Viren helfen bösartige Tumore zu zerstören

Heilpraxisnet

Wissenschaft: Viren als Krebskiller

10.09.2013

Krebs im fortgeschritten Stadium kann selten geheilt werden. In Zukunft sollen genetisch veränderte Viren bei der Bekämpfung helfen, wenn Chemo- und Strahlentherapie keinen Erfolg versprechen. Trotz erheblicher Fortschritte bei chirurgischen Verfahren und zunehmend wirksameren Chemotherapeutika haben Krebspatienten im fortgeschrittenen Stadium immer noch schlechte Überlebenschancen.

Zwischen ein paar Monaten bis hin zu einigen Jahren können Patienten an Lebenszeit gewinnen. Die Verlängerung bringt jedoch meistens eine Verschlechterung der Lebensqualität mit sich, die die Betroffenen stark einschränken kann. Bei acht von zehn Patienten, die eine Chemotherapie zur Behandlung von Brustkrebs bekommen, verursacht die Therapie starke Schmerzen.

Tumorzellen reagieren ähnlich wie Bakterien und bilden Resistenzen, wenn sie mittels Medikamenten unter Druck gesetzt werden. "Bei allen in der Krebstherapie eingesetzten zielgerichteten Medikamenten sind Resistenzen dokumentiert", sagt Charles Sawyers vom Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York, einer der weltweit führenden Experten auf diesem Gebiet.

Innerhalb einer mehrmonatigen Krebsbehandlung nimmt die Wirksamkeit eines Medikament zunehmend ab und noch vorhandene Krebszellen vermehren sich über die Zeit wieder und der Krebs kommt zurück.

Auflösung von Krebszellen
Da ist die neuartige Virotherapie, auch onkolytische (Krebszellen auflösende) Tumortherapie genannt, mit ihren immensen Vorteilen gegenüber konventionellen Verfahren, ein neuer Hoffnungsschimmer. Onkolytische Viren verfahren im Prinzip genauso wie Masern, Mumps oder Windpocken . Dies tun sie nur zielgerichteter und effektiver.

Vorteil bei dieser Behandlung: Sie dringen nur in Tumorzellen ein, vermehren sich im Inneren der Zelle und zerstören diese innerhalb von Stunden oder Tagen.

Die dabei frei werdende neue Generation von Viren befällt andere Tumorzellen in der Umgebung. Dies funktioniert quasi nach dem „Schneeballsystem". Immer mehr und schneller werden die bösartigen Zellen dabei aufgelöst. So kann im Idealfall eine einmalige Verabreichung zu einem viralen Dominoeffekt führen, der ausreicht einen Tumor innerhalb kurzer Zeit zu beseitigen.

Zusätzliche Waffen
Die onkolytischen Viren werden zusätzlich durch gentechnische Verfahren mit weiteren "Waffen" ausgestattet. Diese sollen dabei helfen, die Tumorzellen von mehreren Seiten aus in die Zange zu nehmen. Die veränderten Mikroorganismen enthalten beispielsweise Moleküle, die auf die Tumorzelle toxisch wirken, induzieren die Bildung von Botenstoffen oder übertragen sogenannte Tumorsuppressorgene. Die Krebszelle wird dadurch am Wachstum gehindert. Die Botenstoffe aktivieren das körpereigene Abwehrsystem, das die Tumorzellen angreift. Damit Krebs wachsen kann benötigt er viel Sauerstoff und ausreichend Mikronährstoffe. Hier sollen die „Killerviren“ die Blutversorgung des Krebs unterbrechen.

Kürzlich berichteten Wissenschaftler der amerikanischen Pharmafirma Jennerex im US-Journal "Cancer Research", das es ihnen mithilfe einer Infusion eines geeigneten onkolytischen Virus gelang, die Blutversorgung von kompakten Tumoren in der Leber innerhalb von nur fünf Tagen komplett zu unterbrechen.

Das Ergenbis: die Krebszellen, die den direkten Angriff der Tumorkiller überlebt hatten, starben bald danach bei einer zweiten "Angriffswelle", weil sie von der Sauerstoffversorgung abgeschnitten wurden.

Mittlerweile sind 20 Virusarten identifiziert
Krebsforscher auf der ganzen Welt arbeiten momentan an diesem neuen Therapiekonzept. Mehr als 20 verscheide Virusarten, die alle die Fähigkeit zum Abtöten haben wurden mittlerweile von den Forschern bestimmt. Kinderlähmung-, Herpes- und Windpockenvirus sind darunter aufzufinden. Damit diese Erreger die Aufgabe als Tumorkiller erfolgreich übernehmen, werden sie am molekularbiologischen Reißbrett für einen bestimmten Tumortyp angepasst. Beispielsweise wurde beim Herpes-simplex-Virus, das normalerweise einen Lippen- oder einen Genitalherpes auslöst, sogenannte Latenzgene ausgeschaltet.

Diese ermöglichen dem Erreger über längere Zeit in einer Wirtszelle zu überleben. In einem zweiten Schritt werden dann die die krank machenden Eigenschaften des Virus isoliert und raus geschnitten. Dadurch können die Zellen keine Erkrankung im Körper mehr auslösen. Die Erbinformation wird so geschädigt, dass sich die Mikroorganismen im gesunden Körper nicht mehr ausbreiten können.

Forschung für die Vireninfusion
Seit kurzem versuchen Forscher, das mikrobielle Therapeutikum mittels Infusion über das Blut den Betroffenen zu verabreichen. Dabei lautet die Theorie: Gentechnisch veränderten Viren suchen sich mit äußerster Zielstrebigkeit die Tumore. In der Praxis zeigten sich jedoch andere Ergebnisse. Nur wenige Viren haben den Tumor erreicht, denn sie wurden schon in der Lunge, Leber und Milz abgefangen. Dies liegt an dem Aufbau des Immunsystems des Menschen. Ist dieses in der Vergangenheit bereits mit der Virusfamilie in Berührung gekommen, werden die Eindringlinge mithilfe sogenannter Antikörper neutralisiert und das Ziel wird nicht erreicht.

Immerhin, bei 30 Patienten wurde die Infusion dreimal im Abstand von 14 Tagen wiederholt, wie die Forscher im britischen Fachmagazin "Nature Medicine" berichten. Patienten, die die höchste Konzentration onkolytischer Viren erhalten hatten, überlebten im Durchschnitt 14 Monate. Patienten, die eine geringe Menge Erreger bekommen hatten, dagegen nur sieben Monate.

Forschung steht noch am Anfang
Eine Studie aus Korea zeigt, dass die Krebsforscher noch weit entfernt davon sind, die theoretischen und experimentellen Kenntnisse tatsächlich in ein wirksames Behandlungsverfahren umzusetzen. Bislang richtet sich ihr Augenmerk auf das Wirkprinzip und wie eine Ungefährlichkeit der viralen Tumortherapie nachgewiesen werden kann. Die besten Ergebnisse bei der Anwendung erzielte ein von der amerikanischen Pharmafirma Amgen hergestellter onkolytischer Virus auf der Basis von Herpes simplex. Untersuchungen an 436 Patienten mit schwarzem Hautkrebs (Melanom) ergaben einen deutlichen Vorteil der onkolytischen Therapie im Vergleich zu Kontrollpatienten. Eine endgültige Analyse der Daten steht allerdings noch aus.

Weder in den USA noch in Europa sind onkolytische Viren derzeit als Medikament zur Krebsbehandlung zugelassen. Einzig in China haben die Gesundheitsbehörden ein gentechnisch verändertes Adenovirus zur Behandlung von Tumoren im Kopf-Hals-Bereich registriert. (fr)

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