Welt-Diabetes-Tag: Warnung vor der Zucker-Epidemie

Fabian Peters

Welt-Diabetes-Tag: Warnung vor der Zucker-Epidemie.

(15.11.2010) Am Sonntag war Welt-Diabetes-Tag. Mit dem Tag wollten die Diabetes-Experten, die Gesundheitsbehörden und die Allgemeinmediziner das öffentliche Interesse verstärkt auf die wachsende Verbreitung der chronischen Erkrankung richten. Das extra eingerichtete Zählwerk unter www.welt-diabetes-tag.de zeigt derzeit bereits mehr als 283,3 Millionen Diabetiker an und alle fünf Sekunden kommt eine / einer hinzu. Täglich erkranken 17.280 Patienten neu an Diabetes.

Volkskrankheit Diabetes
Die Ausbreitung von Diabetes ist weltweit auf dem Vormarsch und insbesondere in den Industrienationen hat die sogenannte Zuckerkrankheit bereits seit langem den Status einer Volkskrankheit erreicht. In Deutschland sind nach Schätzungen der Gesundheitsbehörden derzeit etwa acht Millionen Menschen betroffen, wobei die Experten davon ausgehen, dass rund vier Millionen Personen unerkannten mit einer Erkrankung leben. Zusätzliche haben hierzulande etwa elf Millionen Erwachsene einen erhöhten Blutzuckerspiegel, der sich ohne medizinische Behandlung in den nächsten Jahren in Diabetes manifestieren kann. Medikamente können zwar das tägliche Leben der Betroffenen erheblich erleichtern, doch stoppen lässt sich die Ausbreitung des Zivilisationsleidens mit ihrer Hilfe nicht.

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Vorbeugung mit Bewegung und gesunder Ernährung
Die Ursachen der meisten Diabetes-Erkrankungen liegt in mangelnder Bewegung und falscher Ernährung. Da „viel Essen“ und „wenig Bewegung“ eher Verhaltensweisen als Stoffwechselfunktionen des Organismus sind, nutzen die Experten den Welt-Diabetes-Tag auch, um für den Einsatz von Psychologen zur Behandlung von Diabetes zu appellieren. Denn mit Hilfe psychologischer Betreuung könne jeder Einzelne sein Verhalten dauerhaft ändern und so sein persönliches Diabetes-Risiko reduzieren. Zwar wissen die meisten Risikopatienten, das ihnen ein Gewichtsverlust und regelmäßige körperliche Bewegung gut tun würden, doch scheitert es meist an der Umsetzung. Präventionsforscher Peter Schwarz fasst die Aussagen bisheriger Studien in dem Fazit zusammen, dass fünf bis sieben Kilogramm Gewichtsverlust, gut zwei Stunden körperliche Aktivität pro Woche und einer täglichen Ernährung mit etwa 30 Gramm Ballaststoffen bei weniger als 30 Prozent Fett und zehn Prozent gesättigten Fettsäuren, Diabetes verhindert oder dessen Ausbruch zumindest um bis zu 20 Jahre verzögert. Diese relativ einfachen Vorsorgemaßnahmen umzusetzen, fällt den meisten Risikopatienten von sich aus jedoch äußerst schwer.

Krankheitsvorbeugung effektiver als Pharmakotherapie
So betonte Peter Schwarz: „Das Problem liegt in der Umsetzung. (…) Wir wissen, was zu tun ist, können es aber nicht wie gewünscht anwenden.“ Dabei zielt er auch auf ein Problem, dass hierzulande unter Mediziner bereits seit längerem kontrovers diskutiert wird. Denn „krankheitsvorbeugende Programme sind effektiver als jede Pharmakotherapie. Aber die Pille gibt’s vom Arzt verschrieben, die Lebensstiländerung nicht.“ Gesundheit-schonendes bzw. -förderndes Verhalten der Einzelpersonen hat im deutschen Gesundheitssystem bisweilen einen viel zu geringen Stellenwert, da damit keine Geldströme verbunden sind. Die Motivation der Einzelnen zu entsprechenden Verhaltensänderungen muss daher von den Betroffenen selber ausgehen und ist zum Bedauern der Experten oft entsprechend gering.

Diabetes-Risiko durch Verhaltensänderungen gesenkt
Peter Schwarz erklärte, wie schwierig es sein kann, übergewichtige Personen zu motivieren, ihren Lebensstil zu ändern, wenn diese noch keine Beschwerden wie übermäßigen Durst oder anhaltende Müdigkeit bei sich feststellen. Doch treten die Beschwerden auf, ist die Erkrankung meist schon zu weit vorangeschritten und die Mediziner können nur noch mit einer entsprechenden medikamentösen Behandlung fortfahren. Daher hat Schwarz in Sachsen zahlreiche Initiativen gestartet, um Risikopatienten in drei- bis sechsmonatigen Kursen die gesundheitsfördernde Verhaltensänderung der Ernährungsgewohnheiten und des Lebensstils beizubringen. „Den größten Erfolg erzielten arbeitslose Männer, die wir auf den Fluren der Arbeitsagentur überzeugt haben mitzumachen“, betonte der Präventionsforscher. Bei ihnen habe sich der „Taillenumfang, der maßgeblich für die Menge eingelagerten Bauchfetts ist, im Durchschnitt um sieben Zentimeter“ verringert, sie „verloren sieben Prozent an Gewicht und senkten ihren systolischen Blutdruck um 13 mmHg.“ Damit haben nach Aussage des Experten 55 Prozent der bisher rund 4.000 Kursteilnehmer „ihr Diabetes-Risiko dauerhaft gesenkt“.

Psychologische Unterstützung zur Verhaltensänderung
Im Rückblick auf seine durchgeführten Studien erklärte Schwarz: „Die besten Ergebnisse wurden immer dann erzielt, wenn Psychologen die Programme durchgeführt haben“ und so sei eine Konsequenz der Initiativen, dass in Sachsen Diabetiker kostenfrei psychologisch beraten werden. Auch Achim Peters von der Universität Lübeck, Entwickler der Selfish-Brain-Theorie, unterstützt die Ansichten von Peter Schwarz. Achim Peters geht davon aus, dass Typ-2-Diabetes nicht in erster Linie durch den Wirkungsverlust des Hormons Insulin bedingt wird, sondern eigentliche Ursache eine gestörte Energieversorgung im Gehirn ist. Dieses sendet bei Glukosemangel einen Befehl zur Nahrungsaufnahme, auch wenn die Fettspeicher voll sind. Dadurch bilden sich weitere Fettpolster und der Blutzuckerspiegel steigt, was auf lange Sicht zu einer Erkrankung mit Typ-2-Diabetes führt.

Gehirntraining zur Umsetzung neuer Verhaltensweisen
Medikamente können nach Ansicht des Experten hier nicht helfen,doch psychologische Programme, bei denen der Patient lernt, Gewohnheiten abzulegen und besser mit Stress umzugehen, bieten laut Achim Peters sehr wohl eine Option. Denn mit seinem „Train the brain“-Verfahren, sei es geglückt den Studienteilnehmern neue Verhaltensweisen auch auf Ebene des Gehirns anzutrainieren. „Die Teilnehmer haben gelernt, belastende Anforderungen zu bewältigen, ohne gleich ans Essen zu denken. In vielen Fällen ist es zu einem anhaltenden Gewichtsverlust gekommen“, erklärte der Fachmann. Daher sollten Psychologen, Psychiater, Ernährungs- und Diabetes-Experten gemeinsam möglichst zeitnah entsprechende Schulungsprogramme erarbeiten und flächendeckend umsetzen.

Medikamentöse Behandlung von Diabetes
Trotz der vielseitigen Präventionsmöglichkeiten wird Diabetes als Erkrankung auch in Zukunft nicht ohne medikamentöse Behandlung auskommen. So sind die als Tabletten verabreichten Antidiabetika, welche viele Typ-2-Diabetiker einnehmen müssen, ein wesentlicher Bestandteil der gängigen Behandlungsmethoden. Reichen die Tabletten mit dem Fortschreiten der Krankheit nicht mehr aus, wird meist auf eine Insulintherapie zurückgegriffen, die eine Injektion des Wirkstoffs vorsieht. Auch werden heutzutage immer mehr Insulinpumpen zur Behandlung der Patienten verwendet. Die etwa zigarettenschachtelgroßen Pumpen werden in der Hosentasche mitgeführt und sind über einen dünnen Schlauch mit einer sechs bis zehn Millimeter lange Nadel verbunden, die im Bauch der Patienten steckt. Die Insulinpumpen regulieren den Blutzuckerspiegel kontinuierlich – auch Nachts – um die Schwankungen zu minimieren und die Gesundheit des Patienten nicht zu gefährden.

Mit Hilfe der verschiedenen Behandlungsmethoden lassen sich die unterschiedlichen Diabetes-Erkrankungen relativ gut kontrollieren und behindern die Betroffenen in ihrem alltäglichen Leben nur wenig. Dennoch sollte jeder für sich ausreichende Vorsorgemaßnahmen ergreifen, um das persönliche Erkrankungsrisiko zu minimieren. Denn Aussicht auf Heilung besteht nach dem Auftreten der Krankheit nicht mehr. Wer sich nicht selber zu Vorbeugung motivieren kann, sollte keine Scheu haben psychologische Unterstützung beim Fachmann zu suchen, so das einstimmige Fazit der Experten auf dem Welt-Diabetes-Tag. (fp)