Viele Schlaganfall-Patienten hätten überlebt

Mehr als die Hälfte der Schlaganfall-Patienten wird zu spät in eine Stroke-Unit gebracht. Eine Lyse-Behandlung ist dann oft nicht mehr möglich. (Bild: pattilabelle/fotolia.com)
Nina Reese
Behandlung auf Stroke Unit kann Todesfälle und schwere Behinderungen verhindern
Bei einem Schlaganfall handelt es sich um einen absoluten Notfall, der so schnell wie möglich in einer speziell ausgerichteten Klinik behandelt werden muss. Wie eine Studie unter Federführung der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg zeigt, erreicht jedoch mehr als die Hälfte der Betroffenen eine so genannte „Stroke Unit“ viel zu spät. Knapp 20 Prozent der Patienten würden zudem in Krankenhäuser ohne Spezial-Station gebracht. Dadurch verringern sich die Chancen, den Schlaganfall lebend und ohne schwere Folgeschäden zu überstehen, berichtet die Universität in einer aktuellen Pressemitteilung. Die Ergebnisse der Studie wurden in der Fachzeitschrift „Neurology“ veröffentlicht.

Bei einem Schlaganfall ist schnelles Handeln lebenswichtig
Jedes Jahr erleiden nach Information der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) 270.000 Menschen in Deutschland zum ersten Mal oder wiederholt einen Schlaganfall. Dabei handelt es sich immer um einen Notfall, bei dem es gilt, keine Zeit zu verlieren. Denn nur, wenn der Patient sofort in eine Klinik mit angeschlossener Schlaganfall-Spezialstation (Stroke Unit) gebracht wird, können innerhalb eines schmalen „therapeutischen Zeitfensters“ von maximal viereinhalb Stunden spezielle, lebensrettende Therapieverfahren eingesetzt werden.

Mehr als die Hälfte der Schlaganfall-Patienten wird zu spät in eine Stroke-Unit gebracht. Eine Lyse-Behandlung ist dann oft nicht mehr möglich. (Bild: pattilabelle/fotolia.com)
Mehr als die Hälfte der Schlaganfall-Patienten wird zu spät in eine Stroke-Unit gebracht. Eine Lyse-Behandlung ist dann oft nicht mehr möglich. (Bild: pattilabelle/fotolia.com)

Zeitfenster von maximal viereinhalb Stunden
Wie wichtig die schnelle Einweisung in ein solches Schlaganfall-Zentrum ist, lässt sich offenbar nicht oft genug wiederholen. Denn viele Patienten erreichen nach wie vor viel zu spät eine entsprechende Klinik. Dies zeigt eine aktuelle Studie der baden-württembergischen AG Schlaganfall der Geschäftsstelle Qualitätssicherung im Krankenhaus (GeQiK), bei der es sich um ein Kooperationsprojekt der Universitätskliniken Heidelberg, Mannheim und Freiburg handelt. Demnach würden 60 Prozent aller Schlaganfall-Patienten in Baden-Württemberg erst dann eine Stroke-Unit erreichen, wenn es für eine so genannte „Thrombolyse“ (kurz: „Lyse“) bereits zu spät ist.

Rettungsdienste sollten noch konsequenter Stroke Units anfahren
17 Prozent der Patienten würden der Studie zufolge zwar rechtzeitig für eine Thrombolyse in die Klinik gebracht, dabei aber in einem Krankenhaus ohne Stroke Unit landen. Hier wird die spezielle Behandlung jedoch deutlich seltener eingesetzt, wodurch das Risiko für einen tödlich verlaufenden Schlaganfall und schwere Behinderungen steigt. Denn die Lyse ist die einzige zugelassene medikamentöse Therapie nach einem akuten Schlaganfall. Mittels der Verabreichung von Medikamenten wird hier der Blutspropfen im Gehirn wieder aufgelöst, wodurch das Blut wieder ungehindert fließen und das Gehirn ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden kann. „Es wäre daher wünschenswert, dass Rettungsdienste im Verdachtsfall noch konsequenter als bisher schon Krankenhäuser mit Stroke Unit ansteuern“, so Studienleiter Professor Dr. Peter Ringleb, Leiter der Heidelberger Stroke Unit, laut der Mitteilung.

Ältere Patienten bleiben häufig unterversorgt
Das Team unter Leitung von Professor Dr. Peter Ringleb und Dr. Christoph Gumbinger von der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg hatte für die Studie Daten der GeQiK zur stationären Behandlung von Schlaganfall-Patienten aller Krankenhäuser in Baden-Württemberg (2008 bis 2012) ausgewertet, so die Information der Universität. Es zeigte sich, dass 40 Prozent der Betroffenen innerhalb von 4,5 Stunden nach den ersten Schlaganfall-Zeichen wie z.B. halbseitiger Lähmung oder Sprachstörungen in die Klinik kamen und damit rechtzeitig für eine Lyse-Behandlung. Diese sei in spezialisierten Schlaganfallzentren daraufhin bei 44 Prozent dieser Patienten umgehend durchgeführt worden. In Krankenhäusern ohne Stroke Unit erhielten hingegen nur 13 Prozent der rechtzeitig ankommenden Patienten eine Thrombolyse, wodurch vor allem ältere Patienten mit bereits vorbestehenden körperlichen Beeinträchtigungen häufig unterversorgt blieben, berichtet die Universität weiter. „Gerade bei diesen Patienten benötigt es viel Erfahrung und Kompetenz, um beurteilen zu können, ob die Lysetherapie durchgeführt werden kann“, betont Professor Ringleb.

In Deutschland gibt es ein Netz von mehr als 250 Stroke Units, wobei diese meist neurologischen Kliniken angegliedert sind. Die Zentren verfügen über die technischen und personellen Möglichkeiten, Schlaganfall-Patienten mit den notwendigen medizinischen Maßnahmen zu versorgen. „Es ist nachgewiesen, dass die Behandlung auf einer Stroke Unit insgesamt und über die Lysetherapie hinaus dazu beiträgt, Todesfälle und schwere Behinderungen nach Schlaganfall zu verhindern dank speziell geschultem Behandlungsteam und umfassender Diagnostik und Therapie rund um die Uhr“, sagt Ringleb. (nr)

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