Viele müssen wegen Stress früher in Rente

Heilpraxisnet

Viele Arbeitnehmer scheiden aus gesundheitlichen Gründen bereits vor der Rente aus dem Berufsleben aus

08.08.

Stress und Überlastung im Berufsleben machen immer mehr Arbeitnehmer krank. Psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Burnout sind die Hauptursachen für die steigenden Zahlen der Anträge auf Erwerbsminderungsrente. Von der „Rente mit 63“ profitieren die Betroffenen in der Regel erst gar nicht. Denn viele scheiden bereits mit Ende 40 aus dem Berufsleben aus. Die Gewerkschaften fordern deshalb eine Erhöhung des Arbeitsschutzes, beispielsweise durch ein Anti-Stress-Gesetz. Denn der frühe Ausstieg aus dem Berufsleben bringt auch soziale Probleme mit sich. So gilt rund ein Drittel der Erwerbsminderungsrentner als armutsgefährdet.

Stress und Überlastung im Berufsleben machen viele Arbeitnehmer erwerbsunfähig
Hunderttausende Arbeitnehmer scheiden jedes Jahr deutlich vor Eintritt ins Rentenalter aus dem Berufsleben. Meist sind psychische Probleme Ursache der vorzeitigen Arbeitsaufgabe. Während die Gewerkschaften bessere Arbeitsbedingungen und eine Erhöhung des Arbeitsschutzes gegen die Überlastung im Job fordern, kritisieren Arbeitgeber vor allem, dass die Betroffenen zu langsam und nicht ausreichend behandelt würden. So sei eine Erhöhung der Zahl der Reha-Plätze wichtig.

Angaben des Deutschen Rentenversicherung Bundes zufolge wurde im vergangenen Jahr 66.441 Arbeitnehmern aufgrund psychischer Erkrankungen Erwerbsminderungsrente gewährt. Das sind 732 mehr als noch 2012. „Die besondere Dramatik liegt im Durchschnittsalter der Betroffenen“, erläutert Susanne Weinbrenner, die bei der Rentenversicherung für Sozialmedizin zuständig ist, gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“. Das durchschnittliche Eintrittsalter in die Erwerbsminderungsrente wegen psychischer Beschwerden liegt bei etwa 49 Jahren. Zum Vergleich: Das Durchschnittsalter beim Beginn der Frührente wegen Knochen-Muskel-Erkrankungen, Krebs oder Herz-Kreislauf-Krankheiten beträgt durchschnittlich 53 bis 56 Jahre.

Zu hohe Anforderungen und zu wenig Anerkennung im Job machen Arbeitnehmer krank
„Die Ursachen sind vielfältig“, informiert Ingo Nürnberger, Sozialpolitik-Experte des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), gegenüber der Nachrichtenagentur. „Doch die Gestaltung der Arbeitszeit, der konkreten Arbeitsbedingungen und das Führungsverhalten in Unternehmen sind zentral.“ Häufig habe die Industrie zu hohe Anforderungen. „Oft herrschen große Arbeitsverdichtung und schnelle Taktzeiten.“ Auch im Dienstleistungsbereich sei die Belastung durch zusätzliche Schichtarbeit und unregelmäßige Arbeitszeiten hoch. Beides habe dem Sozialpolitik-Experten zufolge stark zugenommen. „Das Thema Arbeitsschutz bekommt eine ganz neue Bedeutung“, so Nürnberger. Er sieht die Bundesregierung in der Pflicht, das Arbeitsschutzgesetz schnellst möglich durch eine Anti-Stress-Verordnung zu konkretisieren. Gespräche von Union und SPD führten bei diesem Thema aufgrund unterschiedlicher Ansichten bisher ins Leere. „Die Betriebe müssen zudem stärker kontrolliert und besser beraten werden“, fordert Nürnberger.

Die Krankenkasse DAK-Gesundheit hatte im Rahmen einer Befragung ihrer Versicherten festgestellt, dass nicht die dichte Jobroutine allein krank macht. Viele Arbeitnehmer hätten vielmehr permanent das Gefühl, zu viel zu leisten, ohne dafür eine positive Rückmeldung und Anerkennung beispielsweise von Vorgesetzten zu bekommen.

Unzureichende therapeutische Versorgung von Arbeitnehmern mit psychischen Problemen
Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) weist auf ein weiteres Problem hin. Derzeit sei die therapeutische Versorgung von Überlasteten, Depressiven oder Suchtkranken häufig nicht ausreichend. „Durch fehlende oder zu späte Behandlung gehen uns viele Erwerbsfähige verloren, die als Fachkräfte gebraucht werden“, betont der BDA-Arbeitswissenschaftler Norbert Breutmann gegenüber der Nachrichtenagentur. „Oft vergehen Jahre, bis die Störungen auffällig werden.“ Bei der Suche nach Hilfe seien die Betroffenen zudem auf sich alleine gestellt. „Es ist nicht hinnehmbar, dass Betroffene auf der Suche nach einer Therapie dauernd auf irgendwelche Anrufbeantworter sprechen.“ Zwar könnten auch die Arbeitsbedingungen Ursache sein, jedoch müsse insbesondere die therapeutische Versorgung verbessert werden, etwa durch mehr Psychotherapieplätze, so Breutmann.

Die Rentenversicherung sieht insbesondere den Stress, den Druck der permanenten Erreichbarkeit und unsichere Arbeitsplätze als psychisch sehr belastend für viele Arbeitnehmer an. Der Anstieg der Anträge auf Erwerbsminderungsrente stehe aber auch im Zusammenhang mit der Enttabuisierung von psychischen Erkrankungen, so dass Ärzte mittlerweile häufiger derartige Diagnosen stellten als noch vor einigen Jahren. Trotz einer erhöhte Sensibilität würden Betroffene dennoch auch immer wieder auf Ignoranz und Vorurteile stoßen. Die Rentenversicherung legt Wert darauf, das psychische Probleme keine unabänderliches Schicksal sind, sondern unter anderem durch gezielte Reha-Maßnahmen behandelt werden können, so dass die Betroffenen wieder am normalen Berufsleben teilhaben können. Einige Angebote richten sich auch an Menschen, die gefährdet, aber noch nicht erkrankt sind, um beispielsweise Depressionen und einem Ausfall im Job vorzubeugen.

Zahl der Erwerbsminderungsrenten nimmt wieder zu
Während die Zahl der Erwerbsminderungsrenten seit dem Jahr 2001 von rund 201.000 Fällen bis 2006 auf 160.000 zurückgegangen war, steigt sie seit 2007 stetig. Zuletzt wurden rund 180.000 Neuzugänge registriert. Einer der Gründe könnte die geburtenstarke Generation der „Baby-Boomer“ betreffen, da diese mittlerweile die Altersgruppe der 50 bis 60-Jährigen erreicht hat.

Mit der vorzeitigen Verrentung wegen Erwerbsunfähigkeit gehen auch soziale Probleme einher, denn gut ein Drittel der Erwerbsminderungsrentner und ihrer Angehörigen gilt als armutsgefährdet. Angaben der Deutschen Rentenversicherung zufolge lag der durchschnittliche Rentenzahlbetrag bei voller Erwerbsminderung im Jahr 2013 bei etwa 650 Euro pro Monat. Wer über keine anderen Einnahmen oder Vermögen verfügt, kann beim Sozialamt zwar Hilfe zum Lebensunterhalt im Rahmen der Sozialhilfe und Grundsicherung im Alter beantragen, jedoch deckt die Sozialleistung lediglich das Existenzminimum. (ag)

Bild: Rainer Sturm / pixelio.de