Viel Antibiotika bei hoher Arbeitslosigkeit

Alfred Domke

In Regionen, in denen viele Menschen von Arbeitslosigkeit betroffen sind, werden übermäßig häufig Antibiotika von den Ärzten Kindern verschrieben

03.04.2013

In Regionen mit wenig Ärzten und hoher Arbeitslosigkeit wird Kindern öfter Antibiotika verschrieben als anderswo. Dadurch wird die Gefahr erhöht, dass es zu Resistenzen kommt. Liegt das Problem bei den überforderten Ärzten?

Antibiotika sinnvoll einsetzen
Antibiotika, die zu den weltweit am häufigsten verschriebenen Medikamenten gehören, sind bei bakteriellen Infektionen meist das ideale Mittel. Seit ihrer Erfindung und Weiterentwicklung wurde vielen Krankheiten durch das Medikament die tödliche Gefahr genommen und es hat bei Millionen von Menschen weltweit dazu beigetragen, Krankheiten zu kurieren.

Allerdings können Antibiotika auch falsch oder zu häufig eingesetzt werden, so werden sie unter anderem in Deutschland zu oft verschrieben. Bereits durchschnittlich etwa jedes zweite Kind bekommt einmal im Jahr ein Antibiotikum, zum Teil bei Krankheiten, die meist von Viren ausgelöst werden, wie zum Beispiel Erkältung oder Mittelohrentzündung. Dagegen können Antibiotika allerdings nichts ausrichten, sie wirken antibakteriell.

Zum Problem wird es, wenn Antibiotika zu häufig unnötig verwendet werden. Das Ausbilden von Resistenzen bei Bakterien, die in die Umwelt gelangen, ist zwar ein ganz natürlicher Prozess, allerdings wird durch den falschen Umgang mit den Medikamenten, dieser Vorgang zu stark gefördert. Somit kann es dazu kommen, dass Antibiotika im Bedarfsfall nicht mehr wirksam sind.

Gefährliche Multiresistenz
Mittlerweile sind multiresistente Keime zum großen Problem geworden. Sie können dazu führen, dass Infektionen sehr schwer oder manchmal gar nicht mehr behandelt werden können. Erst vor kurzem haben Wissenschaftler von der Freien Universität Berlin bei einer Untersuchung von Ratten aus dem Berliner Stadtgebiet bei jedem sechsten Tier multiresistente Darmkeime nachgewiesen. Diese Anzahl ist bei Patienten in Krankenhäusern ähnlich, sie liegt bei etwa 12 bis 16 Prozent. In der Berliner Charité hatten sich erst im Februar mehrere schwerkranke Patienten mit multiresistenten Keimen angesteckt. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fordert verantwortungsbewusste Anwendung von Antibiotika und warnt vor Resistenzen.

Soziale Lage mitverantwortlich für Antibiotika-Behandlung
Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung kam zu dem Ergebnis, dass Antibiotika in Deutschland sehr unterschiedlich verschrieben wird. In manchen Gegenden liegt der Anteil der Kinder, die Antibiotika bekommen, bei nicht einmal 20 Prozent, in anderen sind es fast drei Mal so viele. Obwohl die Ergebnisse schon letztes Jahr publik wurden, waren die Gründe für die regionalen Unterschiede bislang unklar. „Ein klares Muster war zunächst nicht erkennbar", so Stefan Etgeton, Gesundheitsexperte bei der Bertelsmann-Stiftung. Mittlerweile gibt es aber neue Erkenntnisse durch eine weitere Kurzstudie. Dabei wurden durch Auswertung regionaler Kennzahlen verschiedene Faktoren wie wirtschaftliche Situation, Bildungsstatus, soziale Lage und das ehrenamtliche Engagement der Bewohner untersucht. Erstaunlicherweise kam dadurch raus, dass die soziale Lage den größten Einfluss darauf hat, wie häufig Antibiotika verordnet werden. Bei höherer Arbeitslosigkeit und niedriger Erwerbstätigenquote wurde umso öfter Antibiotika bei Kindern verschrieben.

Überlastete Ärzte?
An zweiter Stelle landete die Arztdichte: umso mehr Verschreibungen, je weniger Kinderärzte und Hausärzte in der Region vorhanden sind. „Möglicherweise wird gerade von den Hausärzten, die sehr viele Patienten versorgen, schneller ein Antibiotikum verordnet – aus einer gewissen Überlastungsroutine heraus", so die Analyse von Etgeton. Mit der sozialen Lage und der Arztdichte können zusammengenommen ein Viertel der Unterschiede erklärt werden.

Einen weiteren Unterschied kann man zwischen den verschiedenen Facharztgruppen feststellen. „Bei Mittelohrentzündungen verordnen Hausärzte häufiger Antibiotika als Kinderärzte oder HNO-Ärzte", so Etgeton. Allerdings ist es bei Lungenentzündungen genau umgekehrt. „Da, wo es angezeigt wäre, verordnen Hausärzte weniger Antibiotika als Kinder- und Jugendärzte. Das ist ein Hinweis darauf, dass die Leitlinien in der Hausärzteschaft nicht so umgesetzt werden, wie das bei den Fachärzten der Fall ist."

Aufgeklärte Patienten als Rezept
Klar wurde auch, dass bei einem besseren Austausch zwischen Haus- und Kinderärzten weniger Antibiotika verordnet wurden. Ein gutes Beispiel dafür sind die Qualitätszirkel in Schleswig-Holstein. Etgeton analysiert: „Das könnte ein Hinweis darauf sein, wie wichtig es ist, den fachlichen Austausch zwischen Fachärzten und Hausärzten zu verstärken". Da aber der Hauptanteil der Unterschiede nicht ganz erklärbar ist, bleibt ein wichtiges Fazit: Eine Aufklärung der Patienten darüber, wann und wie Antibiotika sinnvoll ist, sollte weiter verstärkt werden.Auf "Faktencheck" werden viele Fragen beantwortet und Informationen geliefert, die helfen können, einen besseren Umgang mit Antibiotika zu finden. (ad)

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