Welt-Hypertonie-Tage: Auch bei Kindern ist Bluthochdruck-Prävention oft sehr wichtig

Sebastian
Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden wegen Übergewicht an Bluthochdruck. Aus diesem Grund fordern anlässlich des Welt-Hypertonie-Tages Kardiologen, dass Kinderärzte in der Vorsorge verstärkt den Blutdruck kontrollieren. Das komme zu selten vor, weil Bluthochdruck als eine Alterserkrankung angesehen wird.

Immer mehr Kinder und Jugendliche haben einen zu hohen Blutdruck, weil sie übergewichtig sind. Eine europäische Leitlinie fordert deshalb, dass Kinderärzte bei Vorsorgeuntersuchungen den Blutdruck kontrollieren. Eine Mitinitiatorin begründet den Schritt auf einem Symposium der Deutschen Hochdruckliga e.V. DHL® auf dem 123. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin in Mannheim.

(Bild: M.Dörr & M.Frommherz/fotolia.com)

Hochdruckerkrankungen, auch Hypertonie genannt, waren bei Kindern früher seltener. „Betroffen waren in der Regel Kinder mit angeborenen Erkrankungen des Herzens und der Blutgefäße oder der Nieren“, berichtet Professor Dr. med. Elke Wühl, Oberärztin der Sektion Pädiatrische Nephrologie am Zentrum für Kinder und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Heidelberg. „Eine Behandlung der Hypertonie in diesen Fällen ist seit langem Routine. Die Senkung des Blutdrucks kann häufig weitere Organschäden verhindern“, fährt die Expertin fort, die sich auf die Behandlung von Nierenerkrankungen bei Kindern spezialisiert hat. Seit einigen Jahren steigt aber die Zahl der Kinder, bei denen der Blutdruck ohne zugrundeliegende Erkrankung erhöht ist. Die Ursache ist dann oft ein zu hohes Körpergewicht: „Jedes vierte Kind mit Fettleibigkeit leidet unter Bluthochdruck“, sagt Professor Wühl, Mitglied der Kommission Hypertonie bei Kindern und Jugendlichen der Hochdruckliga. Bei übergewichtigen Kindern liege der Anteil bei etwa sieben Prozent. Aber auch normalgewichtige Kinder können an Bluthochdruck erkranken.

Die European Society of Hypertension (ESH) hat deshalb im letzten Jahr ihre Leitlinien zur Behandlung von Hochdruckerkrankungen bei Kindern und Jugendlichen überarbeitet. Bekräftigt wird die Forderung, dass Kinderärzte und Hausärzte den Blutdruck bei allen Kindern und Jugendlichen kontrollieren sollen. „Ab dem 3. Lebensjahr sollte dies bei jeder ärztlichen Vorstellung erfolgen“, so Professor Wühl. Bei jüngeren Kindern sei eine Blutdruckmessung in der Regel nur bei Risikofaktoren, wie zum Beispiel nach Frühgeburt oder bei angeborenen Herzerkrankungen und Nierenerkrankungen notwendig.

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Die Diagnose eines Bluthochdrucks bei Kindern und Jugendlichen ist nicht einfach. Der Kinderarzt benötigt spezielle Blutdruckmanschetten, deren Breite und Länge dem Oberarm der Kinder angepasst sein muss. Der Blutdruck ist bei Kindern und Jugendlichen niedriger als bei Erwachsenen. Professor Wühl erläutert: „Ein Wert von 120 zu 80 mm Hg, der für Erwachsene optimal ist, ist bei einem 12-Jährigen gerade noch normal, bei einem 6-Jährigen zu hoch, bei einem 3-Jährigen ist es eine schwere Hypertonie und bei einem Neugeborenen ein Notfall.“ Die Leitlinie der ESH enthält deshalb Tafeln, die die Blutdruckgrenzen für die verschiedenen Lebensalter anzeigen. Ab dem 16. Lebensjahr gelten dann die Empfehlungen für Erwachsene, bei denen die Obergrenze bei 140 zu 90 mm Hg liegt.



Die Behandlung erfolgt bei übergewichtigen Kindern zunächst durch eine Änderung des Lebensstils. Das Ziel ist eine Gewichtsabnahme um ein bis zwei Kilo im Monat. Dies bedeutet mehr Sport und eine gesunde Ernährung. Professor Wühl erklärt: „Die Kinder müssen auf übermäßigen Zuckerkonsum und Softdrinks verzichten sowie die Zufuhr von Fett und Salz einschränken.“ Empfohlen werden reichlich Früchte, Gemüse, und Ballaststoffe. Dazu kommen mindestens 60 Minuten am Tag Sport. Außerhalb der Schule sollten die Kinder weniger als zwei Stunden am Tag sitzend verbringen.

„Wenn die Kinder abnehmen und Sport treiben, normalisiert sich in der Regel auch der Blutdruck“, berichtet Professor Wühl. Gelingt dies nicht, sollten die Ärzte sich jedoch nicht scheuen, Arzneimittel zu verordnen. Die meisten Hochdruckmedikamente seien gut verträglich und bei Kindern und Jugendlichen ebenso effektiv wie bei Erwachsenen. Wird der Blutdruck nicht kontrolliert, drohen bereits im Jugendalter erste Folgeschäden. Dazu gehören eine Verdickung des Herzmuskels und der Blutgefäße, die Vorboten für eine Gefäßverkalkung sein können. Dass sich ein Bluthochdruck mit der Zeit auswächst, ist selten. „Blutdruckveränderungen bei Heranwachsenden setzen sich ins Erwachsenenalter fort“, sagt Professor Wühl. Experten bezeichnen dies als „Tracking-Phänomen“.