Verstopfung bei Kindern: Nicht lange abwarten!

Sebastian
Wenn das Kind unter Verstopfung leidet: Nicht abwarten, sondern schnell zum Spezialisten
Der Stuhlgang funktioniert nur unter Schmerzen und wird zur quälenden Prozedur: Fünf Prozent aller Kinder zwischen dem 1.und 5. Lebensjahr leiden an chronischer Verstopfung (Obstipation). Nach Ansicht der Gesellschaft für Pädiatrie, Gastroenterologie und Ernährung ein häufiges Problem, das dennoch zu oft unterschätzt wird. Dabei ist es seit Jahren ein Dauerbrenner in jeder deutschen Fachpraxis. Eltern gehen zu spät zum Spezialisten und setzen aus Unkenntnis nur auf mehr Bewegung und trinken. „Nur eine frühzeitige Behandlung ist erfolgreich und verhindert eine Chronifizierung im Erwachsenenalter mit einer Einschränkung der Lebensqualität“, wissen Dr. Stephan Buderus, Chefarzt Pädiatrie am Marien-Hospital in Bonn und Dr. Axel Enninger, Ärztlicher Leiter des Zentrums für Kinder-, Jugend- und Frauenmedizin am Klinikum Stuttgart.

Die beiden Mitglieder der Fachgesellschaft beantworten die wichtigen Fragen:

Welche Symptome stehen für chronische Verstopfung?
Das Kind sitzt mehrmals in der Woche unter Schmerzen lange auf dem Töpfchen oder der Toilette und kann selten bis gar nicht den Darm entleeren. Der Stuhl ist hart und groß. Diese Prozedur geht einher mit Bauchweh und Blähungen. Appetitlosigkeit und Abgeschlagenheit sind weitere Anzeigen, auf die Eltern achten sollten. Wenn das Kind nur unter Schmerzen das große Geschäft machen kann, versucht es natürlich ihn zu vermeiden. Es hält bewusst zurück, hält sich den After mit der Hand zu und tippelt angespannt hin und her. Die Symptomatik ist vielschichtig und nicht immer eindeutig. Ständiges Einkoten und ein unwillkürlicher Stuhlabgang können Anzeichen für eine paradoxe Diarrhoe bei Obstipation sein.

Nicht zu lange warten bei Verstopfungen. (Bild: Ramona Heim/fotolia.com)

Kann eine gefährliche Erkrankung Ursache sein?
Die gute Nachricht: Bei 95 Prozent aller Kinder liegt keine organische Erkrankung vor. Gründe für einen harten Stuhlgang gibt es viele, denn eine überstandene Magen-Darm-Infektion kann ebenso Auslöser sein wie Stresssituationen im Alltag des Kindes. Das mag der Verlust der vertrauten Umgebung sein, Druck in der Schule, die Trennung der Eltern, der Tod eines geliebten Menschen bis hin zu ungewohnten Ereignissen, die das Kind im wahrsten Sinne des Wortes schlecht verdaut. Auch eine genetische Prädisposition kann als Ursache vorliegen.

Wann sollten Eltern mit ihrem Kind zum Facharzt?
Verstopfung ist für jedes Kind ein quälender Prozess. Die Eltern sind verunsichert und wissen oftmals nicht, was ihrem Kind fehlt. Sie erhöhen aus Unwissenheit die Trinkmenge oder setzen auf mehr Bewegung. Das allein reicht nicht. Deshalb bei den ersten Anzeichen von Bauchschmerzen, Krämpfen und vor allem Problemen mit dem großen Geschäft rasch einen Spezialisten für Magen-Darm-Erkrankungen aufsuchen. Er klärt professionell auf und sichert eine effektive Behandlung, auf die es jetzt ankommt. Abwarten kann zur einer Chronifizierung bis ins Erwachsenenalter führen. Das bedeutet eine massive Einschränkung der Lebensqualität mit Schwierigkeiten bei sozialen und intimen Kontakten. Das ist ein Teufelskreis, der nur durch eine frühzeitige Behandlung durchbrochen werden kann. Eltern brauchen Unterstützung durch einen Facharzt, weil sie sich berechtigterweise Sorgen machen und täglich mitbekommen, wie ihr Kind leidet. Dieser Toilettenstress für Kind und Eltern muss vermieden werden.

Wie sieht die richtige Behandlung aus?
Bei der Untersuchung wird der After sehr vorsichtig abgetastet. Das ist für das Kind zwar unangenehm – aber nur so können organische Ursachen ausgeschlossen werden. Das Kind bekommt dann Medikamente, die oral eingenommen werden müssen. Sie sorgen für eine vollständige Entleerung des Darmes. Für jedes Kind, das oftmals wochenlang unter Verstopfung litt, ist das eine unglaubliche Erleichterung. Endlich tut der Stuhlgang nicht mehr weh. Die Medikamentengabe muss jedoch gerade bei chronischer Verstopfung über mehrere Wochen erfolgen. Abführmittel wie Macrogolulver sorgen dafür, dass sich der Stuhl vermehrt mit Wasser mischt und weich bleibt. Ziel der Behandlung ist eine vollständige Entleerung des Darmes. Bei schwierigen Fällen raten wir zu einer „Ausscheidungssprechstunde“, in die ein multiprofessionelles Team eingebunden ist. Die Erfolgsraten liegen bei richtiger Behandlung bei fast 100 Prozent!

Wie sinnvoll ist ein Stuhltraining?
Neben der Medikamentengabe ist das Stuhltraining eine wertvolle Hilfe, um Probleme mit dem großen Geschäft langfristig in den Griff zu bekommen. Die Gesellschaft für Pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung empfiehlt Eltern, ihr Kind regelmäßig nach jeder Mahlzeit auf Töpfchen oder Toilette zu setzen. Dieses Training in einer ruhigen Umgebung muss konsequent durchgeführt werden, denn es ist eine Art Brücke zurück in die Normalität. Wichtig ist auch ein Belohnungsprogramm für das Kind bei erfolgreichem Geschäft – selbstverständlich nicht mit Keksen oder Schokolade. Denn ein Stuhltraining ist auch eine Herausforderung für das Kind: Es kann Monate dauern, bis die Verdauung wieder normal funktioniert. Eltern brauchen einen langen Atem und müssen Geduld haben. Denn bei Stresssituationen kann es erneut Probleme mit der Verdauung geben. Deshalb immer daran denken, dass es doch nicht klappt, weil das Kind nicht kann, aber gern will.

Welche Rolle spielt die Ernährung?
Für einen fiten Darm werden Ballaststoffe wie Obst, Gemüse, Nüsse und Hülsenfrüchte empfohlen. Diese Information erhalten Eltern, wenn sie im Internet nach Hilfe suchen, sich in Chats einklinken oder einen vermeintlich guten Rat von Freunden erhalten. Es gibt eine verwirrende Anzahl von guten Ratschlägen. Doch unsere Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass die Wirksamkeit von Ballaststoffen oft überschätzt wird. Außerdem werden sie oft von Kindern nicht akzeptiert. Wir empfehlen eine normale Mischkost und ausreichende körperliche Bewegung. Auch die Trinkmenge wird überschätzt. Deshalb lieber professionelle Unterstützung bei einem Kindergastroenterologen suchen. Bei früh begonnener Obstipation gehört auch immer der Ausschluss einer Kuhmilchallergie durch einen Diätversuch dazu. Zudem sollten Eltern kritisch überprüfen, wie viele verstopfende Lebensmittel wie Banane, Kakao und Fast-Food im Ernährungsplan stehen.