deutschen“ befragt die R+V Versicherung seit mehr als 20 Jahren rund 2.500 Bürger nach ihren Ängsten. Die größte Sorge bereitete den Befragten im Rahmen der diesjährigen Untersuchung die Wirtschaft. Die Furcht vor steigenden Lebenshaltungskosten ist erneut mit 63 Prozent Spitzenreiter, berichten die Autoren der Studie. Insgesamt 13 Mal lag diese in den vergangenen 20 Jahren auf Platz eins bei den Ängsten der Deutschen. Die Experten sehen diese Angst in engem Zusammenhang mit der Euro-Schuldenkrise. Gleiches gelte für die Befürchtung einer einbrechenden Wirtschaft, die um vier Prozent gestiegen ist und von 52 Prozent der Bevölkerung geteilt wird. Auch die Sorgen um ein Versagen der Politik steht zumindest in indirektem Zusammenhang mit der Euro-Schuldenkrise. „Seit Jahren zweifelt die Mehrheit der Deutschen daran, dass die Volksvertreter ihren Aufgaben gewachsen sind. Mit 55 Prozent rangiert die Furcht vor der Überforderung der Politiker in diesem Jahr auf Platz 2“, so die Mitteilung der R+V Versicherung zu der aktuellen Studie.

Sinkende Furcht vor einem Arbeitsplatzverlust
In einer Sonderbefragung wurde deutlich, dass die Euro-Schuldenkrise derzeit der mit Abstand größte Angstmacher ist. „Fast drei Viertel aller Deutschen (73 Prozent) befürchten, dass sie die Rechnung für die Euro-Schuldenkrise bezahlen müssen. Angesichts dieser Bedrohung treten alle anderen Sorgen in den Hintergrund“, erläuterte Rita Jakli, Leiterin des Infocenters der R+V Versicherung. Obwohl das Vertrauen in die wirtschaftliche Entwicklung schwindet, ist die Angst, den eigenen Job zu verlieren, gegenüber dem Vorjahr deutschlandweit um vier Prozentpunkte zurückgegangen und erreichte ein Rekordtief. Lediglich 1994 war diese Sorge schon einmal so gering, berichten die Autoren. Heute plage durchschnittlich nur noch rund ein Drittel der Deutschen (32 Prozent) die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes.Der Politologe Professor Dr. Manfred G. Schmidt von der Universität Heidelberg, Berater des R+V-Infocenters, erklärte, dass die sinkende Angst vor einem Jobverlust auf die aktuell vergleichsweise niedrige Arbeitslosenquote von unter sieben Prozent zurückzuführen sei. Andererseits habe immer noch fast jeder Dritte Angst vor dem Verlust seines Arbeitsplatzes hat, was deutlich mache, „dass sich das Risiko, arbeitslos zu werden, nur auf einen Teil der Beschäftigten konzentriert, beispielsweise auf die geringer qualifizierten Arbeitnehmer“, so Prof. Schmidt. Auffällig war laut Aussage der Studienautoren, dass erst zum zweiten Mal seit bestehen der Studie die Angst vor dem Jobverlust Frauen mehr beschäftigte als Männer.

Angst vor der Pflegebedürftigkeit bei Frauen höher
Die Angst zum Pflegefall zu werden, haben 50 Prozent der Befragten geäußert. Allerdings sei hier trotz kontinuierlich steigender Pflegezahlen keine Zunahme der Ängste vor der Pflegebedürftigkeit zu beobachten, berichten die Studienautoren. Mindestens die Hälfte der Befragten befürchte jedoch, „später einmal als Pflegefall anderen zur Last zu fallen.“ Hier seien auch die deutlichsten geschlechtsspezifischen Unterschiede zu beobachten. 55 Prozent aller Frauen hatten Angst vor der Pflegebedürftigkeit, bei den Männern waren es zehn Prozent weniger. Abnehmende Ängste stellten die Forscher im Bereich Terrorismus und Krieg (jeweils minus elf Prozentpunkte), Naturkatastrophen (minus acht Prozent) sowie bei der Sorge, Opfer einer Straftat zu werden(minus sechs Prozent) , fest. Einen erheblichen Rückgang verzeichnet die Studie außerdem bei der Angst vor einer Atomkatastrophe, die um fünf Prozentpunkte gesunken ist. Laut Prof. Schmidt spielen hierbei „mit Sicherheit zwei Großereignisse“ eine erhebliche Rolle. „2012 gab es im Unterschied zum vergangenen Jahr kein Fukushima. Und der Atomausstieg, den die schwarzgelbe Koalition 2011 beschlossen hat und umsetzt, lindert die Atom-Ängste“, erläuterte der Politologe.

Außerdem zeigen die Ergebnisse der Angst-Studie eine abnehmende Angst der Bevölkerung davor, dass die eigenen Kinder drogen- oder alkoholsüchtig werden (minus vier Prozent), eine sinkende Angst vor dem Scheitern der eigenen Partnerschaft (minus zwei Prozent) – trotz steigender Scheidungsraten – und den niedrigste Wert seit zwei Jahrzehnten bei der Angst vor einer schweren Erkrankung. Die Deutschen blicken den aktuellen Zahlen zufolge deutlich angstfreier in die Zukunft, als dies noch vor einem Jahr der Fall war. (fp)