Wechsel- und Nebenwirkungen: Risiken bei der Arzneimitteltherapie

Je mehr Arzneimittel Patienten gleichzeitig einnehmen, desto größer das Risiko unerwünschter Neben- und Wechselwirkungen. (Bild: denisismagilov/fotolia.com)
Fabian Peters
Risiken für Patienten bei der Arzneimitteltherapie vermeiden
Wechselwirkungen, Nebenwirkungen und Kontraindikationen werden bei der Verwendung von Medikamenten oftmals nur unzureichend berücksichtigt. „Die Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) ist ein Thema, das zwar schon lange diskutiert wird, aber noch immer nicht ausreichend im Versorgungsalltag angekommen ist“, mahnt die Techniker Krankenkasse (TK) in einer aktuellen Mitteilung.

Eigentlich sollte es der TK zufolge selbstverständlich sein, in der Therapie auf Nebenwirkungen, Wechselwirkungen und Kontraindikationen zu achten. Doch auf der Konferenz „Innovationen für mehr Sicherheit“ der Techniker Krankenkasse kamen die Experten zu dem Schluss, dass dies in der Realität oftmals nicht gut funktioniert. Auf der Tagung meldeten sich „Vertreter der Patienten, Ärzte, Apotheker, Wissenschaftler und die gemeinsame Selbstverwaltung zu Wort und diskutierten Strategien, um die Situation zu verbessern“, so die Mitteilung der TK.

Je mehr Arzneimittel Patienten gleichzeitig einnehmen, desto größer das Risiko unerwünschter Neben- und Wechselwirkungen. (Bild: denisismagilov/fotolia.com)
Je mehr Arzneimittel Patienten gleichzeitig einnehmen, desto größer das Risiko unerwünschter Neben- und Wechselwirkungen. (Bild: denisismagilov/fotolia.com)

Auswahl individuell richtiger Medikamente
Das Thema Arzneimitteltherapiesicherheit werde schon seit vielen Jahren diskutiert und in der Vergangenheit wurden hierzu auch verschiedene gute Projekte umgesetzt, berichtet der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der TK, Thomas Ballast. Im Praxisalltag sei „davon aber bisher nicht genug angekommen“ und dies „ist zum Nachteil für die Patienten“, so Ballast weiter. Bei der Arzneimitteltherapie sei es wichtig, „dass der richtige Patient die für ihn richtigen Medikamente erhält und auch über seine Therapie Bescheid weiß“, betont der Experte. Dies verringert einerseits das Risiko unerwünschter, gesundheitsschädlicher Effekt und erhöht anderseits die Erfolgschancen der Therapie.

Gezielter Einsatz statt Gießkanne
Der eingerichtete Innovationsfonds werde sich „in seinem ersten Jahr auch mit der Möglichkeit der Förderung von Projekten befassen, die eine Verbesserung der AMTS im Fokus haben“, um die Patientensicherheit künftig deutlich zu verbessern, erläutert Professor Josef Hecken, unparteiischer Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA). Der stellvertretende TK-Vorstandsvorsitzende ergänzt, der Innovationsfonds biete gute Chancen, „das Thema voran und vor allem zu den richtigen Patienten zu bringen.“Hier müsse nicht jede/r im Alter über 65 Jahren mit mehr als drei Medikamenten überprüft werden. „Ein gezielter Einsatz bringt mehr als die Gießkanne“, so Ballast weiter.

Digitale Lösungen mit neuen Optionen
Dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der TK zufolge ist bei der Verbesserung der AMTS „ein Ansatz vielversprechend, bei dem zunächst eine Strategie entwickelt wird, um die richtigen Patienten für eine Medikationsanalyse zur Förderung der AMTS zu finden.“ Hingegen helfe ein pauschales Vorgehen, bei dem Ärzte die Therapie jedes zweiten Patienten überprüfen, wenig und sorge nur dafür, dass Ärzte die AMTS durch „Alarm-Müdigkeit“ im Alltag wieder aus den Augen verlieren. Dies sei genau der Grund, warum das Thema im Praxisalltag heute zu wenig Beachtung finde. Mit Unterstützung von digitalen Lösungen seien allerdings „zugeschnittene Kommunikationsmaßnahmen umsetzbar, die den Arzt nur dann aufmerksam machen, wenn es besonders wichtig ist“, berichtet die TK.

Nutzenbewertung der Arzneien beachten
Der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, Professor Dr. med. Ferdinand M. Gerlach, kommt zu dem Schluss, dass in Zukunft auch die Daten der Krankenkassen dabei helfen könnten, „dass die Ärzte zielgerichtet jene Patienten ansprechen, für die eine besondere Überprüfung der Arzneimitteltherapie notwendig ist.“ Dem Experten zufolge sollten außerdem die Ergebnisse der frühen Nutzenbewertung von Arzneimitteln in die Leitlinien aufgenommen werden, um Ärzten eine umfassendere Entscheidungsmöglichkeit bei der Therapiewahl zu bieten. Bei neuen Medikamenten, die nicht besser sind als bereits vorhandene, sei es oftmals schlauer, auf solche zurückzugreifen, für die es bereits umfangreiche Erfahrungen und Studien gibt.

Breites Spektrum der Arzneimitteltherapiesicherheit
Das Themenfeld der AMTS ist extrem breit gefächert. Dabei sind auch jungen Menschen betroffenen, wie beispielsweise junge Frauen bei der Wahl der richtigen Anti-Baby-Pille. AMTS fängt „bei dem Einsatz von Antibiotika bei viralen Effekten an und geht bis zu mutigen Entscheidungen, bestimmte Therapien zu verschieben oder auf den Einsatz von bestimmten Medikamenten zu verzichten“, so die Mitteilung der TK. Bereits heute stelle die TK jeweils auf die Zielgruppe zugeschnittene unterschiedliche Informationsangebote bereit. So biete die TK seit mehr als zehn Jahren mit der „Versicherteninformation Arzneimittel“ (TK-ViA) eine Auflistung der verordneten Medikamente, ähnlich dem Medikationsplan wie er frühestens im Herbst 2016 eingeführt werden soll. Daneben bestehe mit dem „Medikations-Check-up 60+“ die Möglichkeit, diejenigen Patienten zu identifizieren, die mehrere Arzneimittel bekommen und ein erhöhtes Risiko für unerwünschte Wechsel- und Nebenwirkungen haben. Auch bieten die TK-ArzneimittelCoaches Versicherten mit Typ-2-Diabetes und Rheuma telefonische Beratungen an. Ein Serviceangebot, dass in Zukunft ebenfalls auf Patienten mit KHK (Koronarer Herzkrankheit) ausgeweitet werden soll. (fp)

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