Wachsfiguren zeigen Krankheiten

Heilpraxisnet

Dermatologie: Moulagen bilden Hautkrankheiten zu Lehrzwecken ab

04.03.2015

Um Krankheiten wie Syphilis, Pest oder Lepra abzubilden, werden sogenannte Moulagen angefertigt. Das sind Modelle von erkrankten Körperregion aus Wachs. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts dienten sie als wichtigstes Lehrmittel in der Dermatologie. Mit der Verbreitung der Farbphotographie verloren sie jedoch an Bedeutung. Mittlerweile stehen die meisten Modelle in Museen. Doch auch in der Lehre gewinnen sie wieder an Bedeutung. Die Nachrichtenagentur „dpa“ sprach mit der medizinischen Präparatorin Navena Widulin über die Herstellung der besonderen Wachsfiguren.

Moulagen aus Wachs bilden kranke oder verletzte Körperteile ab
Ob Köpfe, Hände oder Füße – Navena Widulin gelingt es anhand von Leichen oder lebenden Modellen als Vorlage, täuschend echte Wachsfiguren herzustellen. Die medizinische Präparatorin, deren eigentlich Aufgabe im Sezieren von Leichen besteht, wurde von dem Direktor des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité (BMM) vor rund zehn Jahren auf die Moulagen aufmerksam gemacht. Widulin war begeistert von den kunstvoll und filigran angefertigten Wachsmodellen, so dass sie sie sich entschied, das Moulieren zu lernen.

„Das ist der Fuß einer Freundin", berichtet die 42-Jährige im Gespräch mit der Nachrichtenagentur. Dabei zeigt sie auf eine schwarze Platte. „Sie trägt gerne hochhackige Schuhe und hat einen ausgeprägten Hallux valgus." Darunter wird eine Schiefstellung des Großzehs verstanden, bei der der Großzehenballen am Fußinnenrand meist deutlich in Form einer Beule hervortritt. Die Moulage fertigte sie für eine Ausstellung zur Geschichte des Schuhs an.

Moulagen werden aufwendig herstellt
Die meisten Wachsmodelle, die die Expertin herstellt, sollen einer Lehrsammlung für Studenten zugeführt werden. Deshalb mouliert Widulin häufig operativ veränderte Körperteile. Zudem werden rechtsmedizinische Fälle nachgebildet, wie etwa der Oberkörper einer Frau, in dem ein Messer steckt. Die medizinische Präparatorin arbeitet deshalb eng mit Pathologen zusammen.

Zudem tauscht sich Widulin mit Make-up-Artists aus. „Die fragen mich, wie Totenflecke oder eine Moorleiche aussehen. Ich frage nach der Technik. So bin ich auch auf das spezielle Silikon gekommen, mit dem ich die Hautabformungen mache." Um den Silikonabdruck zu stabilisieren, verwendet sie Gips. Danach wird die Silikonform mit heißem Wachs ausgegossen. Um einen möglichst realistischen Farbton der Moulage zu erzielen, besteht die Möglichkeit, dem Wachs Ölfarbe beizumischen. „Viele sagen: ‚Du bist ein Künstler!‘ Ich fühle mich wie ein Handwerker", so Widulin. Zuletzt wird die Form hauchdünn von hell nach dunkel mit Lasurfarbe bemalt. „Moulagen sind im Dazwischen. Sie sehen echt aus, sind sie aber nicht."

Alte Moulagen bilden meist Hautkrankheiten wie Syphilis oder Pest ab
Die meisten alten Moulagen, die nach 1850 gefertigt wurden, zeigen vor allem Hautkrankheiten, weil Vorzeigepatienten im Unterricht fehlten. Anhand der Modelle konnten die Lehrkräfte dennoch gut vermitteln, wie die betreffende Erkrankung in Erscheinung tritt. Auch Augenkrankheiten wurden mit Moulagen dargestellt, wie sie im Berliner Museum ausgestellt sind. Insgesamt gibt es in Deutschland 17 Moulagensammlungen, die aber meist Erkrankungen wie Pocken, Neurodermitis oder nässende Ekzeme zeigen. Viele der Modelle sind noch immer aktuell, wie etwa diejenigen, die Infektionskrankheiten darstellen. Viele davon galten längst als ausgerottet, sind aber nun wieder auf dem Vormarsch. Dazu zählt beispielsweise Syphilis, die seit 2001 wieder häufiger hierzulande auftritt, wie das Robert-Koch-Institut informiert.

In der Bonner Universitätshautklinik werden viele Moulagen aufbewahrt, mit denen Hautveränderungen durch Syphilis gezeigt werden. „Heutzutage gibt es Syphilis nicht in so krassen Ausprägungen", erläutert Béatrice Bieber, Kuratorin der Sammlung, gegenüber der Nachrichtenagentur. Syphilis macht sich zunächst durch durch ein (fast) schmerzloses Geschwür mit einem verhärteten Randbereich an der Stelle bemerkbar, an der die Bakterien in den Körper eingedrungen sind. Im weiteren Verlauf können sich die Erreger im gesamten Körper ausbreiten und die Organe befallen.

Mittels Moulagen können Krankheiten unabhängig vom Patienten erklärt werden
Mit den Moulagen könnten Erkrankungen ohne betroffene Patienten gezeigt und erklärt werden, berichtet Bieber. „Die Menschen begreifen, was für ein Schicksal dahintersteht. Denn Hautkrankheiten stigmatisieren, auch heute noch." In Bonn sind zu vielen der Wachsmodelle zudem Patientenakten vorhanden. „Eine Patientengeschichte berührt immer", so Bieber weiter. „Wenn aber 100 Jahre dazwischen liegen, hat sie noch einen anderen Reiz."

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>Bild: Katharina Wieland Müller / pixelio.de