Organspenden: Sichere Hirntod-Diagnosen?

Astrid Goldmayer

Organspende: Ärzte mit Hirntod-Diagnosen häufig überfordert?

20.02.2014

In deutschen Kliniken werden Hirntod-Diagnosen nicht immer gemäß der Richtlinien gestellt. Das berichtet die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) unter Berufung auf ihr vorliegende Unterlagen. Die Stiftung Deutsche Organtransplantation (DOS) warnt vor den Konsequenzen. Bei potentiellen Spendern könnten weitere Zweifel an Organspenden geweckt werden. Immer wieder ist es in der Vergangenheit zu Transplantationsskandalen gekommen. Die Spenderzahlen erreichten daraufhin ihren Tiefststand. Die Hirntod-Diagnostik galt jedoch bislang als sicher. Der SZ zufolge mussten aber sogar Totenscheine aufgrund fehlerhafter Diagnosen nachträglich korrigiert werden.

Uneinigkeit unter den Medizinern über Art der Diagnosestelle bei Hirntod
In den vergangen drei Jahren haben Ärzte insgesamt bei zehn Patienten Hirntod-Diagnosen ohne Einhaltung der Richtlinien gestellt. Dabei sei es aber in keinem Fall dazu gekommen, dass einem Lebenden Organe entnommen worden seien, berichtet Rainer Hess, Vorstand der DOS, gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“. Damit bestätigt Hess einen Bericht der SZ, nach dem sogar Totenscheine im Nachhinein korrigiert werden mussten. Die Ursache liege in einer unzureichenden Ausbildung der Ärzte im Bereich der Hirntod-Diagnostik, schreibt die Zeitung. Auch Hess bestätigt, dass Mediziner teilweise uneins darüber seien, wie genau der Hirntod zu bestimmen sei.

Für eine Hirntod-Diagnose gibt es in Deutschland klare Richtlinien. Dazu gehöre unter anderem, dass zwei qualifizierte Ärzte unabhängig von einander die Diagnose stellen und dabei über übereinstimmen müssen, berichtet das Blatt. Zudem müssten alle Umstände ausgeschlossen werden, die das Gehirn nur betäuben wie Medikamente, Koma, eine zu niedrige Körpertemperatur oder Vergiftung. Dem Bericht zufolge wurden aber auch Hirntod-Diagnosen gestellt, obwohl der Patient kurz zuvor mit starken Schmerzmitteln betäubt wurde. Ein Test auf Atemstillstand sei ebenfalls nicht korrekt durchgeführt worden.

Der Neurologe Hermann Deutschmann vom Nordstadtkrankenhaus in Hannover setzt sich für eine verbesserte Hirntod-Diagnostik ein. „Die Hirntod-Diagnostik ist eines der sichersten Verfahren überhaupt, wenn man die Richtlinien beachtet und Erfahrungen auf diesem Gebiet hat", erläutert er gegenüber der SZ. In 30 Prozent der Fälle, in denen er als Zweitgutachter für die Hirntod-Diagnostik hinzugezogen worden sei, habe er die Diagnose aber nicht bestätigen können.

Ausbildung der Ärzte muss bei Hirntod-Diagnosen verbessert werden
Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, fordert ein „Kompetenzteam Hirn-Diagnostik“, das am Robert-Koch-Institut angesiedelt werden soll. Die Spezialisten könnten dann von den Entnahmekrankenhäusern angefordert werden. Es sei nun „konsequentes Handeln gefordert, denn die Frage, ob Lebenden oder Toten Organe entnommen werden, trifft den Kern der Sorgen in der Bevölkerung beim Thema Organspende“, sagte Brysch der Nachrichtenagentur.

Hess von der DOS hält die Darstellung der fehlerhaften Hirntod-Diagnosen für übertrieben und sieht vor allem die Konsequenzen solcher Skandale. „Ich weise den Generalverdacht über falsche Todesfeststellungen mit Nachdruck zurück.“ Es habe sich um zehn Fälle in drei Jahren gehandelt. Fehler würden überall gemacht, leider auch bei Transplantationen. „Nur in zwei Fällen ist es zu einer Organentnahme gekommen. In den anderen Fällen hat das Kontrollsystem funktioniert. Es hat aber in keinem Fall eine Organentnahme bei Lebenden gegeben“, betont Hess. „Man kann nicht sagen, das Gesamtsystem versagt. Die geschilderten Fälle sind aufgeklärt.“

Im vergangen Jahr sank die Zahl der Organspender auf 876 ab. Das entspricht einem Rückgang von 16 Prozent im Vergleich zu 2012. Als Ursache werden vor allem die Transplantationsskandale angesehen. Berichte über fehlerhafte Hirntod-Diagnosen dürften die Situation nicht verbessern. Dennoch ist es wichtig auf solch gravierende Missstände aufmerksam zu machen. Bleibt zu hoffen, dass der öffentliche Druck dazu beiträgt, die Ausbildung der Ärzte hinsichtlich der Hirntod-Diagnose zu verbessern. (ag)

Bild: Dieter Schütz / pixelio.de