Vogelgrippe mehr verbreitet als angenommen

Fabian Peters

Vogelgrippe weiter verbreitet aber nicht so tödlich wie angenommen

25.02.2012

Wahrscheinlich waren bereits deutlich mehr Menschen weltweit von einer Vogelgrippe-Infektion betroffen, als die offiziellen Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vermuten lassen. Zu diesem Ergebnis kommen US-Forscher der Mount Sinai School of Medicine in New York bei der Auswertung von 20 früheren Studien zur Ausbreitung der Infektionen mit den Viren aus der Gattung H5N1.

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Die Forscher um Taia T. Wang und Peter Palese von der Mount Sinai School of Medicine in New York (USA) bezweifeln in ihrem aktuellen Artikel im Fachmagazin „Science“ die offiziellen Zahlen der WHO, denen zufolge weltweit seit 2003 knapp 600 Infektionen mit den Vogelgrippe-Erregern zu verzeichnen waren und rund 60 Prozent der Patienten an den Folgen der Infektion verstorben sind. Die tatsächliche Zahl der H5N1-Infektionen liege vermutlich deutlich höher und Letalität dafür entsprechend niedriger, so die Einschätzung der US-Wissenschaftler auf Basis der 20 ausgewerteten Studien.

Zahlreiche Menschen mit Vogelgrippe-Infektion nicht untersucht
Nach Ansicht der US-Forscher berücksichtigt die WHO bei weitem nicht alle Fälle der Vogelgrippe-Infektionen. Nur schwere Erkrankungen, bei denen die Patienten ins Krankenhaus müssen und eine ohnehin schlechte Überlebenschance haben, würden erfasst. Damit kommen die offiziellen Zahlen zu einer deutlich überhöhten Letalität (Sterblichkeit bei einer Erkrankung), bei gleichzeitig viel zu niedrig angesetzten Infektionszahlen insgesamt. Die Auswertung der Studien habe ergeben, dass rund ein bis zwei Prozent der über 12.500 Studienteilnehmer Hinweise auf eine zurückliegende Vogelgrippe-Infektion in ihrem Blut aufwiesen. Die meisten von ihnen hätten dabei zuvor keine grippetypischen Symptome von Atemwegs- oder fieberhaften Erkrankungen gezeigt, so die Aussage der US-Wissenschaftler. Nach Ansicht von Taia T. Wang und Peter Palese ist es daher äußerst wahrscheinlich, dass zahlreiche Menschen mit der Infektion nicht untersucht werden und diese daher unentdeckt bleibt. Die milden Krankheitsverläufe ohne Grippe-ähnliche Symptome finden bei der WHO keine Berücksichtigung. Von diesen unentdeckten H5N1-Infektionen sind laut Aussage der Forscher in erster Linie Menschen in ärmeren Gegenden betroffen, die häufig in Kontakt mit Vögeln kommen.

Bereits Millionen Vogelgrippe-Infektionen weltweit
Sollten tatsächlich ein bis zwei Prozent der von den Forschern genannten Risikogruppe bereits eine H5N1-Infektionen hinter sich haben, so könnten dies Millionen Menschen weltweit sein. Auf jeden Fall läge die Zahl der Personen, die bereits Kontakt mit den Erregern hatten, deutlich über den Angaben der WHO. Möglicherweise ist auch die Zahl der Vogelgrippe-bedingten Todesfälle deutlich höher als bislang bekannt, die Todesrate liege jedoch wahrscheinlich deutlich unter den Angaben der WHO, so die Aussage der US-Forscher. Die genauen Zahlen lassen sich anhand der vorliegenden Daten jedoch nicht ermitteln, erklärten die Wissenschaftler und forderten daher weitere groß angelegten Untersuchungen, um die Gesundheitsrisiken durch den Erreger eindeutig abzuklären.

Supervirus aus dem Labor schürt Angst vor Bioterrorismus
Zuletzt hatte ein im Labor entwickeltes Vogelgrippe-Virus, dass auch von Mensch zu Mensch übertragbar ist, weltweit für Aufsehen und Diskussionen gesorgt. Die US-Behörde für Biosicherheit (NSABB) hatte sich gegen die Veröffentlichung der Ergebnisse von Yoshihiro Kawaoka und Ron Fouchier zu dem neu gezüchteten Vogelgrippe-Virus ausgesprochen – aus Angst vor Bioterrorismus. Seither zieht sich der Disput zwischen US-Behörden, den wissenschaftlichen Fachmagazinen „Nature“ und „Science“, der Weltgesundheitsorganisation, den Studienautoren und zahlreichen unterschiedlichen weiteren Experten. Zuletzt hatte sich ein Expertengremium der WHO dafür ausgesprochen, die Forschungsergebnisse vollständig zu veröffentlichen – allerdings erst zu einem späteren Zeitpunkt. (fp)