Welche IGeL-Leistungen wirklich sinnvoll sind

Sebastian

Neues Webportal bewertet Individuelle Gesundheitsleistungen

28.01.2012

Seit Jahren kritisieren die gesetzlichen Krankenkassen die vielfach angebotenen Zusatzleistungen seitens der Haus- und Fachärzte. Es gäbe kaum zusätzliche Gesundheitsleistungen, die tatsächlich einen Nutzen erbringen, so die vielfach geäußerte Kritik. Um eine Übersicht über Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) zu verschaffen, haben die Kassen ein neues Webportal gegründet. Ärzte und Experten werden die Leistungsangebote aus und bewerten sie nach „Schaden und Nutzen“.

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Jeder vierte nutzte bereits Zusatzleistungen beim Arzt
Immer öfter fragen behandelnde Ärzte ihre Patienten, ob sie ein sogenanntes Igel-Angebot nutzen wollen. Statt einer Erstattung müssen Patienten die angebotene Diagnose- oder Therapieleistung aus eigener Tasche bezahlen. Laut einer Studie des wissenschaftlichen Instituts der Allgemeinen Ortskrankenkassen (Wido) hat bereits jeder vierte Patient eine solche Leistungen in Anspruch genommen. Im Jahre 2001 lag der Anteil noch bei rund neun Prozent. Heute ist er bereits auf 28,3 Prozent gestiegen. Strittig ist, ob die Gesundheitsleistungen, die nicht in dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgeführt sind, tatsächlich einen medizinischen Nutzen mit sich bringen. Nunmehr soll ein Internet-Portal dabei helfen, sich im Angebotsdschungel zurecht zu finden. Hauptaussage: „Welche individuellen Gesundheitsleistungen sind nachvollziehbar und sinnvoll und welche nicht.“ Das Geschäft boomt: Etwa 1,5 Milliarden Euro geben gesetzlich Versicherte jedes Jahr für Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) aus – Tendenz steigend.

Verunsicherte Patienten stellen gehäuft Anfragen bei den Krankenkassen
„Immer wieder melden sich Patienten bei uns, die verunsichert sind, ob sie diese Leistungen in Anspruch nehmen wollen oder nicht, sagt Frank Göckeler von der Innungskrankenkasse „IKK Classic“. Zwar gebe es „die eine oder andere IGEL-Leistung, über die man nachdenken kann, beispielsweise Reiseimpfungen vor dem Urlaub.“ Viele Angebote sind allerdings aus wissenschaftlicher und medizinischer Sicht „sehr umstritten“, wie der Experte betont. Patienten sollten daher skeptisch sein, denn wenn Leistungen medizinisch notwendig sind, werden diese „grundsätzlich von den gesetzlichen Krankenkasse übernommen.“

Kassenvorstandsmitglied Gernot Kiefer des Bundesverbandes der gesetzlichen Krankenkasse (GKV) kritisierte die steigende Anzahl der Angebote. Vielfach ginge es den Ärzten um den Gewinn und nicht um die medizinische Hilfe. Die Mehrheit der angebotenen Gesundheitsleistungen seien seiner Ansicht nach „nutzlos und überflüssig“.

Am häufigsten bieten Augenärzte und Gynäkologen ihre zusätzlichen Leistungen an. Laut AOK etwa sechs bis sieben mal häufiger, als andere Fachärzte. „Die meisten Patienten sind verunsichert und möchten ihren Arzt nicht verärgern“, kritisieren Verbraucherschützer. Die Krankenkassen fordern daher eine 24-Stunden Einwilligungsfrist, bevor ein Vertrag unterschrieben wird. In der Zwischenzeit könnten Patienten sich unabhängig informieren und in Ruhe entscheiden. Wer schwer krank ist, ist häufig sehr bereitwillig, viel Geld für weitere Behandlungen zu zahlen. „Das ist vielfach auch ein Geschäft mit der Angst“.

IGEL-Monitor bietet Analysen zu Nutzen und Schaden
Hilfestellung soll nun ein unabhängiges Portal der Krankenkassen bieten. Auf der Seite „www.igel-monitor“ werden unterschiedliche Angebote verglichen und ausgewertet. Für die Analyse recherchieren Ärzte und Gesundheitsexperten gemeinsam in medizinischen Datenbanken. Die Ergebnisse werden auf wissenschaftlicher Basis zusammengetragen und im Anschluss systematisch ausgewertet. Damit der Patient genau erkennen kann, wie sinnvoll die Igel-Leistung ist, werden Nutzen und Wechsel oder Nebenwirkungen miteinander verglichen. Das Endergebnis ist dann für alle Versicherten nachvollziehbar und verständlich. Bei aller Kritik: „Bei den Angeboten stehen die medizinischen Informationen im Mittelpunkt. Diese werden sich mit seriös begründeten Empfehlungen von Ärzten decken“, sagt Göckeler.

Naturheilkunde-Bewertung recht positiv
Noch sind allerdings kaum Gesundheitszusatzleistungen auf dem Portal aufgeführt. „Jeden Monat soll eine weitere Igel-Leistung hinzukommen“, betont Peter Pick, Geschäftsführer des Patientenportals. Bereits in bis zwei Jahren sollen aber die meisten Angebote bewertet und gelistet sein. Ob das konfliktfrei von statten gehen wird, ist fraglich. Schließlich gehören zu den Leistungen nicht nur überflüssige Diagnostika, sondern auch Mittel der Naturheilkunde. Während die Akupunktur aus der traditionellen chinesischen Medizin zur Migräneprophylaxe als „tendenziell positiv“ bewertet wurde, wird die Bachblütentherapie als „unklar“ betitelt. Die Eigenbluttherapie bei Sehnenreizung wird gar als „tendenziell negativ“ angesehen. (sb)