Wenn der Hausarzt nicht mehr weiter weiß

Astrid Goldmayer

Deutsches Kinderschmerz-Zentrum hilft, wenn der Hausarzt keinen Rat mehr weiß

13.08.2013

Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden Angaben des Deutschen Kinderschmerzzentrums (DKSZ) zufolge an chronischen Schmerzen. Fünf Prozent aller Kinder und Jugendlicher im Alter von acht bis siebzehn Jahren sind von chronischen Schmerzen betroffen. Im „Leuchtturm“, einer bundesweit einzigartigen Therapieeinrichtung der Vestischen Kinder- und Jugendklinik in Datteln, erfahren die jungen Patienten, wie sie Schmerzen ihre „verlernen“ können.

Hausarzt kann Kindern und Jugendlichen bei chronischen Schmerzen oft nicht helfen
Für Kinder mit chronischen Schmerzen ist der „Leuchtturm“ häufig mehr oder weniger die einzige Chance in ein normales Leben zurückzufinden. Jährlich werden im Deutschen Kinderschmerzzentrum (DKSZ) rund 240 Kinder behandelt, die aufgrund chronischer Schmerzen ihren Alltag nicht mehr bewältigen können. Zeitgleich bewohnen 20 Kinder die Station, auf der sie sich zu zweit ein Zimmer teilen. Dabei lernen die Patienten, dass sie nicht allein sind mit ihrem Problem.

„Inzwischen leiden in Deutschland rund 350.000 oder fünf Prozent aller Kinder im Alter von acht bis 17 Jahren unter extrem beeinträchtigenden, immer wiederkehrenden Schmerzen. Tendenz steigend", erklärt Boris Zernikow, Leiter des DKSZ, gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“. Meist sind die Hausärzte bei den Kindern, die im „Leuchtturm“ behandelt werden, mit ihrem Latein am Ende, denn eine organische Ursache liegt den Schmerzen meist nicht zugrunde. Im DKSZ kümmern sich speziell geschulte Ärzte, Psychologen und Pfleger um die Kinder und Jugendlichen, während ihres dreiwöchigen Aufenthaltes.

Chronische Schmerzempfindung basiert auf Mischung aus biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren
„Es geht in unserer Therapie darum, dem Schmerz die rote Karte zu zeigen und aus dem Teufelskreis chronischer Schmerzen auszubrechen", erläutert Zernikow. Auch wenn die Ursache der Beschwerden unbekannt ist und kein organischer Auslöser zu finden ist, sind die Kopf-, Bauch- oder Muskelschmerzen tatsächlich da. Wie Zernikow erläutert, basiere die chronische Schmerzempfindung auf einer Mischung aus biologischen, psychologischen und sozialen Einflüssen. Auf diese Weise können Schmerzen, die eigentlich nur kurzzeitig aufgetreten wären, beispielsweise durch ein Schulfach, in dem das Kind eine schlechte Note hat, verstärkt werden. Wenn das Kind dann zuhause bleiben darf, erhält es eine „Belohnung“ für die Schmerzen, die sich darüber manifestieren können. „Chronischer Schmerz kann gelernt werden, wenn man etwas davon hat", erläutert der Experte. „Wir müssen deshalb erfahren, was den Schmerz aufrecht erhält, und das Gehirn dazu bringen, das chronische Schmerzgefühl wieder zu verlernen."

Um herauszufinden, wodurch die Schmerzen bei den Kindern und Jugendlichen ausgelöst werden, suchen die Mediziner und Psychologen in der Biografie der Patienten nach möglichen Auslösern. Das können beispielsweise eine Lernschwäche oder zwischenmenschliche Probleme sein. Die Eltern werden in die Behandlung ihrer Kinder miteinbezogen. So findet einmal pro Woche eine familientherapeutische Sitzung statt. „Sie lernen dort, wie sie zu Hause mit ihrem therapierten Kind umgehen müssen, damit sie das Kind auf dem Weg in die Gesundheit optimal unterstützen können", berichtet Zernikow.

Chronische Schmerzen als Abgrenzung gegen die Umwelt
Eine der Patientinnen ist die 15-jährige Lena, die seit zwei Wochen wegen chronischer Kopfschmerzen im DKSZ behandelt wird. Zuvor fiel sie aufgrund der Beschwerden drei Monate in der Schule aus. In ihrem Fall scheinen die chronischen Schmerzen als eine Art Abgrenzung nach außen zu funktionieren. Das Mädchen wehrt sich dadurch gegen eine zu starke Vereinnahmung durch ihre Umwelt. „Ich habe hier gelernt, mich abzugrenzen und das nicht mehr so an mich ranzulassen", berichtet Lena gegenüber der Nachrichtenagentur. Sie habe gelernt, „schwarze Gedanken in bunte Gedanken umzuwandeln". Um sie wieder fit für den Alltag zu machen, gehört vor ihrer Entlassung noch ein „Stresstag“ zur Therapie, an dem sie von 6.00 Uhr früh bis 20.00 Uhr Stationsaufgaben übernehmen muss wie beispielsweise ihre Mitpatienten wecken oder kochen. Wie Zernikow erläutert, dürfe die Behandlung ruhig anstrengend sein. „Wir sind keine Kur-Einrichtung." So soll Lena durch das straffe Tagespensum lernen, dass sie dem Schmerz keine Aufmerksamkeit schenken muss. „Wenn das Gehirn abgelenkt ist, hat es eben keine Zeit, sich um den Schmerz zu kümmern", sagt der Experte.

Chronische Rückenschmerzen könnten durch enge Verknüpfung von zwei Hirnregionen verursacht werden
US-amerikanische Forscher berichteten () im Juni vergangen Jahres im Fachmagazin „Nature Neuroscience", dass sie die Ursache für chronische Rückenschmerzen ohne ersichtliche organische Ursache entdeckt haben. Demnach sollen Unterschiede im Gehirn dafür verantwortlich sein, ob der Schmerz abklingt oder chronisch anhält. So erhöhe sich das Risiko für chronische Schmerzen umso mehr, je stärker zwei Hirnregionen, der sogenannte Nucleus accumbens und der präfrontale Cortex, miteinander verknüpft seien. Diese Bereiche des Gehirns sind einerseits an Lernprozessen beteiligt, andererseits beeinflussen sie aber auch die Verarbeitung von Gefühlen. Wie die Forscher weiter berichten, könne eine starke emotionale Reaktion auf eine Verletzung beziehungsweise den anfänglichen akuten Schmerz leichter ein chronisches Leiden auslösen, auch wenn die körperliche Ursache längst geheilt ist. Die Schmerzempfindung wird dann als fehlgeleiteter Lernprozess im Gehirn abgespeichert.

Die Forscher vermuten, dass die übermäßige Interaktion von Nucleus accumbens und präfrontalen Cortex von einigen Menschen genetischen Ursprungs oder auch auf Umwelteinflüssen zurückzuführen ist. Bei Patienten mit chronischen Schmerzen konnten die Forscher zudem eine deutliche Abnahme der grauen Substanz in einigen Hirnbereichen beobachten. Die Ergebnisse der Amerikaner könnten dabei helfen, ein erhöhtes Risiko für chronische Schmerzen bei Betroffenen zu identifizieren, um schnell Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Für Patienten mit chronischen Schmerzen ist es umso schwerer, die Beschwerden wieder loszuwerden, je länger sie andauern. (ag)

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