Virusinfekte: Wenn uns Grippeviren Menschen depressiv machen

Virusinfektionen wie eine Grippe können nicht nur zu körperlichen Symptomen führen, sondern auch depressive Verstimmungen auslösen. Forscher haben nun herausgefunden, warum das so ist. (Bild: Laurentiu Iordache/fotolia.com)
Alfred Domke
Warum man durch eine Grippe depressive Verstimmungen bekommen kann
Es ist schon länger bekannt, dass Virusinfektionen wie beispielsweise eine Grippe, depressive Verstimmungen auslösen können. Warum das so ist, haben nun Forscherinnen und Forscher der Uniklinik Freiburg herausgefunden. Verantwortlich ist demnach unter anderem ein Protein, das die Virusabwehr steuert.

Grippe kann für Depressionen typisches Verhalten auslösen
Eine Grippe führt bei Patienten nicht nur zu körperlichen Symptomen wie Fieber, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und Schlaflosigkeit, sondern kann auch psychische Folgen haben und ein für Depressionen typisches Verhalten auslösen. Bisher war nicht geklärt, wie Immunabwehr und psychische Veränderungen miteinander zusammenhängen. Doch jetzt haben Forscherinnen und Forscher des Universitätsklinikums Freiburg bei Mäusen den Grund dafür herausgefunden, warum Virusinfektionen wie Influenza-Grippe depressive Verstimmungen auslösen können. Laut einer Pressemitteilung der Klinik ist unter anderem das Protein CXCL10 verantwortlich, das eigentlich die Virusabwehr steuert.

Virusinfektionen wie eine Grippe können nicht nur zu körperlichen Symptomen führen, sondern auch depressive Verstimmungen auslösen. Forscher haben nun herausgefunden, warum das so ist. (Bild: Laurentiu Iordache/fotolia.com)
Virusinfektionen wie eine Grippe können nicht nur zu körperlichen Symptomen führen, sondern auch depressive Verstimmungen auslösen. Forscher haben nun herausgefunden, warum das so ist. (Bild: Laurentiu Iordache/fotolia.com)

Erkenntnisse könnten in Zukunft Patienten helfen
Den Angaben zufolge hemmt das Protein eine Hirnregion, die auch bei Depressionen während kognitiver Prozesse vermindert aktiv ist. Laut den Wissenschaftlern könnten die Erkenntnisse zukünftig Patienten helfen, die nach einer Virusinfektion oder nach einer Immuntherapie an depressiven Verstimmungen leiden. Die Ergebnisse der Arbeit wurden im Fachmagazin „Immunity“, das zur Cell-Gruppe gehört, veröffentlicht. „Wir konnten jetzt die Mechanismen identifizieren, durch die das Immunsystem den Gemütszustand beeinflusst“, sagte Erstautor Dr. Thomas Blank, Biologe am Institut für Neuropathologie des Universitätsklinikums Freiburg.

Protein hemmt Nervenzellen
Die Forscher um Prof. Dr. Marco Prinz, Ärztlicher Direktor des Instituts für Neuropathologie des Universitätsklinikums Freiburg, wiesen nach, dass bei der Vermittlung zwischen Immun- und Nervensystem die Blutgefäßzellen im Gehirn eine wichtige Rolle spielen. Den Angaben zufolge bilden diese sogenannten Endothel- und Epithelzellen das Protein CXCL10, das bislang dafür bekannt war, Immunzellen anzulocken und so zur Virusabwehr beizutragen. Die Wissenschaftler zeigten nun, dass das Protein außerdem Nervenzellen im Hippocampus hemmt und damit auch die zellulären Grundlage des Lernens. Wie es in der Mitteilung heißt, wird diese Eigenschaft einzelner Synapsen und Nervenzellen, sich in Abhängigkeit ihrer Nutzung zu verändern, als neuronale Plastizität bezeichnet und ist im Hippocampus auch bei einer Depression verringert. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch eine Studie, die im vergangenen Jahr im Fachmagazin „Nature“ veröffentlicht wurde und sich damit beschäftigte, ob Depressionen den Hippocampus verkleinern oder ob die Störung vor einer Depression vorhanden ist.

Symptome einer Depression können durch Immunproteine verursacht werden
Laut den Freiburger Wissenschaftlern können Symptome einer Depression auch durch Immunproteine, sogenannte Typ-I-Interferone verursacht werden. Diese Proteine werden zur Behandlung von Hepatitis C, bestimmten Krebsarten sowie Autoimmunerkrankungen eingesetzt. Die Experten stellten nun fest, dass Interferone über denselben, neu beschriebenen Signalweg wirken. In zukünftigen Studien wollen sie die molekularen und zellulären Grundlagen untersuchen. „Unsere Daten lassen aber bereits vermuten, dass zumindest zu Beginn einer Virusinfektion oder bei einer Typ I-Interferon-Therapie eine Blockade von CXCL10 oder seiner Rezeptoren die ersten krankheitsbedingten Verhaltensänderungen unterbinden können“, so Prof. Prinz.

Einfluss von Virusinfektionen auf das Verhalten
Das Forscherteam untersuchte den Einfluss von Virusinfektion und Typ I-Interferonen auf das Verhalten der Tiere in etablierten Experimenten, in denen Lernvorgänge, aber auch die Stimmung der Tiere gemessen wird. Den Angaben zufolge zeigten Tiere mit Virusinfektion oder Typ-I-Interferonen deutlich eingeschränktes Lernvermögen und waren weniger aktiv als die Kontrollgruppe, was als depressionsartiges Verhalten gewertet wird. Um Effekte durch die Krankheit selbst auszuschließen, verabreichten die Wissenschaftler den Nagern auch künstliches Virus-Erbgut sowie einzelne Bestandteile des Virus. Beides aktiviert das Immunsystem, ohne die Tiere krank zu machen. In beiden Fällen zeigten die Mäuse ein depressionsartiges Verhalten. Damit lässt sich der Verhaltenseffekt auf den neu entdeckten Signalweg zurückführen. (ad)

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