Viele Kinder benötigen eine Sprachtherapie

Heilpraxisnet

Jeder vierte Sechsjährige ist in sprachtherapeutischer Behandlung

20.12.2013

Die Sprachentwicklung macht bei Kindern ab dem 3. Lebensjahr enorme Fortschritte. Bis zum zweiten Geburtstag spricht ein Kind im Durchschnitt 100 Wörter. Zwei Jahre später ist der Wortschatz schon auf 2.000 Wörter angestiegen. Zum vierten Geburtstag bilden einige Kinder bereits mehrkettige Haupt- und Nebensätze. Die Übrigen ziehen in der Regel während der ersten beiden Schuljahre nach. Dennoch ist es wichtig, dass Kinder zum Schulstart richtig sprechen können. Generell brauchen Jungen beim Erlernen mehr Unterstützung als Mädchen.

Das wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) hat im Rahmen des Heilmittelberichts 2013 festgestellt, dass jeder vierte sechsjährige Junge eine Sprachtherapie benötigt. Bei den Mädchen liegt der Anteil bei nur 17 Prozent. Im Vergleich zu 2007 hat ein Anstieg um etwa fünf Prozent stattgefunden. Damals waren es noch 20 Prozent der Jungen, die therapeutische Hilfe benötigten. „Wir beobachten, dass Jahr für Jahr mehr Kinder für eine gesunde, altersgerechte Entwicklung vorübergehend therapeutische Unterstützung brauchen“, erläuterte Helmut Schröder, stellvertretender WIdO-Geschäftsführer.

Damit effektiv gegen Sprachverzögerungen vorgegangen werden kann, ist es ratsam im ersten Lebensjahrzehnt der Kinder mit einer Sprachtherapie zu beginnen. Störungen in der Sprachentwicklung muss so früh wie möglich entgegengewirkt werden. Umso älter die Kinder sind, desto schwerer fällt es ihnen, etwas zu verändern. Dabei sind in der Gruppe der Sechsjährigen die meisten ärztlichen Verordnungen für eine Sprachtherapie zu finden. So 2012 etwa 25 Prozent der AOK-versicherten Jungen in diesem Alter eine Sprachtherapie, hingegen waren es bei den gleichaltrigen Mädchen nur knapp 17 Prozent in dem Alter, in dem die meisten eingeschult werden. Insgesamt wurden zwei Drittel (67,7 Prozent) aller sprachtherapeutischen Maßnahmen Kindern und Jugendlichen bis 15 Jahren verordnet. So machen laut WIdO „Sprachstörungen vor Abschluss der Sprachentwicklung“ mit einem Anteil von 53 Prozent den größten Anteil bei den Sprachdefiziten aus. Erst mit deutlichem Abstand folgen „Sprachstörungen nach Abschluss der Sprachentwicklung“ (13,1 Prozent) und Behandlungen aufgrund von Artikulationsstörungen (9 Prozent).

Sprachtherapien nehmen kontinuierlich zu
Der Anteil der verordneten Sprachtherapien für Jungen als auch Mädchen ist seit 2007 kontinuierlich gestiegen. Laut WIdO waren es anfangs 21,2 Prozent der Jungen im Alter von sechs Jahren und 14, 7 Prozent der Mädchen, die sprachtherapeutische Angebote in Anspruch nahmen, heute liegen die Werte im rund fünf Prozentpunkte höher. Der Heilmittelbericht 2013 zeigt darüber hinaus, dass Jungen überdurchschnittlich oft sprachtherapeutische Behandlungen erhalten. So stellten Jungen bis 14 Jahre zwar nur 6,4 Prozent der AOK-Versicherten, erhielten 2012 aber 42 Prozent aller sprachtherapeutischen Leistungen.

Gesundheitsstörungen so früh wie möglich vorbeugen
Die Experten sehen in den weiterhin steigenden Verordnungsmengen der Sprachtherapien für Kinder, einen speziellen Anforderungsbedarf im Übergang zwischen Kindergarten und Grundschule. Hier könnten in Zukunft veränderte Lernmodelle dabei helfen, dem Problem zu begegnen. „Verhaltens- und verhältnispräventive Maßnahmen in Kindergärten und Schulen sowie im Elternhaus sind ebenso wichtig, um Gesundheitsstörungen schon in frühen Jahren vorzubeugen", so der WIdO-Geschäftsführer weiter.

Positive Emotionen helfen generell beim Lernen
Kinder lernen nur nachhaltig, wenn sie mit dem Gelernten positive Emotionen verbinden, so die Erkenntnisse aus der Hirnforschung. Emotionen, die direkt mit dem Alltagsleben in Verbindung stehen, haben dabei die beste Wirkung. Manchmal wirkt schon eine liebevolle Atmosphäre Wunder. Eltern sollten jedoch auf keinen Fall ihre Kinder schon vor dem Schulbeginn mit Sprach- und Schreibübungen drangsalieren, so die Meinung von Experten. Als Grundlage für den Heilmittelbericht 2013 dienten die Angaben von rund 35 Millionen Heilmittelrezepten, die ausgiebig analysiert wurden. Diese wurden etwa 70 Millionen Versicherten der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) ausgestellt. Doch nicht nur Sprachtherapien gehörten zu den verschriebenen Leistungen. Auch Rezepte aus den Bereichen Physiotherapie, Ergotherapie und Podologie, waren darunter zu finden. Der Bericht diene dazu Trends besser zu erkennen und so bundesweite Angebote in der Heilmittelversorgung zu realisieren, berichtet das WIdO. (fr)

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