Weniger ADHS Medikamente verschrieben

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DAK Studie: In den letzten Jahren wurden weniger ADHS Medikamente an Kleinkinder verschrieben, dafür allerdings mehr an Kinder zwischen 10 und 13 Jahren.

Nach zahlreichen kritischen Berichten und Untersuchungen über die Vergabe von übermäßig vielen Arzneien bei einem Aufmerksamkeitsdefizit (ADHS), haben anscheinend Ärzte weniger Medikamente wie Ritalin mit dem Wirkstoff „Methylphenidat“ an Kinder verordnet. Allerdings ist gleichzeitig auch ein Anstieg von Arzneimittel-Verordnungen bei älteren Kindern zu beobachten.

Weniger ADHS Arzneien an Kleinkinder, dafür bedeutend mehr an Kinder zwischen 10 und 13 Jahren
Sind Kinder unruhig und drängen ständig auf Bewegung, stellen viele Pädagogen, Lehrer und Ärzte oft vorschnell die Diagnose „ADHS“. Entsprechend sprunghaft ist auch die Vergabe von ADHS Arzneien in den letzten Jahren angestiegen. Zahlreiche Studien sowie einer deutlichen Kritik in der Öffentlichkeit haben anscheinend zu einem gewissen Umdenken bei kleinen Kindern geführt. Laut einer Studie der Krankenkasse DAK sank die Anzahl verordneter ADHS Arzneien bei Kindern im Alter von sechs bis neun Jahren von Ende 2007 bis Ende 2009 um knapp 24 Prozent. Ein deutlicher Anstieg der Verordnungen von sog. ADHS Arzneien ist allerdings bei Kindern zwischen 10 und 13 Jahren zu verzeichnen. In dieser Altersgruppe wurden rund 23 Prozent mehr ADHS-Medikamente verschrieben.

Vorschnelle ADHS Diagnosen
Laut einer Umfrage der Techniker Krankenkasse (TK) im Jahre 2010 glauben sieben Prozent der Eltern in Deutschland, dass ihr Kind das sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) hat. Das würde bedeuten, dass sich in jeder deutschen Schulklasse unter 28 Kindern zwei Kinder mit ADHS befänden.

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Nach Ansicht zahlreicher Gesundheitsforscher und Kritiker entsprechen solche Mutmaßungen jedoch weniger der Realität. So warnte seiner Zeit der Psychologe Johannes Klüsener: "ADHS darf jedoch nicht als schnelle Erklärung für ein anstrengendes Kind herhalten, das sich nicht elterlichen, erzieherischen oder gesellschaftlichen Normen entsprechend verhält. Nicht alles was auffällig ist, muss auch krankhaft sein."

Laut Angaben der Krankenkasse DAK wurden im Jahr 2009 rund 130.000 Rezepte für ADHS-Medikamente bei DAK-Versicherte ausgestellt, etwa 30.000 davon wurde an die Altersgruppe der 6 bis 9-Jährigen verabreicht. Der Professor Michael Schulte-Markwort vom Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf zeigte sich angesichts dieser neuen Zahlen überrascht. „Die Daten sind für mich überraschend, aber sehr begrüßenswert“, so Schulte-Markwort. Der Psychiater selbst sei nicht „zögerlicher“ in der Verordnung der „Methylphenidat“ haltigen Medikamente geworden. Bei einer ersten Diagnose werde zunächst versucht, ohne Arzneimittel dem Kind zu helfen. In erster Linie wird eine Psychotherapie angeboten sowie eine Unterstützung für die Eltern in die Wege geleitet. Erst wenn alle vorigen Therapieangebote nicht greifen, kommen auch Arzneimittel in Betracht.

Langfristige Folgen sind bislang kaum untersucht
ADHS Arzneimittel enthalten zumeist die Wirkstoffe „Methylphenidat“ und „Atomoxetin“. Bekannte Nebenwirkungen sind Herz-Kreislauf-Beschwerden, Appetitlosigkeit, Einschlafstörungen und Wachstumsstörungen. Eine Überdosierung kann zu Schwindel, Herzklopfen, erhöhtem Blutdruck und Schlafproblemen führen. Einige Kinder klagen auch unter Bauchschmerzen, Übelkeit und Kopfschmerzen. Über die Langzeitfolgen einer Jahrelangen Verabreichung solcher Medikamente gibt es noch immer keine Studien. Vielfach vermuten Kritiker, dass solche Untersuchungen nicht statt finden, um den Absatzmarkt der Arzneien nicht zu gefährden.

Die anhaltende Kritik hat jedoch insgesamt zu einem Umdenken geführt. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat beschlossen, dass zukünftig nur noch eine beschränkte Zulassung für Medikamente wie Ritalin gilt. Nur Fachärzte dürfen methylphenidat-haltige Arzneimittel an Kinder verschreiben. Zudem muss die Arzneimittel- Therapie regelmäßig unterbrochen werden, um die Wirkungsweisen der Behandlung zu überprüfen. (sb, 01.10.2010)

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Bildnachweis: Gaby Kempf / pixelio.de