Wegen Rückenschmerzen 40 Millionen Fehltage

Heilpraxisnet

Rückenprobleme: OP ist oft nutzlos

18.06.2014

Rückenschmerzen gehören zu den Volkskrankheiten, mit denen fast jeder Erwachsene bereits zu kämpfen hatte. Ob Überlastung, falsche Bewegung oder Bewegungsmangel – wenn das Kreuz schmerzt, ist an den normalen Alltag meist nicht mehr zu denken. Häufig sind die Betroffenen ans Bett gefesselt und fallen zum Teil mehrere Wochen bei der Arbeit aus. Dem Rückenatlas der Techniker Krankenkasse (TK) zufolge, der gestern in Berlin vorgestellt wurde, mussten die Arbeitgeber 2013 insgesamt 40 Millionen Fehltage ihrer Angestellten ausgleichen. Im Schnitt war jeder erwerbsfähige TK-Versicherte 1,4 Tage wegen Rückenschmerzen krankgeschrieben.

Rückenschmerzen meist durch Physiotherapie behandelbar
Wenn der Rücken Beschwerden verursacht, sind die Betroffenen meist vollständig außer Gefecht gesetzt. Bereits kleinste Bewegungen können große Schmerzen bereiten. Nicht selten raten Ärzte zu einer Operation wie beispielsweise bei einem Bandscheibenvorfall. TK-Chef Jens Baas wies jedoch daraufhin, dass dies häufig eine Fehlentscheidung sei. Viele Rücken-OPs führen keine Besserung der Beschwerden herbei. Schmerz und Physiotherapie, manuelle Therapie, Chiropraktik oder Osteopathie sind wesentlich sanfter und häufig viel effektiver. Denn oft stecken Muskelverspannungen hinter den Rückenschmerzen.

„80 Prozent der Patienten werden nicht angemessen behandelt", erklärte Thomas Nolte, Arzt am Schmerz- und Palliativzentrum Wiesbaden. Davon seien insbesondere Bandscheibenpatienten betroffen. „Mehr als 90 Prozent der Patienten leiden unter muskulären Verspannungen, die Schmerzen verursachen. Die Verspannungen sieht man auf dem Röntgen-, CT- oder Kernspin-Bild aber nicht." Lediglich fünf bis zehn Prozent der Betroffenen hätten etwas, das durch die bildgebenden Verfahren sichtbar werde, so Nolte.

Nur selten OP bei Rückenproblemen nötig
Trotz anderer Behandlungsoptionen wird dennoch häufig wegen Rückenschmerzen operiert. Das ist nicht nur für die Patienten unangenehm, auch das Gesundheitssystem wird dadurch belastet. So ergab die Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Linksfraktion, dass 2011 mehr als 730.000 Operationen an der Wirbelsäule durchgeführt wurden. Damit hat sich die Zahl dieser Eingriffe zwischen 2005 und 2011 mehr als verdoppelt. Kritiker werfen den Ärzten und Krankenhäusern vor, ein lukratives Geschäft auf Kosten der Gesundheit der Patienten zu machen. So zahlt die gesetzliche Krankenversicherung lediglich 40 Euro pro Quartal als Beratungspauschale. Auch durch das Verschreiben von Physiotherapie verdient niemand viel Geld. Anders verhält es sich jedoch mit Rücken-OPs, für die eine Klinik zwischen 5.000 und 15.000 Euro in Rechnung stellen kann.
Im Hinblick auf den TK-Rückenatlas erläuterte Klaus Rupp, Leiter des Versorgungsmanagements bei der TK: „Die Daten zeigen uns, in welchen Regionen unsere Angebote besonders gebraucht werden. Wie zum Beispiel das Modellprojekt ‚Zweitmeinung Rücken‘, das Patienten vor einer eventuellen Rücken-OP berät. „In 80 Prozent der Fälle wurde den Patienten von der OP als Behandlungsmethode abgeraten, so dass in vielen Fällen langwierige Klinikaufenthalte vermieden werden konnten."

40 Millionen Fehltage wegen Rückenproblemen zu Lasten der Arbeitgeber
Dem Rückenatlas zufolge verzeichnete die TK im vergangenen Jahr 40 Millionen Fehltage wegen Rückenproblemen bei ihren erwerbsfähigen Versicherten. Jede zwölfte Erwerbsperson war statistisch gesehen wegen Kreuzschmerzen krankgeschrieben. „Eine Krankschreibung aufgrund von Rückenbeschwerden dauert im Schnitt 17,5 Tage und damit fünf Tage länger als eine durchschnittliche Arbeitsunfähigkeit. Für einen mittelständischen Betrieb mit 60 Beschäftigten bedeutet das, dass jedes Jahr fünf Mitarbeiter zweieinhalb Wochen ausfallen und der Unternehmer drei Monatsgehälter auf das Konto ‚Rücken‘ überweist", berichtete Baas.

Im Laufe des Erwerbslebens nehmen Rückenschmerzen deutlich zu. „Die durchschnittlichen Fehlzeiten steigen bei Männern zwischen 15 und 64 Jahren um den Faktor zehn und bei Frauen um den Faktor 8,6", erläuterte Thomas Grobe vom Aqua-Institut, das für die Auswertung der Daten für die TK übernahm. Baas wies in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung eines betriebliches und individuelles Gesundheitsmanagement hin. „Hier sind Arbeitgeber, Krankenkassen und die Betroffenen gleichermaßen gefordert. Es geht darum, Arbeit gesünder zu gestalten, aber auch um einen insgesamt gesünderen Lebensstil, der auch nach Feierabend gelebt wird", betonte der TK-Chef.

Fehltage wegen Rückenschmerzen treten besonders häufig in schwer körperlich arbeitenden Berufsgruppen auf
Wie zu erwarten wurden die meisten Fehltage wegen Rückenproblemen in den Berufsgruppen verzeichnet, die schwer körperlich arbeiten. So fehlten die TK-Versicherten in den Berufen in der Ver- und Entsorgung im Schnitt 5,1 Tage am Arbeitsplatz. Im Tiefbau wurde 4,7 Tage und in der Altenpflege durchschnittlich 4,1 Tage Fehlzeit pro Kopf verzeichnet. Berufskraftfahrer haben aufgrund der einseitigen und mangelnden Bewegung ebenfalls hohe Fehlzeiten wegen Rückenproblem (4,3 Fehltage pro Kopf).

Neben Bewegungsmangel, Überlastung oder falscher Bewegung haben aber auch psychische Faktoren Einfluss auf die Rückengesundheit. So führt Stress häufig zu Verspannungen im Nacken. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der TK hat zudem ergeben, dass drei von vier Beschäftigten, die ein hohes Stresslevel angaben, auch an Rückenschmerzen litten.

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